Pandemie-Realität 1: Die Azubis Julius Parche, Maximilian Weiß und Marcus Wagner (v.l.) kochen im Augustiner am Wörthsee für sich selbst, um was zu lernen.
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Pandemie-Realität 1: Die Azubis Julius Parche, Maximilian Weiß und Marcus Wagner (v.l.) kochen im Augustiner am Wörthsee für sich selbst, um was zu lernen.

Reaktionen aus dem Landkreis Starnberg

Doch keine Öffnungen - Wirt: „Dann sind wir im Winter alle platt“

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Außengastronomie, Kinos und Fitnessstudios dürfen nun doch nicht öffnen: Die betroffenen Unternehmer aus dem Landkreis Starnberg sind frustriert - manche resignieren mittlerweile.

Landkreis – Nur zwei Wochen, nachdem Bayerns Regierung den komplexen Fahrplan aus dem Lockdown verkündet hatte, gilt er schon nicht mehr. Gastronomen, Kinos, Konzerthäuser, Theater und Fitnessstudios dürfen am Montag nun doch nicht öffnen – selbst wenn der Inzidenzwert im Landkreis unter 100 bleibt. Am Freitag lag er bei rund 70. So mancher Unternehmer hatte die Kehrtwende der Politik erwartet, man müsse mittlerweile mit dem Hin und Her rechnen, heißt es. Die meisten der Befragten reagieren gleichwohl mit großem Unverständnis.

Wirte: Frustration und Zukunftsängste

Die Gastronomen in der Region sind coronabedingt mittlerweile gut vernetzt. Am Donnerstag, als Söder und Co. den Öffnungsstopp verkündet hatten, trafen sich rund 25 per Online-Schalte. „Alle sind sehr frustriert“, berichtet Claudia Aumiller, Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, auch aus der WhatsApp-Gruppe der Wirte. Till Weiß, Inhaber des Augustiner am Wörthsee, wird viel deutlicher: „Wenn sie uns nicht ermöglichen, unser Geld im Sommer zu verdienen, dann sind wir im Winter alle platt.“ Die Politik stecke in einer schwierigen Situation, er habe ein gewisses Verständnis, sagt Weiß. „Aber ich verstehe nicht, warum sie nicht auf die Dehoga hört. Wir haben funktionierende Hygienekonzepte. Die Gastro ist kein Pandemietreiber.“

Weiß fühlt sich in diesen Zeiten auch seinen Azubis verpflichtet, es sei wichtig, die Motivation bei ihnen aufrecht zu erhalten. „Wenn sie nur im Kiosk draußen Burger und Schnitzel zum Mitnehmen verteilen, lernen sie ja das Kochen nicht.“ Deshalb zeigt der Chef seinen Lehrlingen immer wieder „schöne Sachen“. Zuletzt kochten sie im Augustiner gemeinsam Crepinette und gebackene Praline von der Wachtel auf Tobinambur-Crème mit hausgemachten grünen Spinatnudeln und glasierten Zuckerschoten.

Pandemie-Realität 2: Ein Lkw liefert Biergarten-Garnituren zum Tutzinger Midgardhaus, die nun erst mal doch nicht gebraucht werden.

Ein Lkw lieferte Anfang der Woche Tische und Stühle zum Biergarten am Tutzinger Midgardhaus. Wirt Alexander Urban war trotz Kälte bereit für den Start am Montag, aus dem nun nichts wird. Er betont: „Wir hatten Monate lang zu, und die Inzidenzen gingen trotzdem hoch.“ Es sei besser, Geselligkeit öffentlich und kontrolliert zu ermöglichen als im privaten Raum, „im Wald oder auf Stegen“. Genau wie Weiß fände Urban es unsinnig, Gäste, die draußen an Tischen mit 1,5 Metern Abstand sitzen, testen zu müssen.

Fitnessstudios: „Kollektives Unwissen“

Frank Opis, Geschäftsführer des Aktivparks in Gilching, hatte mit dem Start am Montag gerechnet – also damit, dass Fitnessstudios in die Kategorie „kontaktloser Sport innen“ fallen. „Aber wir werden ja nie explizit erwähnt. Man muss sich als Normalsterblicher stundenlang einlesen, um rauszufinden, was gilt.“ Aus dem Starnberger Landratsamt habe er erst am Donnerstag auf Nachfrage eine kompetente Auskunft erhalten. „Die Regierung lässt die Verwaltungsbeamten vor Ort im Stich“, sagt Opis. Er spricht von „kollektivem Unwissen“. Und er sorgt sich nicht nur um seine Existenz, sondern auch um seine Kunden. „Viele spüren, dass ihre Vitalität in den Keller geht. Manche Menschen sind auf Fitnesstraining angewiesen.“

Rosemarie Döllinger vom Gesundheitsclub „Life Competence“ in Tutzing klingt ähnlich: „Viele Senioren brauchen das Studio. Gesundheit braucht Muskeln.“ Sie habe nicht mit einer Öffnung am Montag gerechnet, sei aber trotzdem zuversichtlich: „Ich arbeite daran, ein Zertifikat zu bekommen, unabhängig von der Corona-Lage öffnen zu dürfen. Aber es ist ein weiter Weg“, so Döllinger. Ihre Forderung: Wer in professionelle Lüftungs- und Filteranlagen investiert, müsse belohnt werden. Nur negativ getestete Kunden reinzulassen, lohne sich nicht, weil vielen das zu umständlich ist, vermutet Döllinger. Und sie betont: „Wir müssen aus dem Wirrwarr rauskommen.“

Pandemie-Realität 3: Frank Opis steht nachdenklich in seinem Fitnessstudio in Gilching. 

Kinos: Resignation und Sarkasmus

Bei Kinobetreibern ist die Vorfreude Resignation gewichen. „Ich habe die Schilder, dass wir wieder aufmachen, dann wieder aus den Schaufenstern genommen“, sagt Michael Teubig vom Tutzinger Kurtheater. Viel Arbeit stecke in den Plänen zur Wiedereröffnung. „Natürlich sehe ich ein, dass wir nicht normal öffnen können, wenn die Zahlen so hoch sind“, erklärt Teubig. Doch gebe es mit den Schnelltests solide und sichere Möglichkeiten, den Betrieb zu ermöglichen.

Auch Matthias Helwig, Betreiber der Breitwand-Kinos im Landkreis, resigniert: „Mittlerweile kann man die Entscheidungen nur noch mit Sarkasmus ertragen.“ Der Politik fehle es am Verständnis für die Mechanismen verschiedener Betriebe. „Es läuft ja nicht allein durch das Aufschließen der Türen, da gehören viele Tage Planung dazu“, so Helwig. Besonders die Filmverleiher benötigten meist mehrere Wochen Vorlauf. Ein wenig optimistisch ist Helwig aber auch: „Es wird eine Zeit nach Corona geben. Bis dahin müssen wir durchhalten.“

Mitarbeit: Gregor Scheu

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