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Sie muss auch in fremden Läden aufräumen und Bücher gerade rücken: Heidi Dannecker, Leiterin der Rupprecht-Filiale in Starnberg, sagt auch: „Man will so viel haben. Das ist vielleicht die schlimmste Berufskrankheit.“

Phänomen quer durch die Branchen

Berufskrankheiten: Wenn man nicht wegschauen kann - "Meine Frau flippt regelmäßig aus deshalb"

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Der Fahrlehrer, der seiner Frau die Richtung anzeigt; der Polizist, der auch privat ständig auf Autokennzeichen schaut; der Schönheitschirurg, der Narben als Komplikationen identifiziert. Berufskrankheiten kennt jeder: Man kann nicht wegschauen – und man sieht Dinge, die andere nicht sehen.

Starnberg/Landkreis– Journalisten lesen ständig Korrektur – auch wenn sie frei haben. Auf dem Partei-Plakat fehlt ein Komma, die Kinowerbung nimmt es nicht so genau mit der Groß- und Kleinschreibung, das Layout des Gemeindeblatts ist unübersichtlich. Den entschuldigenden Ausspruch „Berufskrankheit“ hört man oft. In diesem Fall sind nicht Rückenleiden vom Bürostuhl gemeint, sondern jobbedingte Verhaltensweisen in der Freizeit – wenn der Physiotherapeut auch im Theater das Gangbild anderer analysiert. Infiziert sind alle Branchen: Menschen aus dem Landkreis berichten von ihren Berufskrankheiten.

Der Fahrlehrer

Thomas Schubert sagt anderen täglich, wo es lang geht. Seine gewohnten Kommentare „an der Kreuzung rechts“ oder „im Kreisverkehr die erste Ausfahrt“ kann der Fahrlehrer aus Starnberg im Alltag oft nicht zurückhalten. „Egal bei wem ich mitfahre, ich sage – oder zeige – ständig die Richtung an. Das ist Standard“, sagt Schubert. „Meine Frau flippt regelmäßig aus deshalb. Wir sind mitten im Ratschen – und dann hört sie ,jetzt links‘.“

Auch wenn der 48-Jährige selbst am Steuer sitzt, beeinflusse ihn sein Beruf: „Ich blinke manchmal in Kurven, in denen man gar nicht blinken muss.“ Im Gegensatz zu den meisten Verkehrsteilnehmern halte er beim Stopp-Schild. „Ich ziehe das knallhart durch“, sagt Schubert. Und: Einerseits seinen Schüler Tempo 50 einzubläuen und andererseits selbst mit 70 durch den Ort zu düsen, fände Schubert „pharisäisch“. In diesem Fall hat die Berufskrankheit ihr Gutes: „Ich wurde in 30 Jahren Autofahren noch nie geblitzt.“

Der Polizist

Die Verkehrsüberwachung hat der Gautinger Polizeichef Ernst Wiedemann derart verinnerlicht, dass sie ihn auch in der Freizeit nicht loslässt. „Wenn mir irgendetwas Verdächtiges auffällt, schaue ich sofort aufs Autokennzeichen. Aber zu 99,9 Prozent ist überhaupt nichts passiert“, sagt er. Das sei so antrainiert – „vielleicht irgendwie gaga“, findet Wiedemann. Seine Theorie: Vielleicht ist er bei seinem Kontrollblick so konsequent, weil er auf der Inspektion zu oft feststellen muss, dass sich Zeugen eben alles gemerkt haben – außer das Autokennzeichen.

