1. Startseite
  2. Lokales
  3. Starnberg
  4. Starnberg

Altenpflege – ein täglicher Drahtseilakt

Erstellt:

Von: Tobias Gmach, Hanna von Prittwitz

Kommentare

Liebevolle Pflege, ein Ausflug ins Grüne: Oft scheitert das Engagement von Altenpflegekräften an dem zu engen Pflegeschlüssel.
Liebevolle Pflege, ein Ausflug ins Grüne: Oft scheitert das Engagement von Altenpflegekräften an dem zu engen Pflegeschlüssel. © Sina Schuldt/dpa

Die Auflösung des Pflegediensts der Hechendorfer Nachbarschaftshilfe wirft das Licht auf ein Grundproblem: den Personalmangel in der Altenpflege. Sowohl ambulante als auch stationäre Einrichtungen im Landkreis haben zu kämpfen. Ihre Sorgen sind nicht neu, aber die Lage spitzt sich immer mehr zu.

Landkreis – Zahlen sind Fakten, aber die ganze Wahrheit steckt auch in ihnen nicht immer. In den Caritas-Altenheimen Marienstift in Gauting und Maria Eich in Krailling sind derzeit laut Doris Schneider, Geschäftsleiterin im Caritasverband der Erzdiözese München-Freising, alle Personalstellen besetzt. Sie betont allerdings: „Es ist ein Drahtseilakt, genau die Kräfte zu kriegen, die wir brauchen. Und die 1a-Lösung, die wir gerne hätten, bekommen wir nicht immer. Wir rekrutieren viele aus dem Ausland.“ Es geht schon irgendwie, aber es ist ein ständiger Kampf: So einfach lassen sich die Personalsorgen in der Altenpflege im Landkreis Starnberg zusammenfassen. Sie beschäftigen sowohl ambulante Dienste als auch stationäre Einrichtungen.

Dass es manchmal eben nicht mehr geht, zeigt das Beispiel der Nachbarschaftshilfe (NBH) Hechendorf. Die löste ihren Pflegedienst mangels Mitarbeiterinnen zuletzt auf (wir berichteten). Für Marcus Wicke, Bereichsleiter der BRK-Heime in Gilching und Garatshausen, muss sich Grundlegendes ändern (siehe dazu auch das Interview auf Seite 5). Anreize von den Arbeitgebern oder Personalstellen-Offensiven von der Politik lösen das Problem seiner Ansicht nicht. „Alle Träger, auch die privaten, betreiben Mängelverwaltung“, sagt er. „Die Personalschlüssel für die einzelnen Pflegegrade sind zu schlecht. Wenn eine Pflegerin für zehn bis zwölf Bewohner gleichzeitig zuständig ist, ist das einfach zu viel.“

Die Personalschlüssel einzuhalten, sei „mindestens so schwierig“ wie das Auftreiben neuer Arbeitskräfte, sagt Doris Schneider von der Caritas. Beispiel: Stirbt ein Bewohner mit dem höchsten Pflegegrad fünf und zieht dann einer mit dem Grad drei ein, ändert sich der Schlüssel. Und die Pflegekassen schauen regelmäßig genau hin, ob die Stellen, die abgerechnet werden, auch besetzt sind. Deshalb sprechen die Verantwortlichen in den Heimen nicht gerne offen über freie Stellen – die es auf dem leer gefegten Markt zwangsläufig immer wieder gibt.

Aber es gibt auch temporäre Ausnahmen. Edith Maruska leitet die Häuser des Rummelsberger Stifts in Starnberg und Söcking. Sie sagt: „Wir haben gerade überhaupt keine Personalsorgen und mehrere Bewerbungen. Im September fängt eine gute Geronto-Fachkraft an.“ Maruska räumt allerdings ein, dass sie selbst erstaunt ist über die momentane Situation. „Es ist allgemein sehr schwierig, derzeit haben wir Glück.“ Und es sei ein Segen, zwei nahe beieinander liegende Häuser zu haben. „So können wir uns gegenseitig aushelfen.“

Einstiegsprämien gibt es bei Rummelsberger in Starnberg laut Maruska nicht – dafür aber günstigen Wohnraum, Fitnessstudio-Gutscheine, eine Zusatzrentenversicherung und ein sogenanntes Familienbudget. Caritas-Geschäftsleiterin Doris Schneider hält nichts von Prämien: „Sie führen nur zu einem Kampf unter den Trägern. Und es gibt Leute, die das Geld abgreifen und dann schnell wieder weg sind.“ Langfristig bringe das die Pflegelandschaft nicht weiter.

