Mit der Freigabe des Impfstoffs von Astrazeneca sorgte der Freistaat Bayern dieser Tage für positive Stimmung – aber er regte auch zum Nachdenken an, etwa wegen Haftungsfragen.
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Mit der Freigabe des Impfstoffs von Astrazeneca sorgte der Freistaat Bayern dieser Tage für positive Stimmung – aber er regte auch zum Nachdenken an, etwa wegen Haftungsfragen.

Freistaat erteilt Freigabe

Astrazeneca für alle: Mediziner finden’s gut - aber sie wundern sich auch

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Impfstoff-Lieferungen im Kampf gegen das Coronavirus sind oft unzuverlässig. Das Astrazeneca-Vakzin nun für alle Altersgruppen freizugeben, stößt bei Ärzten auf Zustimmung - und Verwunderung.

Landkreis – Es ist eine ungünstige Parallele, die bestens zur politischen Kommunikation in der Corona-Pandemie passt: Genau in der Woche, in der der Freistaat ankündigt, den Astrazeneca-Impfstoff für sämtliche Altersgruppen zuzulassen, können ihn die Hausärzte nicht bestellen. Wegen „kurzfristiger Änderungen“ könne nächste Woche nur das Vakzin von Biontech geliefert werden, meldete die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die den Ärzten wöchentlich mitteilt, welchen Impfstoff und wie viel davon sie ordern können. Dass sie genau das dann auch bekommen, kommt selten vor. Meistens ist es weniger.

Iris Blaschke, Leiterin der St.-Vitus-Apotheke in Gilching, kann das bezeugen. Sie leitet die Bestellungen mehrere Praxen jede Woche an einen Pharma-Großhändler weiter. „Für kommende Woche kriegen wir erstmals das, was wir bestellt haben. Das sagt doch alles“, sagt Blaschke. Zuletzt habe sie fünf Fläschchen von Biontech erhalten und musste sie unter drei Praxen aufteilen, die alle gleich viel geordert hatten. „Ich hatte die A-Karte“, sagt Blaschke.

Bestellvorgaben für Corona-Impfstoffe: „Es ändert sich jede Woche“

Einmal haben die Ärzte freie Auswahl, dann müssen sie unterschiedliche Hersteller angeben, dann dürfen sie nur von einem bestellen: „Es ändert sich jede Woche“, sagt auch Helen Brugger, Kreissprecherin des Bayerischen Apothekerverbands. „Die Ärzte dürfen nur limitiert ordern, und das wird dann auch noch gekürzt“, sagt sie. Wie Brugger steht auch Blaschke in engem Austausch mit den Ärzten. Nach der Astrazeneca-für-alle-Nachricht rechnet sie damit, „dass die Praxen zum normalen Telefonterror jetzt von allen überrannt werden“. Grundsätzlich sei es aber eine gute Idee, das Vakzin ohne Priorisierungen freizugeben.

Markus von Rebay, Internist in Gilching, geht schon länger so vor, auch auf Hinweis des Landratsamts. „Sonst würden wir uns schwer tun. Die Jüngeren sagen: Her damit. Die über 60-Jährigen lehnen Astrazeneca primär ab. Ich finde das nicht sehr solidarisch.“ Zumal Ältere oft kaum Impfreaktionen zeigten, wohingegen Jüngere teilweise „mit Schüttelfrost im Bett“ lägen. Komisch fand von Rebay die Freigabe durch den Freistaat, wo doch diese Woche kein „Astra“ zu bestellen war. „Ich hatte schon einige Anrufe von jüngeren Leuten“, erzählte er am Donnerstag.

Astrazeneca-Impfungen in Bayern: Ärztin bestellte vorsorglich 400 Dosen beim Landkreis

Dr. Felizitas Leitner aus Weßling verimpft Astrazeneca seit Donnerstag nicht mehr streng nach Priorisierung. „Klar, die mit einem besonders hohem Risiko für einen schweren Verlauf kommen zuerst dran. Aber von denen sind schon fast alle geimpft“, sagt sie. Wenn also heute ein gesunder 30-Jähriger bei Leitner anfragt? „Dann könnte er übernächste Woche einen Impftermin bekommen.“ Wegen der unzuverlässigen Lieferungen über die Apotheke habe sie zuletzt bewusst gleich 400 Dosen vom Landkreis geordert. Der hatte, wie berichtet eine Astrazeneca-Sonderlieferung aus Reserven des Freistaats erhalten. „Wir sind erst einmal gut eingedeckt.“

Das kann Dr. Lilian Hofmann aus Percha nicht behaupten. Sie hat diese Woche überhaupt erstmals Impfstoff bekommen, zwölf Dosen, nächste Woche sollen es nur sechs sein. Dass die Ältesten und Anfälligsten so langsam alle geimpft sind, kann sie nicht bestätigen. „Wir haben eine lange Liste mit reichlich Patienten über 80 Jahre.“ Hofmann fand die Bekanntgabe des Freistaats vor einer klaren Aussage der Ständigen Impfkommission merkwürdig. Sie habe „Bauchschmerzen“ wegen der Haftung und findet, die Politik habe die Verantwortung auf die Hausärzte abgeschoben. „Was ist, wenn was schief geht?“ Sie werde Astrazeneca auf jeden Fall verimpfen, aber die Nachfrage ihrer Patienten sei „extrem begrenzt“.

Felizitas Leitner ist froh um die Auflösung der Altersgruppen. „Es ist der Anfang vom Ende“, sagt sie. Sie habe das Gefühl, jetzt wirklich etwas gegen die Pandemie tun zu können.

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