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„Herr Kollege ... “: Dr. Stefan Koch (l.) und Dr. Andreas Jall beim Gespräch im katholischen Pfarrhaus in Starnberg. Die aktuelle Bibel in der Hand des Katholiken Jall hatte der Protestant Koch als Gastgeschenk mitgebracht. 

500 Jahre Reformation

Zwei Pfarrer im Gespräch: „Da bin ich echt neidisch ... “

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Erst der Reformationstag, dann Allerheiligen – der Doppelfeiertag beschert den meisten Bayern nicht nur viel Freizeit, sondern lenkt auch den Blick auf das Gemeinsame und das Trennende der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland. Vor diesem Hintergrund bat der Starnberger Merkur die Starnberger Pfarrer Dr. Stefan Koch (52, evangelisch, verheiratet, keine Kinder) und Dr. Andreas Jall (41, katholisch) an einen Tisch.

Starnberg – -Herr Pfarrer Koch, Sie waren beim Einführungsgottesdienst Ihres Kollegen Jall...

Dr. Stefan Koch:Und ich war ein bisschen neidisch. Weil die Katholiken so etwas echt gut inszenieren können.

Dr. Andreas Jall: Das stimmt. Es ist mir auch wichtig, die Dramatik des Gottesdienstes zu erleben, mit Glockengeläut, Weihrauch und Orgel – volle Kanne. Aber Gottesdienst ist mehr als Inszenierung. Manchmal fehlt uns die Innerlichkeit. Viele Katholiken hängen sehr am Brauchtum.

Koch: Das ist doch toll. Die Fahnenträger sind zweidreiviertel Stunden gestanden, ohne sich auswechseln zu lassen. Die waren glücklich und froh. Da habt ihr so ein Pfund.

Jall:Da bin ich auch stolz drauf und werde es pflegen und dazu einladen. Aber ich sage auch immer: Bitte habt die Geduld und wartet auf den, auf dessen Wort es ankommt. Dieses Durchhalten, diese Innerlichkeit, da ist die evangelische Kirche uns Vorbild.

Koch: Übrigens: Ihre Eucharistie, die Sie feiern, ist für mich ein gültiges Abendmahl. Wie Sie sie so feiern, wie Jesus sie eingesetzt hat. Da sind eher Sie in der Zwickmühle, weil Sie nicht sagen können, dass es bei mir auch so ist.

Jall: Ich würde Ihnen aber niemals absprechen, dass Jesus auch in Ihrer Mitte ist.

Koch: Mich hat jemand nach Ihrer Einführung angesprochen und gefragt, ob es nicht schön gewesen wäre, wenn Sie auch mir die Euchraristie gegeben hätten. Ich habe geantwortet, das hätte einen falschen Ton auf diese Feier gelegt.

Jall: Und es hätte dazu geführt, dass ich am nächsten Tag mein Amt wieder verloren hätte. Das ist eine rote Linie, da muss der Bischof handeln.

-Kann diese rote Linie überwunden werden.?

Koch: Vielleicht gibt es irgendwann eine Lösung der Ortskirchen in Deutschland.

Jall: Es ist das Ziel, diese Linie zu überwinden. Vielleicht erleben wir es noch, dass wir gemeinsam das Abendmahl Jesu feiern dürfen.

Koch: Da bin ich der erste. Aber ich bin auch der erste, der sagt, ich kann das von meinem Kollegen nicht verlangen. Weil ich weiß, dass er es mir verweigern müsste.

Jall: Es ist ein himmelweiter Unterschied, wenn Bischöfe über Ökumene reden oder wenn das Pfarrer tun. Im Gespräch der Bischöfe und Theologen untereinander kommen nur große Themen dran. Wir vor Ort hingegen sehen die Sache eher praktischer und finden so leichter Wege zueinander auf der pastoralen Ebene.

