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Retter und Geretteter: Marcus Tum (r.) griff beherzt ein, als ein psychisch kranker Fahrgast seinen Stiefvater Rainer Watteroth mit einer Bierflasche verletzte. 

Lebensretter-Auszeichnung

Der stille Held aus dem Regionalzug

Wenn Ministerpräsident Horst Seehofer am Mittwoch bayerische Lebensretter mit der Christophorus-Medaille auszeichnet, ist auch Marcus Tum aus Starnberg mit dabei.

Starnberg – Marcus Tum (28) ist kein Mann, der sich und sein Handeln in den Mittelpunkt stellt. Der viele große Worte darüber verliert, wenn er geholfen hat. Denn hinzuschauen und zu helfen, wenn er gebraucht wird, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ebenso wie ein respektvoller und friedvoller Umgang der Menschen untereinander.

Genau daran hat es aber gemangelt, an jenem 6. Oktober 2015 im Regionalzug von Garmisch-Partenkirchen nach München. Gegen 10.45 Uhr steigt Tum mit seinem Stiefvater Rainer Watteroth am Bahnhof See zu. Der 57 Jahre alte Hausmeister hat einen Termin in München, Tum hat dort geschäftlich zu tun und begleitet ihn. Ein paar Minuten nach der Abfahrt spitzt sich die Situation in dem Zug dramatisch zu. „Uns war der Typ schon auf dem Bahnsteig aufgefallen. Der lief wie besoffen rum und führte Selbstgespräche“, erzählt Watteroth in der Rückschau.

„Der Typ“ ist der damals 55 Jahre Dubravko T., dem das Gericht später eine paranoide Schizophrenie bescheinigen wird. T. ist ebenfalls in den Regionalzug eingestiegen und beginnt gleich, zwei Fahrgäste anzupöbeln. „Einer Frau wollte er auch in die Tasche greifen“, sagt Watteroth. Die Schaffnerin setzt die Frau ein paar Reihen weiter, T. geht durch den Gang – und nun passiert etwas, das Rainer Watteroth und Marcus Tum bis heute nicht mehr loslässt.

„Auf einem Mülleimer stand eine leere Bierflasche“, berichtet Watteroth. „Der Typ geht an mir vorbei und haut mir die Flasche auf den Kopf.“ Im Bruchteil von Sekunden springt Tum auf, bringt den Angreifer zu Fall und fixiert ihn auf dem Boden. Aus der Platzwunde am Kopf seines Stiefvaters läuft Blut. „Ein junger Kerl von vielleicht 17 oder 18 Jahren hat mir gleich ein Tuch draufgehalten und die Blutung gestoppt“, erinnert sich der 57-Jährige.

Der Regionalzug fährt weiter bis Pasing, so lange hält Marcus Tum den Angreifer fest. In Pasing übergibt er Dubravko T. an die mittlerweile alarmierte Bundespolizei. Rainer Watteroth kommt dort ins Krankenhaus, wo ihm die drei bis vier Zentimeter lange Wunde am Kopf genäht wird. „Die Ärzte sagten noch, ich hätte Glück gehabt, dass die Flasche nicht zersplitterte. Ich bin froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist.“

Und Marcus Tum? „Ich hatte schon fast mit so was gerechnet“, sagt er im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Zwei Jahre lang hat er nach einer Ausbildung als Kfz-Lackierer in München bei der S-Bahn-Wache gearbeitet, geriet dabei oft in brenzlige Situationen. „Einmal wollte jemand mit einem Messer auf uns los“, erzählt er. Die Zeit hat ihm vor allem eines klar gemacht: „Der Respekt untereinander nimmt ab“, sagt er.

Respekt, der in einer anderen Kultur einen ganz anderen Stellenwert hat: in Japan. Dort hat Tum drei Jahre lang gelebt, im 26. Stock eines Hauses in dem Tokioter Stadtteil Asakusa. Er beherrscht Japanisch, hat bei einem Telekommunikationsunternehmen, als Übersetzer und als Englischlehrer gearbeitet – und hofft nun auf eine neue Chance im Land der aufgehenden Sonne.

Zunächst aber ist da ein wichtiger Termin in München. Am Mittwoch überreicht Ministerpräsident Horst Seehofer im Aquarium der Residenz die Christophorus-Medaille an bayerische Lebensretter. Und Marcus Tum ist einer von ihnen. „Man hilft einfach“, sagt er bescheiden. „Ich habe es nicht für eine Verleihung gemacht.“ Aber klar: „Ich freue mich.“ Auch Rainer Watteroth freut sich – über seinen Stiefsohn, auf den er so stolz ist. Und ohne dessen Eingreifen der 6. Oktober 2015 ganz anders hätte laufen können. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn er nicht im Zug gewesen wäre.“ Los lässt ihn das Erlebte nicht. „Seitdem schaue ich immer ganz genau, wer noch im Zug sitzt.“

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