Begehrte Ware: Dr. Felizitas Leitner bekam gestern 500 Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs geliefert. „Ich wollte mich ordentlich für die nächsten Wochen eindecken“, sagt die Hausärztin aus Weßling.
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Begehrte Ware: Dr. Felizitas Leitner bekam am Dienstag 500 Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs geliefert. „Ich wollte mich ordentlich für die nächsten Wochen eindecken“, sagt die Hausärztin aus Weßling.

Umfrage in den Praxen

10 000 Impfdosen Astrazeneca: Hausärzte greifen zu, üben aber auch Kritik - „Chaos in Lieferketten“

  • Hanna von Prittwitz
    vonHanna von Prittwitz
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  • Tobias Gmach
    Tobias Gmach
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Die 10 000 Extra-Impfdosen des Freistaats verteilt der Landkreis Starnberg an 47 Praxen. Während viele Ärzte positiv gestimmt sind, spricht ein Starnberger von „Chaos in den Lieferketten“.

Landkreis – Es sei der schönste Tag seiner bisherigen Amtszeit gewesen, als am vergangenen Freitag unverhofft 10 000 Astrazeneca-Dosen aus Reserven des Freistaats im Landkreis ankamen, sagt Landrat Stefan Frey. Es ist eine sehr begehrte Ware, wie sich schnell herausstellte. Schon am Montag hatten 47 Arztpraxen aus dem Landkreis den Impfstoff „wegbestellt“, wie es Frey formuliert. Macht im Schnitt 212 Dosen pro Praxis. Aber die Hausärzte hatten je nach Patientenbedarf ganz unterschiedliche Mengen bestellt, manche 100 Stück, andere deutlich mehr. Und nicht zu vergessen: Sie werden ja parallel von den Apotheken beliefert.

Astrazeneca-Impfdosen für den Landkreis Starnberg: Arzthelferin berichtet - „Wir arbeiten mittags durch“

Dr. Felizitas Leitner aus Weßling bekam am Dienstagnachmittag 500 Dosen, also 50 Fläschchen, vom Landkreis-Impfzentrum geliefert. „Ich wollte mich ordentlich für die nächsten Wochen eindecken“, sagt sie. Die Menge sei eine „große Verbesserung gegenüber vergangener Woche, in der Leitner über die Apotheke gerade mal sechs Dosen bekam. Zehn bis 20 ihrer Patienten will sie nun pro Tag impfen. „Ich blockiere dafür eineinhalb Stunden im Terminkalender. Wenn man das am Stück macht, funktioniert das auch“, so Leitner.

Auf gesonderte Impf-Sprechzeiten, um offene Fragen zu klären und das Corona-Gegenmittel zu verabreichen, setzen einige Praxen im Landkreis. Auch das Hausarztzentrum Gauting plant langfristig, nachmittags zwischen 15 und 16 Uhr ausschließlich zu impfen. „Aber wir sind noch in den Anfängen, die Organisation ist noch etwas chaotisch“, sagt Arzthelferin Andrea Bauer. Sie ist zwar zuversichtlich, dass sich der Impf-Betrieb einspielen wird.

Momentan sei die Belastung für das Personal aber sehr hoch: „Wir haben kaum Pausen, arbeiten mittags durch.“ Zunächst organisierte das Team die Impfung mit einer Liste der Angemeldeten, erzählt Bauer. „Aber wir wurden so überrannt, dass wir davon wieder abgekommen sind. Wir haben nur noch Telefonate geführt und Mails beantwortet.“ Die Lösung: „Wir filtern jetzt, gehen nach Geburtsdatum und Vorerkrankungen.“

Astrazeneca-Impfung: Arzt mit Situation unzufrieden - „Chaos in der Lieferkette“

Wie groß die Nachfrage ist, zeigt ein Blick auf die Webseiten der Ärzte. Die Homepage (und der Anrufbeantworter) einer Gilchinger Praxis etwa bitten darum, bei Fragen zur Impfung nur noch per E-Mail Kontakt aufzunehmen.

Olrik Lischka aus Starnberg ist unzufrieden mit der Situation. „Es wird ein neuer Vertriebsweg aufgebaut, den es gar nicht bräuchte – und der funktionierende Weg wird dadurch behindert“, sagt er. Der Allgemeinarzt, der von „Chaos in den Lieferketten“ spricht, meint die Verteilung der Dosen über Landratsamt und BRK – die bestellten hatte er bis Dienstagmittag noch nicht bekommen. Allgemein bilanziert Lischka nach den ersten Wochen: „Wir kriegen zu wenig und nicht das, was wir bestellen.“ Das erschwere die Planung. In der Starnberger Praxis-Gemeinschaft handhabe man die Impfung sehr unbürokratisch, sagt Lischka: „Es ist egal, welcher Arzt, welchen Patienten impft. Hauptsache es passiert.“

Corona-Impfung: Vorbehalte gegen Astrazeneca lassen sich im Gespräch oft ausräumen

Mehrere der befragten Ärzte stellen fest, dass sich Vorbehalte gegenüber Astrazeneca im Gespräch oft ausräumen lassen. Allerdings bedeute das einen „erhöhten Zeitaufwand“, sagt etwa Dr. Wolfgang Linder aus Gilching, der 200 Dosen bekommen hat. Ihm komme es so vor, als hätte der Landkreis das Vakzin gerne los. Das gilt übrigens auch für die kassenärztliche Vereinigung. Dort können Ärzte laut Linder und Co. nur noch gemischt und nicht nur Biontech bestellen. Linder betont allgemein: „Uns Hausärzten vertrauen die Menschen total.“

Dass er Astrazeneca nicht nach Priorität impfen müsse, sei von Vorteil, sagt Markus von Rebay, Internist in Gilching. „Das würde auch gar nicht funktionieren, weil viele, vor allem Ältere, den Impfstoff nun nicht mehr haben wollen.“ Jüngere dafür würden sofort kommen, „sie sind froh, dran zu sein“. Die Praxis erhalte unentwegt Anrufe und E-Mails. Einige Patienten seien auch beim Impftag des Landratsamts gewesen. „Sie wollten aber kein Astrazeneca und sind wieder nach Hause gefahren. Ich habe sie dann aber überreden können. Weil ich auch meine Familie mit Zeneca impfe.“

300 Dosen hatte von Rebay für seine Praxis bestellt, letztlich sind es nur 100 geworden. Die ersten 30 hat er am Dienstag verimpft, weitere 30 bis 40 folgen heute, die restlichen am Freitagvormittag. Von Rebay könnte noch viel mehr verimpfen. Eine Aussage, die sich mit der anderer Medizinern deckt. „Wir Hausärzte sind bereit, wir haben die Strukturen.“ Nun sei es an der Politik, für Impfstoff zu sorgen.

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