Die Buchhändlerin

Nicht weit weg vom inneren Zwang ist Heidi Dannecker, wenn es um Bücher geht. Sie leitet die Filiale der Buchhandlung Rupprecht in Starnberg. „Man kann mit mir nicht durch Städte gehen – ich muss ständig Schaufenster fotografieren und bin immer auf der Suche nach Inspiration“, sagt die 23-Jährige. Damit nicht genug – Dannecker wird auch in fremden Läden aktiv: „Ich räume dann auf oder rücke Bücher gerade, aber natürlich ganz unauffällig.“ Symptome ihrer Berufskrankheiten spürt die junge Frau aus Weßling auch in der S-Bahn: „Ich verdreh’ den Kopf sehr oft, weil ich schauen muss, was die Leute lesen.“ Wer immer von Büchern umgeben ist, müsse sich zusammenreißen, sagt Dannecker. „Man will so viel haben. Das ist vielleicht die schlimmste Berufskrankheit.“

Der Schönheitschirurg

„Ich bemühe mich redlich, im Alltag die professionelle Brille abzulegen. Sonst geht man verzerrt durch die Welt“, sagt Dr. Joachim Graf von Finckenstein. Dem Starnberger Schönheitschirurgen gelingt das aber nicht immer. Sind die aufgespritzten Lippen übertrieben? Sehen die Brustimplantate zu künstlich aus? Die schaut verdammt jung aus für ihr Alter – hat sie was machen lassen? Fragen, die sich der Arzt mit seinem geschulten Blick hin und wieder stellen müsse. „Ich erkenne auch medizinische Komplikationen – wo andere vielleicht nur denken: Das ist nicht schön.“ Beispiel: das so genannte Triefauge, das nach Problemen bei der Tränensäcke-OP nicht richtig schließt und tränt.

Bei Feierlichkeiten versuche der Schönheitschirurg meist, seine berufliche Identität zu verheimlichen. Von Finckenstein: „Sonst artet das Treffen schnell in einer kollektiven Sprechstunde aus.“

Die Friseurin

Über gewisse Äußerlichkeiten hinwegsehen, kann auch die Pöckinger Friseurin Simone Wurm nicht. „Ich schaue den Leuten immer auf den Kopf und überlege mir, was man da richten könnte.“ Solche Gedankenspiele kommen nicht selten vor, denn Wurm ist überzeugt: „Es gibt wahnsinnig viele schlecht frisierte Menschen.“ Ihre Beobachtungen: „Der Haaransatz schaut nach dem Färben schon wieder drei Zentimeter raus. Bei der Färbung hat das Mischverhältnis nicht gestimmt.“ Oder: „Manche würden mit kürzeren Haaren besser aussehen.“

Ihre Berufskrankheit nervt Wurm nicht – aber etwas anderes: „Die Leute legen nicht mehr so viel Wert auf gute Frisuren. Das Bewusstsein dafür ist ein Stück weit verloren gegangen.“

Die Floristin

Traurig macht Angelika Larché der Anblick im Kassenbereich von Supermärkten. Die Floristin, die das Einrichtungsgeschäft „Rosenrot“ in Gilching betreibt, schaut bei Blumen genau hin. „Totgespritzte Rosen erkennt man sofort. Die sind stumpf, der natürliche Glanz fehlt, und da bewegt sich nichts.“ Larché habe sich berufsbedingt ganz allgemein einen „ästhetischen Blick“ angewöhnt – „das passiert automatisch, wenn man ständig von schönen Sachen umgeben ist“. Es führt aber auch sehr oft zur Analyse und zur Klärung der Fragen: „Wo ist in diesem Chaos die Harmonie?“

Der Zimmerer

Wenig Harmonisches sieht Leopold Göring in seiner Freizeit – wenn er Gebäude begutachtet. „Für den Zimmerer schaut das Dach immer besonders schlimm aus“, berichtet der Obermeister der Innung Starnberg. Auch ob auf Baustellen die Arbeitssicherheit gewährleistet sei, müsse er mit Kontrollblicken prüfen. Ob sauber gearbeitet wurde, erkennt Göring an den Dachfenstern – allerdings nur im Winter. „Wenn sie schlecht verbaut oder isoliert sind und Wärme durchkommt, bleibt dort kein Schnee liegen.“

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