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Gerhard Joksch: Der Starnberger Erfinder der Olympia-Piktogramme

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Von: Dirk Walter

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Piktogramme
Markenzeichen der Olympischen Spiele: die Piktogramme © Marcus Schlaf

Starnberg – Die Olympia-Piktogramme kennt jeder, den Künstler dahinter wahrscheinlich eher nicht. Manchmal liest man, die weltberühmten Strichzeichnungen stammten von Otl Aicher. Das stimmt nur so halb – der Chefgrafiker der Olympischen Spiele von 1972 war zwar die prägende Figur in der Abteilung XI „Visuelle Gestaltung“ des Organisationskomitees (OK), das die Münchner Spiele auf die Beine stellte. Doch Urheber vieler der Balkenmännchen war ein anderer: der Starnberger Gerhard Joksch.

Otl Aicher hatte ein ganzes Team um sich geschart, darunter auffallend viele Frauen, die Olympia 1972 ihren Stempel aufdrückten: die auffälligen Farben – Hellgrün, Orange, Silber statt Schwarz, Rot, Gold, die Fahnen mit dem berühmten Strahlenkranz, der heute noch bei der Glücksspirale verwendet wird, die Plakate, der berühmte Dackel „Waldi“ – all das kam aus der Abteilung XI. Und natürlich die Piktogramme.

Sie stammten fast alle aus der Zeichenfeder des Grafikers Gerhard Joksch. Der Zeichner ist vor zwei Jahren in Starnberg-Söcking gestorben, seine Witwe Eva hütet sein Erbe. Die zierliche Frau führt ins Wohnzimmer, am Boden liegen riesige Olympia-Plakate im DIN-A0-Format, auf dem Wohnzimmertisch ein Ordner mit Briefen, Zeichnungen und Zeitungsausschnitten – Einblicke in das Lebenswerk eines Künstlers. Ihr Mann Gerhard, 1940 in Böhmen geboren, hatte nach Schule und Wehrdienst bei den Gebirgsjägern in den 60er-Jahren an der Grafischen Akademie in München studiert und sich während des Studiums durch Karikaturen für unsere Zeitung etwas hinzuverdient. Dadurch wurde Otl Aicher auf ihn aufmerksam.

Schon 1964 gab es erste Piktogramme

Aicher, verheiratet mit der Sophie-Scholl-Schwester Inge, war auf der Suche nach Grafikern, die Olympia 1972 einen „heiteren“, aber eben auch modernen Anstrich verleihen sollten. Das grafische Gepräge sollte die 72er-Spiele klar von der Berliner Nazi-Olympiade 1936 unterscheiden. Die grafische Moderne war Aichers Markenzeichen – klare Konturen und gerade Linien, nichts Verspieltes, aber auch nichts Pompöses sollten die Piktogramme kennzeichnen. Für die legendären Strichfiguren – ein Journalist nannte sie „Balkenmännlein“ – gab es, wenig bekannt, einen Vorläufer: Schon bei den Spielen 1964 in Tokio wurden Symbole für die Sportarten verwendet. Das griff Joksch auf. In seinem Nachlass finden sich für manche Sportarten, etwa die Laufwettbewerbe, Gegenüberstellungen. Tokio 1964 – München 1972. „Manchmal kamen ihm spätabends Ideen, dann hat er sich hingesetzt und gezeichnet“, sagt Eva Joksch.

Ein Mann
Gerhard Joksch © dw

Am Anfang war er sich wohl noch unsicher, ob die Sportart für jeden auf den ersten Blick erkennbar sein würde. Da traf es sich gut, dass seine Frau Eva Grundschullehrerin war. Sie nahm die ersten Piktogramme, den Sprinter und den Fußballer, mit in ihre Schule in München-Harthof und legte sie den Viertklässlern vor. Die erkannten auf Anhieb, was gemeint war – Test bestanden. Auch für einige damals nicht-olympische Sportarten wie Tischtennis oder Segelfliegen zeichnete Joksch Piktogramme – die dann auch von der ARD-Sportschau übernommen wurden.

Ein ganz normaler Bürger

Die meisten Piktogramme entstanden in Aichers Büro, das eine Künstler-Atmosphäre atmete. Ihr Mann habe da manchmal etwas gefremdelt, sagt seine Witwe. Er war gewiss keine Spaßbremse, er feierte mit, wenn Otl Aicher das Team in sein Allgäuer Zuhause einlud. Und er leistete sich den Spaß, die Silhouetten einiger Kollegen in einem Olympia-Plakat – dem für den modernen Fünfkampf – zu verstecken. Auf innige Bitte von OK-Chef Willi Daume schnitt er aus dem Ruder-Plakat, das den Deutschland-Achter zeigt, einen Kopf heraus und ersetzte ihn durch die Silhouette von Daumes persönlichem Sekretär, der ebenfalls ein Ruderer war – allerdings kein so guter, dass er es ins Olympia-Team geschafft hätte. Das sorgte für Schmunzeln in Aichers Büro. Aber dennoch gab es Unterschiede im Team, meint Eva Joksch. „Das waren Künstler, mein Mann war ein ganz normaler Bürger. Wir wurden belächelt, weil wir in der Freizeit in die Berge gingen, während die anderen abhängen.“ Abhängen – so sagte man damals.

Gerhard Joksch ging es nicht ums Abhängen, er wollte vorankommen. Nach dem Ende der Spiele lockte die Karriere – Joksch wurde Chefdesigner bei der Münchner Rück, wo er 22 Jahre lang das Erscheinungsbild des Unternehmens prägte. Doch sein Lebenswerk ging darin nicht auf – er zeichnete daneben insgesamt wohl etliche hundert Karikaturen für die „SZ“ und unsere Zeitung (die letzte erschien im Jahr 2000). Seine Karikaturen wurden regelmäßig im Bayerischen Fernsehen gezeigt (im Wechsel mit Ernst Maria Lang und Dieter Hanitzsch).

Starnberg verwehrte ihm den Kulturpreis

Vor allem aber war Gerhard Joksch auch leidenschaftlicher Starnberger, er liebte den Maisinger See und das gesellige Leben in der Stadt. Es gibt unzählige Logos und Embleme, die Joksch für die Stadt und die Vereine gestaltet hat: Musikkreis, Schloßberghalle, Heimat- und Volkstrachtenverein, Wasserpark, Seniorenverein, Grundschule – selbst für die Gestaltung des Pfarrbriefs war er sich nicht zu schade.

Da ist es erstaunlich, dass Joksch nie den Kulturpreis der Stadt erhalten hat, obwohl er sich 2014 darum beworben hatte. Die Absage, erinnert sich seine Frau, hat ihn damals tief getroffen. Für manche Künstler gibt es ganze Museen, Tagungen, Ausstellungen. Das grafische Erbe Gerhard Jokschs ist etwas untergegangen – Zeit für eine Wiederentdeckung.

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