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Der Status quo am Bahnhof See: Über die Zukunft wird seit über 30 Jahren diskutiert.

Ziel: Ort besser an See anbinden

Bahnhofsareal am Starnberger See soll endlich ansehnlicher werden - aber wie?

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Wer mit dem Zug an den Starnberger See fährt, landet an einem ziemlich unansehnlichen Bahnhof direkt am Wasser. Das soll sich schon lange ändern - und jetzt wird es langsam tatsächlich ernst.

Starnberg – Die Mappe mit Unterlagen ist mittlerweile ganz schön dick: Vier Konzepte für die Seeanbindung liegen Starnbergs Stadträten und der Verwaltung in der Zwischenzeit vor. Da sind die Ergebnisse des Arbeitskreises Seeanbindung aus dem Jahr 2014, der sich mit einer oberirdischen Gleisverlegung beschäftigt hat. Da ist der Seetunnel, den Diplom-Ingenieur Alexander Walther im vergangenen November 15 Jahre nach den ersten Plänen nochmals vorstellen durfte. Und da sind die Konzepte von Diplom-Ingenieur Lutz Janssen (Kompakt-Bahntunnel) und des Vereins Schöner zum See („Erneuern und bewahren“), die am Montag auf der Tagesordnung des Stadtrats standen (siehe Artikel unten). Nun wird es langsam ernst. Welche Ideen verfolgt die Stadt Starnberg? Welches Konzept soll im Mediationsverfahren mit der Bahn besprochen werden?

Stadtrat soll sich einig werden

Bürgermeisterin Eva John nahm am Dienstag im Gespräch mit dem Starnberger Merkur den Stadtrat in die Pflicht. „Ich gehe davon aus, dass das Gremium jetzt eine gemeinsame Haltung entwickelt – je früher, desto besser“, sagte sie. „Mit dieser Haltung gehen wir dann in die Gespräche mit der Bahn.

Es sei Aufgabe der Politik, aus den verschiedenen Vorschlägen diese Position zu erarbeiten. „Wir als Verwaltung werden diesen Prozess begleiten und beraten“, sagte John. Inhaltlich wollte sie sich gestern nicht dazu äußern. Auch am Montag im Stadtrat hatte sie sich bedeckt gehalten.

Womöglich noch diesen Monat werde sie das Thema aber auf eine nichtöffentliche Tagesordnung des Stadtrats setzen, um das weitere Vorgehen zu besprechen, sagte die Bürgermeisterin. Zwar gebe es bislang seitens der Bahn keine Frist aber: „Wir können erst dann richtig in die Mediation einsteigen, wenn der Stadtrat weiß, was er will.“

Konzepte sollen der Bahn vorgestellt werden

Von einer Vorabfestlegung der städtischen Gremien hält Starnbergs CSU-Chef Stefan Frey dagegen nichts – zumal er eindeutige Mehrheiten für oder gegen die einzelnen Vorschläge im Stadtrat aktuell nicht sieht. Einzige Ausnahme bilde der Walther-Seetunnel, für den sich in der November-Sitzung bereits keine Mehrheit abgezeichnet hatte. „Ich befürchte, dass es derzeit schwierig ist, eine einheitliche Meinung herauszuarbeiten“, sagte Frey gestern auf Anfrage. Ihm schwebt vor, die übrigen drei Konzepte der Bahn vorzustellen und mit den Vertretern des Konzerns gemeinsam zu besprechen. „Wir sollten nicht die Rechnung ohne den Wirt machen“, mahnte Frey. Es bringe nichts, sich im Stadtrat vorab auf eine Position festzulegen, die mit der Bahn aber partout nicht machbar sei und deswegen wieder revidiert werden müsse. Frey: „Wir müssen einen gemeinsamen Weg erarbeiten.“

Variante 1: Der Kompakt-Bahntunnel - Freier Zugang zum See

Für Lutz Janssen ist es nicht weniger als ein „Jahrhundertprojekt“: Die Gleise und der Haltepunkt verschwinden in einem Tunnel – und machen so den Weg und den Blick frei von der Stadt direkt zum See. Die seit Fertigstellung der jetzigen Bahntrasse 1885 zementierte Trennung von Stadt und See soll aufgehoben werden. 

So stellt sich Lutz Janssen die Zukunft am See vor: Orange eingefärbt ist der Teil der bisherigen Bahnanlagen, die nicht mehr gebraucht werden. Schraffiert sind die Ein- und Ausfahrten des Tunnels dargestellt.

Seit drei Jahren arbeitet der Diplom-Ingenieur und frühere Verkehrsforscher bei BMW mit Akribie und großem technischem Sachverstand an seinem Kompakt-Bahntunnel. Die Idee: Kernstück ist ein 552 Meter langer Tunnel links und rechts des jetzigen Bahnhofsgebäudes, der einen ebenerdigen freien Seezugang von der Kaiser-Wilhelm-Straße bis zum Undosa ermöglichen würde. 

