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Caritasverband sorgt sich um die Mittelschicht im Kreis Starnberg

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Von: Peter Schiebel

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Erfolgsmodell Sozialkaufhaus: Caritas-Geschäftsführer Ulrich Walleitner (l.), Starnbergs katholischer Stadtpfarrer Dr. Andreas Jall (2.v.l.) und die Caritas-Vorstände Jan-Peter Schacht (4.v.l.) und Dr. Andrea Maria Ritter mit den Mitarbeitern Mathias Eder und Dieter Matoridlow.
Erfolgsmodell Sozialkaufhaus: Caritas-Geschäftsführer Ulrich Walleitner (l.), Starnbergs katholischer Stadtpfarrer Dr. Andreas Jall (2.v.l.) und die Caritas-Vorstände Jan-Peter Schacht (4.v.l.) und Dr. Andrea Maria Ritter mit den Mitarbeitern Mathias Eder und Dieter Matoridlow. © Peter Schiebel

Der Caritasverband im Landkreis Starnberg zählt pro Jahr 1300 Kunden im Sozialkaufhaus, begrüßt 1000 Besucher im Seniorentreff, kümmert sich um rund 140 Obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte Personen – und er sorgt sich zunehmend um die Mittelschicht im Landkreis. Nun haben die Verantwortlichen ihre Themen vorgestellt.

Landkreis – Noch steht die Finanzierung für die neue Wohnung. Beide Partner arbeiten, können sich Zins und Tilgung leisten. Aber: „Wenn die Finanzierung mit heißer Nadel gestrickt ist, wird es bei 300 Euro Mehrkosten pro Monat für die ohnehin schon sehr teure Lebenshaltung und die Energie eng“, sagt Starnbergs katholischer Stadtpfarrer Dr. Andreas Jall und befürchtet: „Die Krise wird auf die Mittelschicht übergreifen.“ Nicht jetzt sofort, vielleicht auch noch nicht in einem halben Jahr, aber über kurz oder lang sieht Jall wirtschaftliche Gefahren für Handwerker und Facharbeiter im reichen Landkreis Starnberg. Von einem „schleichenden Prozess“ spricht Ulrich Walleitner, der Geschäftsführer des Caritasverbandes im Landkreis. Zusammen mit den Caritas-Vorstandskollegen Jan-Peter Schacht und Dr. Andrea Maria Ritter hatten Walleitner und Jall dieser Tage zu einem Pressegespräch über die aktuelle Situation eingeladen.

Caritasverband Starnberg: Wir wiesen niemandem die Tür

„Wir sind die Helfer in der Not“, sagte Schacht. „Und wir wollen transparent machen, was wir machen und welche Sorgen und Nöte wir haben.“ Wo die Caritas helfe, herrsche oft „unattraktive Not“, sagte Jall. Verschuldete Menschen oder Landstreicher, die dreckig und alkoholisiert am Pfarrhaus klingelten – „damit schmückt man sich nicht gerne und verdrängt es“. Die Caritas weise niemandem die Tür, sondern leiste Nächstenlieben im besten christlichen Sinn.

In der Geschäftsstelle an der Leutstettener Straße 28 in Starnberg arbeiten zurzeit 28 hauptamtliche Mitarbeiter, hinzu kommen etwa 140 Ehrenamtler. Neben einer allgemeinen Sozialberatung sind es vor allem drei Bereiche, in denen die Caritas tätig ist. Da ist zum einen das Sozialkaufhaus im Untergeschoss des Gebäudes. Auf rund 290 Quadratmetern gibt es Möbel, Haushaltswaren, Kleidung, Elektronik, Spielwaren, Bücher und vieles mehr. Ewa 1300 Kunden kommen pro Jahr, die sich dort für kleines Geld eindecken, derzeit verstärkt Menschen aus der Ukraine, die oft mit kaum mehr angekommen sind, als sie am Leib tragen. Spenden gibt es reichlich. Darüber hinaus bietet das Sozialkaufhaus Langzeitarbeitslosen die Chance zur Wiedereingliederung.

Obdachlosenhilfe großer Aufgabenbereich

In der Öffentlichkeit noch bekannter ist der Seniorentreff Starnberg, den die Caritas in den Räumen des Ilse-Kubaschewski-Hauses an der Hanfelder Straße mit einem vielfältigen Programm betreibt. 1000 Menschen würden pro Jahr kommen, viele mehrfach, erklärte Walleitner. Es gehe um „Teilhabe an der Gesellschaft“. Soziale Grenzen gibt es nicht. Die Palette der Besucher reiche „von wohlhabend bis am Existenzminium“.

Dritter großer Aufgabenbereich ist die Obdachlosenhilfe. Knapp 40 Menschen ohne festen Wohnsitz würden regelmäßig zu dem Container kommen, den die Caritas unweit des Bahnhof See in Starnberg betreibe, sagte Walleitner. Die überwiegende Mehrheit lebe dauerhaft im Landkreis, etwa sieben bis acht Menschen seien auf der Durchreise. Hinzu kommen die Beratungsstelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit in Gilching mit rund 35 Klienten – und die Präventionsstelle für Wohnungslosigkeit in Starnberg, die jährlich etwa 70 Menschen betreut. In 80 Prozent der Fälle gelinge es, die Wohnungslosigkeit zu verhindern, erklärte der Geschäftsführer. Oft gehe es um befristete Mietverträge, Eigenbedarfskündigungen und den Verlust von Dienstwohnungen. Dabei verstehe sich die Caritas als „neutrale Stelle“, sagte Walleitner. Zum Beispiel, was die Kommunikation von Mietern und Vermietern anbelangt.

„Für immer mehr Familien wird es schwieriger, trotz Vollzeitjob ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“

Den Trend sehen die Verantwortlichen dabei mit Sorge. „Für immer mehr Familien wird es schwieriger, trotz Vollzeitjob ihren Lebensunterhalt zu bestreiten“, betonte Walleitner. Die hohe Inflation wirke existenzgefährdend.

1,5 Millionen Euro stehen dem Caritasverband in diesem Jahr zur Verfügung. Etwa 330 000 Euro sind Erträge von Sozialbürgerhaus und Seniorentreff, rund 800 000 Euro staatliche Zuschüsse. Der Rest des Geldes sind sogenannte Eigenmittel: Kirchensteueranteile, Sammlungen, Spenden. Wenn immer weniger Kirchensteuer fließt, weil immer mehr Menschen austreten, gleichzeitig aber die Anforderungen steigen, kann das finanziell herausfordernd sei. Um die „komplette Aufrechterhaltung unserer Dienste bei steigenden Anforderungen“ erfüllen zu können, hofft Vorsitzender Schacht nun auf ein Plus bei Spenden, Schenkungen oder auch Erbschaften. Wer sich näher über die Caritas informieren möchte, wird auf caritas-starnberg.de fündig.

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