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Schon nach einem Tag Belegausgabepflicht kommt Werner Gschwendtner auf einen beachtlichen Stapel Quittungen. Er sammelt sie, um zu sehen, wie viel Papier er für den Bondruck zusätzlich braucht. 

Um Steuerhinterziehung vorzubeugen

Ein Kassenbon für jeden Kaugummi

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Seit Jahresbeginn sind Einzelhändler und Gastronomen verpflichtet, für jede noch so kleine Transaktion einen Kassenbon auszugeben. Die Belegausgabepflicht soll vor Kassenmanipulation und Steuerhinterziehung schützen – und stößt bei den Betroffenen auf geteiltes Echo.

Landkreis – Der Stapel der liegengelassenen Kassenbons wächst mit jeder Minute. Werner Gschwendtner steht in seinem Kiosk an der Starnberger Seepromenade. Seit Mittwoch gilt die Belegausgabepflicht. Seit Mittwoch sammelt er Kassenbons. Bons, die er für seine Kunden gedruckt hat. Schon am Donnerstagvormittag ist seine Sammlung auf weit mehr als 100 Stück gestiegen. „Wir legen den Leuten den Beleg halt hin“, sagt Gschwendtner. „Aber die meisten ignorieren ihn.“

Ein paar zusätzliche Rollen des Thermopapiers – des Papiers, auf dem Kassenbelege gedruckt werden – hat Gschwendtner schon unter seiner Kiosktheke. Um abschätzen zu können, wie viele er zusätzlich braucht, hebt er alle vergessenen Kassenzettel auf. Jetzt im Winter, wenn am See weniger los ist, gehe das mit der Bonausgabe noch ganz gut. Aber im Sommer, wenn die Schulklassen ihre Ausflüge an den See machen und jeder sich einzeln einen Kaugummi kaufe, „wird das uferlos“, prognostiziert der Kioskbetreiber.

Geschäftsführer begrüßt Gedanken hinter der Maßnahme

Auch in der Starnberger Eiswerkstatt türmen sich die Kassenbons. Geschäftsführer Jan Thunig nimmt eine Handvoll, knüllt sie zusammen und wirft sie in die Tonne gleich neben der Ausgangstür. Die Idee, dass alle Transaktionen nun überprüfbar werden, findet er prinzipiell richtig. Zumindest den Gerechtigkeitsaspekt dahinter. Doch durch die zusätzlichen Belege entstehen Unmengen Müll. Und Kosten. Für das Café am Starnberger Kirchplatz rechnet Thunig mit Mehrkosten von 1000 bis 1200 Euro im Jahr, „die eins zu eins im Müll landen“, gibt der Geschäftsführer zu bedenken. „Die jetzige Lösung ist für die Umwelt ein Desaster“, so Thunig weiter.

Etwas gelassener versucht Hedwig Boneberger von der gleichnamigen Gilchinger Bäckerei die Belegausgabepflicht zu sehen. „Ich rege mich nicht auf über Sachen, die ich nicht ändern kann“, sagt sie. Ohnehin ändere sich für die Familienbäckerei nicht viel. Ihre Verkäuferinnen geben schon seit einem Jahr Verkaufsbelege aus. Aber nur ein Prozent der Kundschaft wolle diesen tatsächlich haben.

Metzger geben schon lange ungefragt Kassenbons aus

Und auch in den Metzgereien habe die Verpflichtung zur Bonausgabe kaum Konsequenzen für den Alltag. Walter Wittur, Metzgermeister aus Berg: „Bei mir bekommen die Kunden immer einen.“ Oliver Lutz, Obermeister der Metzger-Innung Starnberg, hat das ebenfalls nie anders kennengelernt. Schon im Betrieb seiner Eltern habe man seit jeher einen Kassenbon bekommen. „Uns belastet vielmehr etwas anderes“, sagt Lutz. Erst vor zwei Jahren habe er aufgrund gesetzlicher Verpflichtung auf ein digitales Kassensystem umstellen müssen. Die Kassen sind direkt mit der Wage an der Theke verbunden. Damit alles, was gewogen und gekauft wird, so auf dem Kassenbon steht. Die Umstellung seiner zwei Filialen in Pöcking und Tutzing habe ihn damals rund 120 000 Euro gekostet. Nun muss er die Kassen nachrüsten. Kosten: 500 Euro pro Kasse. „Das hätte man alles gleich in einem Aufwasch machen können“, sagt Lutz verärgert.

„Ich bin Metzgermeister und kein IT-Experte“

An der Bonpflicht stört ihn vor allem, dass ihm und anderen quasi unterstellt wird, Beträge unterschlagen zu wollen oder die Kassen zu manipulieren. Das sei mit den digitalen Kassensystemen ohnehin nicht möglich. Hier werde jede Eingabe verbucht. „Ich bin Metzgermeister und kein IT-Experte“, so Lutz.

Was auch Jan Thunig ärgert: „Das Problem, zu wenig Personal zu haben, wird auf Gastronomie und Einzelhandel abgewälzt.“ Ihm wäre es lieber, dass Finanzamt würde mehr echte Kassenkontrollen durchführen, etwa drei pro Jahr und Betrieb. Und mit dem nötigen IT-Wissen könne das Finanzamt sich sogar in das Bestellsystem einhacken und die Buchungen in Echtzeit verfolgen, fügt er scherzhaft hinzu.

Gegen eine Lösung ohne Mehraufwand, Mehrkosten und Umweltverschmutzung hätte auch Werner Gschwendtner nichts. „Es muss ja alles seine Richtigkeit haben“, sagt er. „Aber man muss das irgendwie anders handhaben.“

Lesen Sie auch: Im Vorfeld der Einführung der Bonausgabepflicht lieferten sich Christian Lindner (FDP) und Peter Altmaier (CDU) auf Twitter einen heftigen politischen Schlagabtausch zu dem Thema.

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