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„Alles andere als banal“: Landkreis wappnet sich für Total-Blackout - Vieles ist noch unklar

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Von: Stefan Reich

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Eine der Aufgaben in der Frühphase eines großen Stromausfalls: Fahrgäste aus liegen gebliebenen Zügen holen. Doch es gilt bald weitere Probleme zu lösen: Wasserversorgung und Kommunikation aufrecht zu erhalten etwa.
Eine der Aufgaben in der Frühphase eines großen Stromausfalls: Fahrgäste aus liegen gebliebenen Zügen holen. Doch es gilt bald weitere Probleme zu lösen: Wasserversorgung und Kommunikation aufrecht zu erhalten etwa. © Feuerwehr

Auf viele denkbare Katstrophenszenarien sieht man sich bei den zuständigen Behörden im Landkreis Starnberg gut vorbereitet. Nun will man sich auch für einen Total-Blackout wappnen.

Landkreis – Und plötzlich ist der Strom weg. Nichts geht mehr. Keine Beleuchtung drinnen wie draußen. Kühlschränke kühlen nicht, Backöfen heizen nicht, viele Heizungen genausowenig. Nicht nur kurzzeitig, sondern über Tage hinweg. Bayernweit, bundesweit oder gar in ganz Europa. Die Sorge vor einem solchen Total-Blackout ist bei vielen Experten seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine gewachsen. Hackerangriffe als mögliche Ursache werden diskutiert.

Total-Blackout: Landratsamt will für Region Starnberg Notfallplan ausarbeiten

Doch auch extreme Wetterereignisse können ebenfalls tagelang die Stromnetze lahmlegen – so geschehen im Katastrophenwinter 1978/79 in Norddeutschland oder 2005 im Münsterland. Technisches oder menschliches Versagen als Ursache halten Behörden wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ebenfalls für möglich.

Auch die regelmäßige Runde der Bürgermeister im Landkreis hat sich zuletzt mit der Frage eines Total-Blackouts befasst. Auch auf ihren Wunsch hin will das Landratsamt jetzt einen Plan ausarbeiten, wie das Leben im Landkreis in so einem Fall zu organisieren ist.

Katastrophenschutzpläne aufzustellen, ist gesetzliche Pflicht für die zuständigen Behörden. Die Landratsämter bilden in Bayern die unterste Stufe in der Katastrophenschutz-Hierarchie. Die Landräte können auf ihrem Gebiet den Katastrophenfall ausrufen und die Koordination von Rettungs- und Hilfskräften an sich ziehen, nicht erst, wenn ein größerer Personen-, Sach- oder Umweltschaden eingetreten ist, sondern bereits zu dessen Abwendung.

Plötzlich kein Strom mehr im Landkreis Starnberg: Was tun? „Frage ist alles andere als banal“

Für eine ganze Reihe von Szenarien gibt es im Starnberger Landratsamt auch schon Pläne: für das Auftreten von Pocken ebenso wie für einen Vogelgrippeausbruch oder die Afrikanische Schweinepest. Es gibt Pläne für Zwischenfälle in Kliniken und Störfall-Betrieben, für Schäden an der Nato-Kerosin-Pipeline, die durch den Landkreis läuft. Es gibt einen Autobahn-Alarmplan und einen für Zugunglücke. Auch die Ausgabe von Jod-Tabletten bei einem Störfall im Atomkraftwerk Isar 2 ist in einem eigenen Plan festgehalten.

Was aber zu tun ist, wenn es plötzlich langfristig keinen Strom mehr gibt, ist unklar. „Die Frage ist alles andere als banal“, sagt Landrat Stefan Frey. „Eine der Fragen, die wir jetzt klären wollen, ist der Bedarf an Gerät.“ Die Zahl der Notstrom-Aggregate etwa, und Fahrzeuge, um sie mitsamt Treibstoff an die richtige Stelle zu bringen.

