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Zeitreise im Malteserstift St. Josef (v.l.): Pflegewissenschaftler und Modellentwickler Professor Erwin Böhm, Pflegedienstleiterin Nadine Ernst, Heimleiterin Gislinde Dietz, Pflegerin Arza Darwish, Wohnbereichsleiterin Jana Sappa und Pflegerin Agnes Zanein im ersten Stock der Einrichtung in Percha. 

Damit Bewohner sich wohl fühlen

Alte Möbel und Gewohnheiten: So lässt Pflegeheim in Percha vergangene Zeiten wieder aufleben

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Mit historischen Möbeln und alten Gewohnheiten lässt das Malteserstift in Percha den früheren Alltag seiner Bewohner wieder aufleben. Das neue Pflegemodell für demente und verhaltensauffällige Menschen zeigt Wirkung.

Percha – Wer im Malteserstift St. Josef den ersten Stock betritt, macht eine Zeitreise: An der klassischen Garderobe hängen Mantel und Hut, darunter steht ein Wählscheibentelefon. Eine Wohnzimmer-Ecke, die aus den 1950er oder 1960er Jahren stammen könnte, lädt zum Verweilen ein: Vor der Tapete mit Blumengestecken steht ein ähnlich verziertes Sofa, Schreib- und Nähmaschine runden das historische Bild ab. Alles soll wie früher sein für die 25 alten Menschen, die hier im Westflügel wohnen.

Dass es nicht reicht, nur ein paar alte Möbel aufzustellen, erklärte Professor Erwin Böhm am Freitagvormittag vor rund 50 geladenen Gästen im Speisesaal. Das in mehr als 150 Einrichtungen etablierte Pflegemodell des Wieners wird nun ganz offiziell im Maltesterstift in Percha praktiziert. Böhm überreichte Hausleiterin Gislinde Dietz eine Tafel mit dem Erstzertifikat.

„Viele ältere Männer kommen aus der Arbeitswelt – und nicht aus der Bastelszene.“

Das Verfahren des Pflegewissenschaftlers soll dementen und verhaltensauffälligen Bewohnern vergessen geglaubte Fähigkeiten und Gefühle zurückbringen. Es basiert darauf, dass Pflegekräfte und Alltagshelfer die Biografien der alten Menschen verstehen lernen. Es gelte, ihren Alltag von einst wieder aufleben zu lassen, sagte Böhm. Der Vortrag des Wieners war unterhaltsam und unmissverständlich. Der 78-Jährige bewies sein Gespür für Sätze, die hängen bleiben. Ein Beispiel: „Viele ältere Männer kommen aus der Arbeitswelt – und nicht aus der Bastelszene.“ Oder: „Wir Alte mögen Schmalzbrot mit Zwiebeln lieber als Sushi.“

Im Maltesterstift machen die Bewohner so viel selbst wie möglich – sie sammeln Äpfel im Garten, kochen Marmelade ein, schleudern Honig oder dürfen die Teigschüssel ausschlecken, wenn es ihnen gut tut und vielleicht Kindheitserinnerungen weckt. „Die Emotionen bleiben uns. Sie unterliegen keiner Amnesie“, betonte Böhm. Das gelte vor allem für die prägende Zeit bis zum Alter von 25 Jahren.

Einen weiteren prägenden Satz sprach Böhm, um ein grundsätzliches Problem bei der Behandlung Demenzkranker anzusprechen: „Die gefährlichste Erkrankung ist die Diagnose.“ Sie führe zu oft dazu, dass Menschen abgestempelt werden und nur noch eine „Warm-Satt-Sauber“-Pflege bekämen. Anstatt Symptome und Neurosen auswendig zu lernen, sollten sich Pfleger deshalb darauf konzentrieren, durch positive Impulse ein „Daheim-Gefühl“ zu erzeugen. Laut Böhm gelingt das durch Geräusche, Berührungen oder auch zeitgenössische Produkte. „Mich erinnert Kölnisch Wasser an meine Mutter. Wenn ich das rieche, geht’s mir sofort gut.“

„Wir konnten den Einsatz von Psychopharmaka signifikant reduzieren.“

Die Ansätze des Wissenschaftlers wurden seit 2016 nach und nach in den täglichen Betrieb des Malteserstifts übernommen. Und sie zeigten bereits Wirkung, sagte Heimleiterin Dietz: „Wir sind begeistert über das, was wir alles bei den Bewohnern wecken können.“ Und Pflegedienstleiterin Nadine Ernst ergänzte, dass ein Hauptziel des Böhmschen Modells bereits erreicht wurde: „Wir konnten den Einsatz von Psychopharmaka signifikant reduzieren.“

Für die Umstellung musste das Team des Wohnbereichs „1 West“ einen Kurs durchlaufen. Die Fortschritte im Haus prüften Mitarbeiter von Böhms Europäischem Netzwerk für psychobiografische Pflegeforschung. Am Ende funktioniere das Konzept aber nur, wenn auch die Familien mitspielen, sagte Böhm: „Der Angehörige muss verstehen, dass er seine Mutter nicht versteht.“

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