Der Tunnel verfügt in der von Janssen favorisierten Variante über vier Gleise, wovon die beiden mittigen für die Durchfahrt ohne Halt vorgesehen sind, also für Regionalbahn und ICE. Die beiden äußeren Gleise – jeweils mit einseitigem Bahnsteig – sind der S-Bahn vorbehalten. Es handelt sich also um einen Tiefbahnhof. Der knapp 30 Meter breite und 7,40 Meter hohe Tunnel liegt so unter der Erde, dass er bündig an den Boden der historischen Bahnhofshalle anschließt. Zur Seepromenade besteht dann ein Höhenunterschied von einem Meter.  Den Beginn der Tunnelein- und -ausfahrten plant Janssen im Norden auf Höhe der Ludwigstraße, im Süden zwischen Undosa und Münchener Ruder- und Segel-Verein.

Die Rechnung: Wie viele Millionen das Tunnel-Projekt kosten könnte, lässt Janssen offen. Allerdings sagte er am Montag: „Ich glaube, dass wir den Tunnel komplett gegenfinanzieren können.“ Die frei werdenden Bahnanlagen auf der Oberfläche will er mit Wohnungen, Gastronomie, Geschäften und Büros bebauen. Entlang der neuen Promenade seien – je nach Größe und Verdichtung – zwischen 189 und 234 Wohnungen möglich. Im nordöstlichen Bereich zur Werft der Seenschifffahrt hin kann sich Janssen Bürobauten mit insgesamt etwa 9500 Quadratmetern Nutzfläche vorstellen. 

Die Bewertung: Alle Redner im Stadtrat zollten Janssen Respekt für seine Arbeit. „Starnberg kann stolz auf solche Bürger sein“, sagte etwa Vizebürgermeister Dr. Klaus Rieskamp (BLS). Dennoch gab es Zweifel an der Realisierbarkeit des Projekts. „Ich sehe schwarz, dass ich das noch erlebe“, sagte Professor Otto Gaßner (UWG). Er wies zudem auf die bestehende „städtebauliche Kante zum See“ hin mit Gebäuden wie dem Bayerischen Hof und dem Seehof. Sollte eine neue Baulinie auf der neuen Promenade entstehen, „würden selbst die allerbesten Architekten die Identität Starnbergs verändern“. FDP-Fraktionschefin Iris Ziebart fand die Bebauung generell „überhaupt nicht gut“. Dr. Klaus Huber (WPS) brachte zudem eine „Reihe von Genehmigungsvorbehalten“ wie zum Beispiel Neigungswinkel ins Spiel. CSU-Ortschef Stefan Frey dagegen war begeistert: „Dieser Plan ist fantastisch und aller Ehren wert“, sagte er, bremste aber gleichzeitig seine Euphorie: „Ich befürchte aber, dass Starnberg nicht reif für ein solches Projekt ist.“ Dennoch sollte der Kompakt-Bahntunnel mit der Bahn besprochen werden.

Variante 2: Erneuern und bewahren - Neuer Platz, alte Gleise

Vor sechs Jahren gegründet, setzt sich der Verein Schöner zum See (SzS) seitdem dafür ein, den Bahnhof See samt Gleisanlagen dort zu belassen, wo sie sind. Jede Form von Gleisverlegung wie im Bahnvertrag von 1987 festgelegt, lehnt den Verein ab. Bereits seit einiger Zeit gibt es einen „Masterplan“ unter dem Titel „Erneuern und bewahren“, den SzS-Vize Dr. Günther Krawitz und der Architekt André Perret am Montag vorstellten. 

So stellt sich der Verein Schöner zum See die Zukunft des Bahnhof See und des Bahnhofplatzes vor. Dass der Platz nicht autofrei wird, ist auch dem Verein klar. Dort verkehren Busse und Taxis, zudem ist er die Erschließung für die Maximilianstraße

Die Idee: Der denkmalgeschützte Bahnhof See und die Unterführung werden saniert, die Bahnsteige mit Aufzügen versehen, die Bahnsteigdächer restauriert. Dazu kommt eine grundlegende Umplanung des Bahnhofplatzes. Schöner zum See will auf der Westseite des Bahnhofs lediglich die ehemalige Bahnhofsmeisterei (heutiges Taschengeschäft) stehen lassen, alle anderen Bauten sollen abgerissen werden. Auch auf der Ostseite will der Verein Hand anlegen und dort das ehemalige Nebengebäude wieder errichten. Dazu sind Terrassen und Gärten vorgesehen. „Damit soll das historische Ensemble wieder hergestellt werden“, sagte Krawitz. 

Darüber hinaus sieht der Masterplan im Wesentlichen eine Verlegung des Bahnhofplatzes an der Einmündung Kaiser-Wilhelm-Straße in Richtung Bahnlinie vor. Die Platanenreihe soll fortgesetzt werden, dazu ein markantes Gebäude entstehen – „als Platzabschluss und als Pendant zum Bayerischen Hof“, erklärte Architekt Perret. Ziel ist, den Bahnhofplatz wirklich als Platz erlebbar zu machen. Die Seepromenade soll von Hecken und Schildern befreit, durch einen begrünten Zaun zu den Gleisen abgeschirmt und mit Sitzstufen zum See hin ausgestattet werden. 

