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Früher „Flex“, heute Felix: Felix Benneckenstein erzählt Schülern der Starnberger Berufsschule von seiner Zeit als Neonazi und wie er den Ausstieg aus der rechten Szene geschafft hat.

Vortrag an der Berufsschule

Vom Neo-Nazi zum Mahner

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Felix Benneckenstein war ein überzeugter Neonazi. Ein Erlebnis änderte für ihn alles – er stieg aus. Aus „Flex“ wurde in der Szene ein Verräter. Der 31-Jährige erklärt Starnberger Berufsschülern, wie er nach und nachabrutschen konnte.

Starnberg – Es ist Jahre her, dass Felix Benneckenstein das letzte Mal Punks aufgemischt hat. Die Glatze, die er früher hatte, war ihm da schon peinlich. Er trug lieber Scheitel und Bomberjacke. „Flex“, wie sie ihn in der Neonazi-Szene nannten, hatte sogar eine eigene CD herausgebracht: „Bock auf Freiheit.“ Zwölf rechtsradikale Lieder und ein Bonustrack. Acht Jahre ist das her.

Heute steht Felix Benneckenstein in einem Unterrichtsraum der Starnberger Berufsschule und erklärt, wie aus ihm „Flex“ werden konnte – und wie er aus der Neonazi-Szene ausstieg. Hier ging der frühere Erdinger selbst zur Schule. Nach seinem Ausstieg begann er, vor Schülern über seine Erfahrungen zu sprechen und für die Initiative „Exit“ zu arbeiten, die Rechtsradikalen beim Ausstieg aus der Szene hilft. Benneckenstein gibt zu, dass es ihn so langsam ermüdet, über seine Geschichte zu sprechen. Und doch fährt er sich beim Erzählen immer wieder durch die Haare, manchmal überschlagen sich seine ohnehin schon schnellen Sätze. Es wühlt ihn auf, wenn er über seine Familie spricht.

Fragezeichen bleiben im Kopf

Mit sechs Jahren nahmen ihn seine Eltern mit auf eine Demonstration gegen die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen. Sein Bruder hat das Down-Syndrom, seine Mutter ist Epileptikerin – was nicht ins arische Bild der Nazis passt. „Im Dritten Reich wäre ich gar nicht auf die Welt gekommen. Und ich schließe mich der Neonazi-Szene an. Da sind heute noch Fragezeichen in meinem Kopf“, sagt Benneckenstein.

Damals war aber alles ganz anders. Mit 13 Jahren entdeckt Benneckenstein die Rebellion als neues Lebensziel. Auf dem Gymnasium schreibt er so lange schlechte Arbeiten, bis er auf der Hauptschule landet. Dort ist er der Pausenclown. „Das war für mich wichtig.“ Aufmerksamkeit auf Zeit. Dann interessieren sich die Anderen mehr für ihren Abschluss. Benneckenstein beginnt, sich für die Ideologie rechter Mitschüler zu interessieren, ihre Bücher zu lesen. „Ich habe die Verschwörungstheorien gefressen.“ Er liest, bis er daran geglaubt. „Wir Deutsche gegen Ausländer und den Staat. Sich zum Freiheitskämpfer zu erklären, da war ich stolz auf mich.“

Empathie für die Opfer

Irgendwann gehen seine Freunde den rechten Weg nicht mehr mit. „Ich zog nach Dortmund, weil der Nationalsozialismus dort mehr gelebt wurde.“ Dort läuft es für ihn – bis ein Streit unter Nazis ausbricht und Benneckenstein Empathie für die Opfer empfindet. Er hinterfragt die Grundlagen der Ideologie: „Will ich in einem Nazi-Staat leben?“ Will er nicht. Seine spätere Frau Heidi hat er in rechten Kreisen kennengelernt. Zusammen wagen sie den Ausstieg, drei Jahre lang. „Das war ideologisch extrem heftig. Ich hatte mich reingelesen – diese Hintergründe musst du wieder rausbekommen.“ Einzelne Argumente reichen bei Diskussionen mit Nazis nicht, sagt Benneckenstein. „Das ist eine Ideologie, da hängt für viele ein ganzes Lebensgerüst dran.“

Aufmerksame Zuhörer

Die Berufsschüler im Raum, angehende Kinderpfleger, hören über eine Stunde lang gespannt zu. Was, wenn sie bei ihrer Arbeit ein Kind bemerken, das mit rechten Äußerungen auffällt? „Das Kind auf keinen Fall isolieren“, rät Benneckenstein. Es solle wenigstens in der Einrichtung Normalität erleben können. Ein Patentrezept gebe es für Pädagogen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht. „Ich setze auf inhaltliche Auseinandersetzung.“ Dann holt sich Benneckenstein einen Kaffee – nach der Mittagspause stehen Vortrag drei und vier für heute an.

Für Aussteiger: Beim Verlassen der rechten Szene können Einrichtungen helfen. Eine Stelle ist die Initiative Exit: www.exit-deutschland.de/

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