Perspektivenwechsel: Künstler Andreas Sarow fast ganz oben auf der „Wiege von Starnberg“. Nach der Eröffnung dürfen Starnberger und Besucher die rund 50 Treppenstufen hinaus in Richtung Himmel gehen. 	Fotos: Andrea Jaksch
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Perspektivenwechsel: Künstler Andreas Sarow fast ganz oben auf der „Wiege von Starnberg“. Nach der Eröffnung dürfen Starnberger und Besucher die rund 50 Treppenstufen hinaus in Richtung Himmel gehen.

Kunst in der Stadt

Die „Wiege von Starnberg“: Groß, großartig – und ganz schön schrill

  • Peter Schiebel
    vonPeter Schiebel
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43 Meter lang, elf Meter breit, zehn Meter hoch und leuchtend magenta: An der Bahnhofstraße in Starnberg entsteht derzeit das größte und schrillste Kunstwerk im Landkreis. Verantwortlich für „Wiege von Starnberg“ ist Künstler Andreas Sarow, der im Jahr 2019 schon mit „Die letzte Bastion“ für Aufsehen gesorgt hatte.

Starnberg – Die einen werden vielleicht die Stufen zählen, die anderen den Ausblick auf See und Berge genießen, ganz andere einfach nur die Seele unter dem weißblauen Starnberger Himmel baumeln lassen. Das, was gerade an der Bahnhofstraße entsteht, hat das Zeug zum Publikumsmagnet – allein schon wegen seiner schrillen Farbe. „Wiege von Starnberg“ nennt der 46 Jahre alte Künstler Andreas Sarow aus Pforzheim das Kunstwerk, an dem er und sein sechsköpfiges Team in den nächsten Tagen letzte Hand anlegen. Für Freitag nächster Woche ist die Eröffnung geplant. Anschließend steht das begehbare Objekt der Bevölkerung offen.

Das Grundstück gehört dem Starnberger Projektentwickler Ehret und Klein. Bis Ende vorigen Jahres waren dort der „Pizza Drive“ und das Fahrradgeschäft Bike It untergebracht, vor einigen Wochen haben die Abrissarbeiten begonnen. Ehret und Klein plant einen Neubau mit Wohnungen und Gewerbe (wir berichteten). Bis das aber so weit ist, hat das Unternehmen Künstler Sarow mit der Zwischennutzung beauftragt.

Groß und schrill und einzigartig: Blick auf „Wiege von Starnberg“ vom Boden aus.

„Den ersten Kontakt gab es vor rund einem Jahr“, sagt Sarow im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Nicht zuletzt durch seine „Letzte Bastion“ war Ehret und Klein auf ihn aufmerksam geworden. Unter dem Titel hatte der Künstler im Jahr 2019 ein Abrisshaus neben der Stadtbücherei an der Hauptstraße umgestaltet und für viel Aufsehen gesorgt.

Nun also die „Wiege von Starnberg“ – 42 Meter lang, elf Meter breit, zehn Meter hoch. Die Holzkonstruktion besteht aus einem Plateau, von wo aus rund 50 Treppenstufen nach oben führen. Das Plateau befindet sich auf dem ehemaligen Parkplatz, als Unterkonstruktion der Treppe fungiert ein leer stehendes Wohnhaus. Insgesamt ist das leuchtend magentafarbene Objekt für 700 Personen ausgelegt. Mit dem 1,50-Corona-Abstand passen zeitgleich 75 Personen aufs Plateau und 50 auf die Treppe.

„Für mich war diese Fläche in der ersten Wahrnehmung ein Unort, den viele kannten, aber ihm nur flüchtig begegneten“, sagt Sarow. „So am Vorbeifahren. Ohne Wertschätzung, ohne städtebauliche Definition, ohne urbane Qualität.“ Und das, obwohl die Stelle an der Verbindung von Innenstadt und Museum Starnberger See, nur durch die Bahnlinie vom Wasser getrennt, an sich herausragend ist. Die Nachbarschaft zum historischen Lochmann-Haus aus dem frühen 16. Jahrhundert macht sie für Sarow zur „Wiege von Starnberg“.

Noch sind einige Arbeiten zu erledigen. Das Holz stammt zum Teil übrigens von früheren Arbeiten des Künstlers.

„Meiner Meinung nach leidet Starnberg im Kern unter dem zunehmenden Verlust seiner Identität und damit verbundenen Lebensqualität“, sagt er. Kunst und Kultur, gerade auch im öffentlichem Raum, könnten der wesentliche Schlüssel sein, diese Identität und Qualität nachhaltig zu entwickeln und zu prägen. Schließlich habe Starnberg dafür historisch und geografisch die besten Voraussetzungen.

Den schrillen Farbton nennt Sarow „typisch“ für seine Arbeiten. Gerade an dieser Stelle eigne er sich perfekt – als Kontrapunkt zum Grün der Natur und zum Braun des Lochmann-Hauses. Für ihn ist die „Wiege von Starnberg“ von den Ausmaßen her „die bislang größte und aufwendigste Installation, die ich je gemacht habe“. Nun hofft er darauf, dass sich möglichst viele Starnberger und Besucher nach der Eröffnung von ihr einnehmen lassen. „Die Neugier ist das, was uns alle ausmacht“, sagt Sarow. „Nachschauen, was kommt dahinter, was erwartet mich? Nehmen Sie die Skulptur in Besitz, erobern Sie sie, wechseln Sie Ihre Perspektive und entdecken Sie neue Ansichten von Ihrem Starnberg.“

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