Die Rechnung: Den Kostenrahmen aller Investitionen schätzt Schöner zum See auf 24 bis 26 Millionen Euro – ohne Ausgaben für Grundstückskäufe. Rund 15 500 Quadratmeter nicht betriebsnotwendiger Bahnflächen seien für den Masterplan nötig, 1500 davon auf der Seeseite, sagte Krawitz, der sich einen Kauf, eine Pacht oder eine Nutzungsüberlassung vorstellen kann. 

Die Bewertung: Die Meinung im Stadtrat war am Montag deutlich geteilt. „Das ist nichts anderes als die Verschönerung des Ist-Zustandes“, sagte etwa CSU-Fraktionschef Ludwig Jägerhuber. „Das ist eine Vision, die ich sehr gerne akzeptiere“, lautete hingegen die Meinung von Vizebürgermeister Dr. Klaus Rieskamp (BLS). BMS-Fraktionschef Josef Pfister sagte: „Ich sehe die Chance, dass wir das Juwel aufpolieren, dass wir seit Jahrzehnten verstauben lassen.“ Dr. Franz Sengl (Grüne) und Christiane Falk (SPD) kritisierten hingegen vor allem die historisierende Darstellung des Bahnhofplatzes auf der Darstellung des Vereins. „Das Bild ist unglaublich geschönt“, sagte Sengl. Straßenverkehr werde sich auch künftig nicht vermeiden lassen, betonte er mit Blick auf die komplett verkehrsfreie Darstellung der Straße. Zudem sei völlig offen, wie alles finanziert werden solle. CSU-Ortschef Stefan Frey konnte dem „Masterplan“ wenig abgewinnen: „Vielleicht ist diese Lösung zu klein für das Geld, das sie kostet.“

Variante 3: Der Seetunnel - Straße und Gleise verschwinden

Bereits im November vergangenen Jahres durfte Diplom-Ingenieur Alexander Walther den Starnberger Stadträten seinen Seetunnel vorstellen. So berichtete der Starnberger Merkur seinerzeit:

Als Bürgermeisterin Eva John die Mitglieder des Projektausschusses Bahnhof See am Mittwochabend fragte, ob sie eine Empfehlung für den Stadtrat abgeben wollten, herrschte Schweigen im zwölfköpfigen Rund. Nein, die Idee von Diplom-Ingenieur Alexander Walther für einen Seetunnel hat auch mehr als 15 Jahre nach den ersten Plänen keine Chance auf Realisierung. „Die Idee ist zwar sehr interessant, wenn man sie auf dem Reißbrett zeichnet“, sagte CSU-Chef Stefan Frey. Bei näherem Hinsehen falle sie aber durch: Freistaat und Schlösserverwaltung seien ebenso wenig eingebunden wie Bahn und Bund, die Finanzierung des mehrere hundert Millionen Euro teuren Projekts sei völlig offen, ebenso naturschutzrechtliche Belange. Frey: „Wir müssen nach 30, 40 Jahren endlich mal zu Potte kommen und realistisch bleiben.“

Walther hatte zuvor seine Überlegungen darlegen dürfen. Der Seetunnel besteht für ihn aus zwei Komplexen: einem Bahntunnel und einem B2-Tunnel, die unterschiedliche Verläufe haben. Vereinfacht dargestellt, würden die Gleise südlich der Münchner Straße im Tunnel verschwinden und hinter dem Almeidaberg wieder zu Tage treten. In der Starnberger Bucht würde ein neuer Bahnhof samt Glasdach entstehen. Es sei eine Lösung für die nächsten hundert Jahre, sagte Walther „Damit ist Starnberg unabhängig von späteren Bahngeschwindigkeiten, Bahnbetreibern und neuen Technologien.“

Zweiter Baustein ist der B2-Tunnel, der mit dem planfestgestellten und beschlossenen Tunnel allerdings nur den Namen gemein hat. In der Walther-Variante beginnt dieser „Seetunnel Straße“ östlich der Würm, führt unter der Wassersportsiedlung in einem Bogen durch den See in Richtung Weilheimer Straße – mit unterirdischem Kreisverkehr vor dem Seespitz, Tiefgarage, Anknüpfung an den Bahnhof und Anbindung an die Innenstadt. Die Kosten hierfür sind nicht bekannt, für den Bahntunnel gibt es eine Hochrechnung aus dem Jahr 2005: rund 215 Millionen Euro. „Es ist städtebaulich die interessanteste Lösung, eine Stadt unterirdisch zu erschließen“, sagte Walther, für den der geplante B2-Tunnel zu teuer, zu wenig effizient und in der Bauphase zu problematisch ist. Dass sein Tunnel bereits im Jahr 2003 im Stadtrat durchgefallen sei, habe daran gelegen, dass er „kalkulatorisch kaputtgerechnet“ worden sei. 

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