Britin beantragt deutschen Pass

Bye, bye Britain

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Landkreis – Die Britin Christine Benahm lebt seit 42 Jahren in Deutschland. Erst jetzt beantragt sie den deutschen Pass – wegen des Brexits. Damit ist sie im Landkreis nicht alleine. 

Warum Britin Christine Benahm nicht schon früher den deutschen Pass beantragt hat? „Der Druck war nicht da“, sagt sie. Schon vor Jahren habe sie es sich überlegt. Seit 1974 wohnt die in London geborene Dolmetscherin in Deutschland. Mit großer Sorge hat sie die Volksabstimmung zum Austritt Großbritanniens aus der EU verfolgt. „Im schlimmsten Fall gibt es nun wirklich den Ausstieg“, sagt sie, „dann lebe ich in Deutschland, bin aber kein Europäer.“ 

Die Britin Benahm durfte bei Volksabstimmung nicht teilnehmen

Beantragt den deutschen Pass: Britin Christine Benahm.

Daher beantragt die 56-Jährige nun die deutsche Staatsbürgerschaft. Eine mögliche Einigung zwischen EU und Großbritannien – in welcher Form auch immer – möchte sie nicht abwarten. Wie Benahm haben sich im Landkreis Starnberg nach der Abstimmung über 100 Briten nach einer Einbürgerung erkundigt, wie Landratsamt-Sprecher Stefan Diebl sagt. Wirklich eingebürgert wurden nur drei. „Vermutlich warten die anderen noch“, glaubt Diebl. Drei neue deutsche Staatsbürger – was auf den ersten Blick als irrelevant kleine Zahl erscheint, sieht in Relation anders aus. Im vergangenen Jahr gab es nämlich keinen einzigen Antrag von Briten. 

Benahm möchte ihren englischen Pass nun abgeben und rechnet damit, in zwei bis drei Monaten ihren deutschen in den Händen zu halten. Kosten würde sie das etwa 250 Euro – die Anforderungen erfüllt sie ohnehin. Sie hatte gehofft, nie in diese Situation zu kommen. „Als über den Austritt diskutiert wurde, dachte ich, das wird niemals passieren. Das war fern meiner Vorstellungskraft.“ Je näher die Volksabstimmung allerdings rückte, umso mehr kippte ihr Gefühl. Die 56-Jährige musste tatenlos zusehen – weil sie seit mehr als 15 Jahren nicht mehr in England lebte, durfte sie nicht abstimmen. 

Endlich auch bundesweit wählen: "Das letzte I-Tüpfelchen"

Dann der Schock: 51,9 Prozent der Briten entscheiden sich für den Brexit. „Am Abend des Ergebnisses habe ich sofort recherchiert. Man denkt: Was wird jetzt aus mir?“ Als sie im Internet surfte, schlug ihr sogleich Hass auf Engländer ob der Abstimmung entgegen. „Diesen Shitstorm fand ich abartig.“ Dass sich die Briten für den Brexit entschieden haben, kann Benahm aber bis heute nicht nachvollziehen. Ein Ansatz: „Es war sehr polemisch. Die Spanne zwischen Arm und Reich ist groß, das Gesundheitssystem ist sehr schlimm.“ Daher erhofften sich viele Briten ohne die EU eine bessere Lebenssituation. „Die werden sie aber durch den Austritt nicht bekommen.“ 

Vor allem wirtschaftlich werde der Brexit England treffen. Benahm leidet mit – fühlt sich aber dennoch längst als Deutsche. Mit 14 Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland, weil ihr Vater als Systemanalytiker hier einen Job fand. „Es war eine sehr schwere Zeit für mich. Meine Eingewöhnung hat gedauert bis ich 23 war – da konnte mir keiner mehr ein U als X vormachen.“ Nun lebt die 56-Jährige in Herrsching und hat sich als selbstständige Dolmetscherin längst etabliert. Wenn Benahm den deutschen Pass hat, darf sie nun auch bei bundesweiten Wahlen abstimmen, nicht nur bei kommunalen. „Das gibt ein Gefühl der Zugehörigkeit, das letzte I-Tüpfelchen für mich.“ Der einzige Nachteil der deutschen Staatsbürgerschaft: Benahm muss – dann als Deutsche – ihre Tätigkeit im Ausländerbeirat 2018 niederlegen. Dafür geht nun ihre deutsche Tochter den umgekehrten Weg und beantragt die englische Staatsbürgerschaft – doppelte Absicherung im Hause Benahm.

Rubriklistenbild: © dpa

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