Koch:Die pastorale Realität hat vieles doch schon längst überholt, wenn man sich Taufen oder Hochzeiten anschaut. Da stellen sich manche Fragen gar nicht, die in theologische Untiefen führen. Ich finde es übrigens auch schön, wenn wir den Gottesdienst am Buß- und Bettag gemeinsam feiern. Da wollen wir Sie auf unserer Kanzel sehen.

Jall:Oh, das habe ich noch nie gemacht.

-Herr Pfarrer Jall, was bedeutet Ihnen Luther?

Jall: Luther war ein unheimlich spannender, ernster und gewissenhafter Gottes-Sucher. Dass jemand die Frage nach dem gnädigen Gott so hoch stellt, dass er bereit ist, alles zu opfern, dass er deswegen sogar damit rechnen muss, auf dem Scheiterhaufen zu landen – das nötigt mir unheimlichen Respekt ab.

Koch: Und er sagt: Was kirchliche Autoritäten mir da als Antworten bieten, reicht mir nicht. Ist das eher etwas Kritisches für Sie an Luther?

Jall:Das ist die Frage, in welchem Ich man steht. Wir als Katholiken seher unser Ich immer auch verankert in der kirchlichen Subjektivität.

Koch:Der protestantische Ansatzpunkt ist erst einmal das eigene Ich. Und dann schaue ich rechts und links und sehe, da sind noch ganz viel Ichs, und wir zusammen sind Gemeinschaft.

Jall:Darf ich etwas fragen, was mich schon immer fasziniert hat?

Koch: Bitte.

Jall: Was wir Katholiken bewundern, ist die Institution des evangelischen Pfarrhauses. Vater, Mutter, Kinder, die gemeinsam Musik machen... Da mussten wir kräftig nachholen. Sei es von der Bildung oder vom kulturellen Engagement. Ist es noch möglich, heute eine Partnerin zu finden, die sich in dieses kulturelle Gesamtensemble einbinden lässt?

Koch: Ja. Wobei man darauf achten muss, Grenzen zu ziehen. Die Erwartung der Leute ist ja, dass die Tür immer offen ist. Haben Sie eigentlich einen freien Tag?

Jall:Ja.

Koch: Und den nehmen Sie auch?

Jall: Ja. Mit Ausnahmen. Aber wie schaffen Sie es, Ihrer Aufgabe und Ihrer Familie gerecht zu werden? Eine Sache meiner Lebensform ist ja, dass ich eine fast totale Verfügbarkeit anbieten kann. An Tagen wie heute bin ich froh, dass ich keine familiären Verpflichtungen habe. Sonst hätte ich das Pensum nicht geschafft.

Koch:Ich versuche, klar zu sein und klar zu kommunizieren. Es gelingt mir leichter, abwesend zu sein, wenn ich nicht da bin. Und die meisten Sachen können ja bis morgen warten. Das evangelische Pfarrhaus verspricht nicht die tägliche Präsenz, sondern dass das Licht nicht ausgeht. Bei uns kommt es weniger auf die konkrete Person an.

-Auf welche protestantische Errungenschaft blickt der katholische Pfarrer neidisch?

Jall: Auf die große Verwurzelung in der heiligen Schrift. Die evangelische Bibel ist zerfleddert. Das ist faszinierend. Das ist ein Individualismus, mit dem man auch großen Stürmen standhalten kann, weil man sich seines gnädigen Gottes gewiss ist. So etwas haben wir noch nicht. Wissen Sie, was uns als Ideal des guten Predigers beigebracht wurde? Der evangelische Pastor.

-Herr Jall, was machen Sie am Reformationstag?

Jall: Ich bin in der evangelischen Kirche und feiere den Festgottesdienst mit (Beginn: 9.30 Uhr, Friedenskirche, Anm. d. Red.).

-Und was machen Sie an Allerheiligen, Herr Koch?

Koch:Ich gehe auf den Friedhof und besuche Gräber von Menschen, die ich begleitet habe.

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