Selbsttests vor dem Laden bieten wenige Einzelhändler wie Susann Kindler (l., mit Kundin Helga Lippmann) vom Starnberger Schmuck- und Modeladen Merlin an.
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Selbsttests vor dem Laden bieten wenige Einzelhändler wie Susann Kindler (l., mit Kundin Helga Lippmann) vom Starnberger Schmuck- und Modeladen Merlin an.

Finanzieller Einbruch

Corona-Testpflicht verhagelt Einzelhändlern das Geschäft - Glück für Aldi, Lidl und Co.

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Hatten Einzelhändler bisher schon zu kämpfen, beschert ihnen die Testpflicht nun den kompletten finanziellen Einbruch. Viele wollen die Konkurrenz von Aldi und Co. nicht hinnehmen.

Landkreis – „Es lässt sich niemand testen, um ein Kleid zu kaufen.“ Das Kleid könnte man in diesem Satz beliebig durch Paar Schuhe, Spielzeugauto oder Buch ersetzen. Wen man auch fragt: Die Einzelhändler im Landkreis beschreiben ihre Lage in der ersten Woche mit der Regel „Einkaufen nur mit aktuellem negativen Corona-Test“ ganz ähnlich.

Corona im Landkreis Starnberg: Testen hält Kunden vom Shoppen ab

20 Kunden hatte Susann Kindler diese Woche bis Freitagvormittag in ihrem Starnberger Schmuck- und Modeladen Merlin. „So viele hatten wir vor Corona an einem Vormittag“, sagt sie. Und: „Seit der Testpflicht nimmt die Frequenz gravierend ab.“ Dagegen habe selbst das Termin-Shopping ohne Testnachweis gut funktioniert. „Wir sind mit unserer mentalen Kraft am Ende, aber wir geben nicht auf“, betont Kindler. Bestes Beispiel dafür: Die Merlin-Chefin hat einen Tisch vor den Laden gestellt, an dem sich potenzielle Kunden zum Selbstkostenpreis von fünf Euro testen können. „Kein Nasenabstrich, man schiebt sich das Stäbchen unter die Zunge“, erklärt sie. Die Teststellen an Seepromenade oder Schlossberghalle sind Kindler zu weit weg. „Bis der Kunde dort ist, hat er das Einkaufen schon wieder verworfen.“

Ein Lichtblick für Kindler und Kollegen: In der Starnberger Innenstadt plant die Stadt-Apotheke, in den kommenden Tagen eine Art Testmobil aufzustellen, wie Betreiber Dr. Sebastian Baehs auf Nachfrage bestätigte. Aus der Idee, dieses Angebot am Kirchplatz zu starten, wurde laut Stadt-Sprecherin Lena Choi nichts – auch weil der Wochenmarkt dort Platz beansprucht.

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Corona im Landkreis Starnberg: „Es lässt sich niemand testen, um ein Kleid zu kaufen“

Tests vor dem Laden bietet auch Bettina Krebs von „Modafein Fashion“ in Starnberg an. Und noch viel mehr: In Live-Streams und Videotelefonaten führt sie Kunden virtuell durch den Laden, wirbt mit großer Reichweite täglich in den sozialen Medien. Der Online-Shop etabliert sich mehr und mehr, das „Outdoor-Shopping“ vor dem Geschäft kommt gut an. „Aber ohne das alles würde gar keiner mehr kommen“, sagt sie. Die ersten beiden Tage der Testpflicht seien „katastrophal“ gewesen. Und dann sagt Krebs den Satz mit dem Kleid. Sie hofft auf einen Gewöhnungseffekt – dass es irgendwann zur Normalität wird, sich ein Stäbchen in die Nase oder sonst wohin zu schieben.

Die Stimmung ist mies, wo man auch anruft. Roswitha Treml vom Schuhhaus Treml in Herrsching: „Das ist ein riesengroßer Mist und geschäftsschädigend.“ Ihr würden immer wieder Leute den Impfpass vorlegen. „Aber ich darf sie ohne Test nicht reinlassen. Wir haben viele mit Problemfüßen, die Beratung nötig hätten. Das tut mir im Herzen weh.“ Treml ärgert sich auch über „ungerechte Behandlung“. Was sie meint, bringt die Starnberger Modehändlerin Susann Kindler auf den Punkt: „Es stinkt uns, dass sich die Leute in Supermärkten und Drogerien tummeln – ohne Tests, ohne Achten auf Abstände.“ Und sie schickt hinterher: „Wenn man den Test dort bräuchte, könnte man noch weiter shoppen gehen.“

Anruf im Gilchinger Spielzeuggeschäft „Spielgenuss“ bei Gisela Woerl. „Wir haben ständig die Tür auf und eh kaum Kunden. Ich sehe keinen Sinn in der Testpflicht in kleinen, überschaubaren Läden“, sagt sie. Das Schlimmste sei die Ungewissheit, die fehlende Planungssicherheit. Für sie gehe es im Moment nur darum, den Laden offen und präsent zu halten. „Aber es ist sehr beschwerlich. Die Rechnung geht nicht auf.“

Corona im Landkreis Starnberg: Bemühungen um Teststellen in Ortszentren

Vom kleinen Laden zum großen Starnberger Hagebaumarkt. PR-Beauftragter Daniel Hornof hängt viel am Kunden-Telefon. Es herrsche Unmut, weil Privatleute nur mit Test reinkommen – im Gegensatz zu Handwerkern mit Gewerbeschein. Er spricht von einem „unglaublichen Einbruch“ in dieser Woche.

Wie in Starnberg laufen auch in Tutzing Bemühungen um eine Teststelle im Ortszentrum. „Wir versuchen alles, was möglich ist“, sagt Roberto Mestanza, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Tutzinger Gewerbetreibender (ATG). Etliche Fragen seien aber noch zu klären. So gebe es Angst vor Menschentrauben, und die Gültigkeitsdauer der Tests sei zu prüfen. „Fast die größte Hürde ist der Datenschutz“, sagt Mestanza. Für eine Teststelle sind in Tutzing zwei Flächen im Gespräch. Eine von ihnen bietet Thomas Thallmair von Intersport Thallmair auf seinem Parkplatz an der Traubinger Straße an, der recht zentral liegt. Als weitere Möglichkeit gilt ein zum Teil leer stehender Laden an der Hauptstraße.

Gut möglich, dass die Teststellen demnächst so wenig frequentiert werden wie die Läden derzeit: Der Landkreis kratzt an der 150er-Inzidenzmarke, über der Händler nach dem neuesten Beschluss ihre Waren nur noch abholen lassen dürfen.

Mitarbeit: Lorenz Goslich

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