Das gelinge allgemein nicht allein mit mehr Geld, sagt BRK-Pflegeleiter Marcus Wicke: „Die Bezahlung ist nicht der entscheidende Faktor. 500 Euro mehr ändern nichts an der hohen Belastung. Und sie ist gar nicht so schlecht. Eine Altenpflegerin verdient bei uns direkt nach der Ausbildung 3100 bis 3300 Euro brutto im Monat. Dem eigentlichen Wert der Arbeit entspricht das natürlich nicht.“

Gabriele Kaller, Geschäftsleitung der Nachbarschaftshilfe Inning, bestätigt den Grundeindruck aus ambulanter Sicht: „Es ist immer schwierig, Pflegekräfte zu bekommen“, sagt sie. Umso mehr freut sie sich, dass am 1. August eine weitere Pflegekraft in Festanstellung bei der NBH angefangen hat. Das Pflegeteam setzt sich nun aus sieben Angestellten und weiteren Fachpflegekräften zusammen, insgesamt sind es rund 15 Mitarbeiter. Diese versorgen zwischen 60 und 80 Klienten. „Fachkräfte auf 450-Euro-Basis können wir aber trotzdem immer gebrauchen“, sagt Kaller. Die Suche funktioniere nur über Mund-zu-Mund-Propaganda.

Wegen Corona wurde es bei der NBH mit dem Weihnachtsgeld knapp, „aber das war eine Ausnahme“. Dafür habe die NBH lediglich Mitarbeiter in der Küche zwei Wochen in Kurzarbeit schicken müssen. „Momentan sind wir in der Pflege gut unterwegs, aber das kann sich von heute auf morgen ändern.“

Nach der Auflösung des Pflegedienstes der NBH Hechendorf hat die NBH Seefeld fünf bis sechs der zuletzt rund zehn Klienten übernommen. Dabei suchen auch die Seefelder nach Verstärkung. „In der Pflege gibt es immer Personalmangel“, stellt Pflegedienstleiterin Stefanie Zimmermann fest. Dazu kommt explizit in Seefeld eine leichte Konkurrenzsituation mit dem Seniorenquartier Pilsensee. Unter die Fittiche von dessen Betriebsgesellschaft ist schon im vergangenen Jahr der Pflegedienst der NBH Weßling geschlüpft (wir berichteten).

Sorgen macht sich Zimmermann wegen der Situation jedoch nicht. „Der Bedarf für Pflege ist wirklich hoch.“ Die NBH bekomme immer wieder auch Anrufe aus Herrsching oder anderen Nachbargemeinden. „Wir bleiben aber in Seefeld und gehen nicht raus.“ Derzeit betreuen die rund 15 Pflegekräfte 30 bis 40 Klienten. Drei Mitarbeiter sind fest angestellt. Unterstützung ist immer gefragt. Zimmermann: „Aber wir brauchen Mitarbeiter, die hier wohnen.“

Der Bedarf an Pflegekräften im Landkreis steigt in den nächsten Jahrzehnten dramatisch – eine Erkenntnis aus dem „IGES-Gutachten Pflege Bayern 2025-2050“, das Basis der aktuellen Pflegebedarfsfeststellung des Landkreises ist. Rund 300 Fach- und Hilfskräfte mehr werden danach bis 2030 benötigt, etwa 600 mehr bis 2050. Der Grund: Derzeit leben etwa 11 000 über 80-Jährige im Landkreis – schon 2025 werden es dem Gutachten nach mehr als 12 000 sein. ➔ SEITE 5

Auch interessant

Kommentare