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An einigen Orten, etwa in Krankenhäusern, gibt es natürlich Notstrom-Aggregate. Aber auch die brauchen irgendwann Treibstoff-Nachschub. „Das muss man für den Fall der Fälle wissen“, sagt Kreisbrandrat Peter Bauch, der oberste Feuerwehrmann im Landkreis. „Wer braucht dringend Strom? Wer hat selbst die Geräte dafür? Wie viel Diesel für den Betrieb kann er selber lagern? Was ist mit Tankstellen? Können und sollen sie selbstständig weiterarbeiten? Brauchen wir vielleicht eigene Treibstofflager? Wie groß müssen die sein?“

Total-Blackout: Juli-Hochwasser 2021 in Rheinland-Pfalz - Viele Fragen neu ins Bewusstsein gerückt

Im Landratsamt soll sich nun eine Person bis zu zwei Jahre lang mit nichts anderem als Katastrophenschutzplänen, vor allem für das Szenario Total-Blackout, befassen. Denn die Probleme sind vielfältig. Nach 72 Stunden geht auch den Akkus in den Masten für den Behördenfunk der Saft aus. Eine Schwierigkeit, die in all den bisherigen Szenarien keine größere Rolle spielt.

Kommunikation ist im Katastrophenschutz aber immer ein Thema. Wer hat das Sagen? Wer muss worüber informiert werden? Muss die Bevölkerung gewarnt oder gar evakuiert werden? Wann hat es Sinn, dass die Einsatzleitung nicht mehr beim Landrat, sondern beim Regierungsbezirk oder – bei ganz großen Schadensereignissen – gar beim Freistaat liegt?

Das Juli-Hochwasser 2021 in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hat viele Fragen neu ins Bewusstsein gerückt. Aus diesen Ereignissen könne man für den Landkreis aber wohl nicht viel lernen, glaubt Kreisbrandrat Bauch. Hochwasser sei hier kein großes Thema. Das würden die Feuerwehren vor Ort selbstständig beherrschen. Und zur Kommunikation? Laut Medienberichten habe das im Ahrtal nicht überall funktioniert. Wie es wirklich gewesen sei, werde man aber erst in einigen Jahren erfahren. Und man sei in dieser Frage gut aufgestellt, sagt Bauch.

Damit die Räder im Ernstfall auch schnell ineinander greifen, wird regelmäßig groß geübt. Einmal im Jahr, wenn die Corona-Pandemie es nicht gerade verhindert. Ein „Massenanfall von Verletzten“ spielte in vielen Übungen eine zentrale Rolle. Die Szenarien denkt sich die Kreisbrandinspektion aus.

Notfallplan für Total-Blackout: Kommunikation mit Bevölkerung sensibles Thema

Vor ein paar Jahren war es ein in Gauting in die Würm gestürzter Bus. „Da hat sich gezeigt, dass gerade der Verkehr ein kritischer Punkt ist. Verletzte sollen möglichst innerhalb einer Stunde, der sogenannten ,Golden hour of shock‘, in einer Klinik sein. Geht das nicht, muss man vor Ort schauen, was an Versorgung geht“, sagt Bauch.

Im echten Katastropheneinsatz waren Kräfte aus dem Landkreis bisher nur in anderen Gebieten. Hilfeleistungskontingente, die Feuerwehren aufstellen müssen, hat der Freistaat auch aus Starnberg und Umgebung schon mehrfach in andere Kreise delegiert. Landrat Frey hat selbst noch keine Erfahrung mit dem Katastrophenfall. Ein Gefühl dafür habe er bekommen, als im März in Erling bei der Molkerei Scheitz Salpetersäure austrat.

Damals waren 13 der 43 Landkreisfeuerwehren vor Ort, dazu Rotes Kreuz, Technisches Hilfswerk und Polizei. In der Spitze über 200 Personen. Koordiniert wurden sie, wie unterhalb der Katastrophenfall-Schwelle üblich, von der Integrierten Rettungsleitstelle in Fürstenfeldbruck. Niemand wurde ernsthaft verletzt. Umweltschäden gab es nicht. Hätten sich aber Chemikalien in Fließgewässer oder eine giftige Wolke in der Luft ausgebreitet, hätte es hilfreich sein können, den Katastrophenfall auszurufen, so Frey. „Solange die Lage unklar war, hat man sich zumindest gedanklich damit befasst, den Katastrophenfall auszurufen. Ich bin damals selbst rausgefahren, um mir ein Bild zu machen.“

Ein sensibles Thema ist auch die Kommunikation mit der Bevölkerung, nicht erst im Ernstfall. Wie vorbereiten, ohne den Eindruck von Panikmache zu erwecken? Wann bei möglichen Gefahren warnen? Schlägt man zu oft Alarm, nutzen sich Warnungen ab. Wartet man im Ernstfall zu lange, kann das tödlich sein. Und bei Stromausfall entfallen auch noch Fernsehen, Telefon oder Internet. Wie man dann informiert, ist eine weitere Frage, mit der man sich Landratsamt in den nächsten zwei Jahren intensiv befassen will.

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