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Susann Dohm und ihre Kinder Amelie und Elias (l.): Die Starnbergerin kämpft für die Inklusion.

Schulversorgung

Eine Petition für das Recht auf Inklusion

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An den Grundschulen in Starnberg gibt es keine inklusiven Schulplätze. Und auch das Thema Schulbegleitung liegt im Argen. Susann Dohm will das ändern – und hat eine Petition angeschoben.

Starnberg – Großem Engagement gehen oft Leidenszeiten voraus. Das war auch bei Susann Dohm aus Starnberg so. Heute engagiert sich die 49-jährige IT-Expertin für das Thema Inklusion an Grundschulen. Dazu hat sie im Internet eine Petition gestartet, die über 330-mal unterschrieben wurde. Sie ist sehr tief in das Thema eingestiegen. Ein bisschen hat sie damit auch ein Versprechen eingelöst.

Ihr Sohn Elias kam zwölf Wochen zu früh auf die Welt. Wegen einer Infektion musste er per Notkaiserschnitt geboren werden. Seine Lungen waren verklebt. „Die Ärzte haben uns damals wenig Hoffnung gemacht“, erinnert sich Susann Dohm. Tagelang saß sie vor dem Inkubator, in dem Elias lag. Das ist jetzt zehn Jahre her. „Ich habe damals gebetet und versprochen, dass ich mich, wenn er überlebt, für Kranke und Schwächere ehrenamtlich engagiere“, erzählt Susann Dohm.

„Das, was sie derzeit tun, ist Integration“

Elias überlebte „wie durch ein Wunder“. Aber er ist anders als andere Kinder. Er ist sehr lichtempfindlich und hat eine Lungenschädigung erlitten. Wenn die Familie einen Ausflug macht – Elias hat einen 13-jährigen Bruder und eine fünfjährige Schwester – nimmt sie einen Anhänger für den Zehnjährigen mit, weil er keine langen Strecken laufen kann. „Hypotone Kreislaufregulationsstörung“ nennt sich die Krankheit, mit der Elias kämpft. Das Drucksystem in seinem Körper funktioniert nicht einwandfrei, bei Infekten, Überanstrengung und Stress kann der Blutdruck so rapide absacken, dass Elias binnen Sekunden das Bewusstsein verliert. Daher war sehr früh klar: Ohne Schulbegleitung ist kein Schulbesuch möglich.

Also kümmerte sich Susann Dohm zeitig um einen Platz für Elias an der Grundschule in Starnberg. Vergeblich. Elias bekam einen Platz in der Grundschule in Söcking. Seit der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 besteht grundsätzlich ein Recht auf einen wohnortnahen und inklusiven Schulplatz. Die Eltern dürfen den Lernort wählen. Im Kreis Starnberg jedoch hat nur die Grundschule Tutzing das Schulprofil Inklusion bisher erfolgreich entwickelt. Das hat vor allem finanzielle Gründe, „denn die Schulen werden von den Ministerien alleingelassen“, sagt Dohm. Dass die UN-Behindertenrechtskonvention nicht umgesetzt wird, haben vor allem die Kinder auszubaden. „Damals wusste ich nicht, dass Schulen ohne Profil Inklusion gar nicht in der Lage sind, inklusiv zu unterrichten. Das, was sie derzeit tun, ist Integration. Das ist etwas anderes.“

Acht Monate Grundschule: Ein Albtraum

Im Gegensatz zur Integration will die Inklusion nicht die Kinder den Bedingungen der Schule anpassen, „sondern die Rahmenbedingungen an den Bedürfnissen und Besonderheiten der Schüler ausrichten“, erklärt Susann Dohm. Das ist ohne Geld, Ausbildung und mehr Personal nicht möglich. Die Klassen sind oft zu groß. Es gibt keine festangestellten Sonderpädagogen. Der mobile sonderpädagogische Dienst (MSD) kann das nicht leisten, „da er viel zu selten an der Schule ist. Und die Regelschullehrer haben keine sonderpädagogische Ausbildung“. Dohms Fazit: „Ohne Profil Inklusion ist keine ausreichende inklusive Beschulung von Kindern mit hohem sonderpädagogischen Förderbedarf möglich.“

Acht Monate lang ging Elias auf die Grundschule in Söcking. Es war ein Albtraum für den zarten Buben, der schon in der ersten Woche von drei Mitschülern in die Mangel genommen wurde. Einer der Jungs boxte ihn so fest ins Gesicht, dass Elias eine Gehirnerschütterung erlitt, berichtet seine Mutter. Elias entwickelte Schulängste und weinte, wenn er zur Schule musste.

Druck auf die Politik als einzige Option

Heute besucht Elias eine Inklusions-Grundschule im Landkreis Bad Tölz. Die Schule will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, denn sie ist klein und kann sich jetzt schon nicht retten vor Anfragen – auch aus dem Landkreis Starnberg. Es geht vor allem ums Geld. „Die Schulen haben Angst, dass sie unter der Last von Inklusion ohne finanzielle Mittel vom Ministerium oder der Stadt zusammenbrechen“, sagt Susann Dohm. Dies sei auch nicht unbegründet. Die einzige Möglichkeit sei, mit Kraft der Eltern Druck auf die Politik auszuüben. „Denn Lehrer und Schule dürfen keine Kritik zur Inklusion äußern.“

Aus diesem Grund hat Susann Dohm 2016 die Elterninitiative Inklusionsbewegung Starnberg gegründet. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. „Starnberg verweigert behinderten Menschen Teilhabeleistung als Schulbegleitung (Inklusion)“, wirft sie der Stadt in der Petition vor.

„Viele fürchten, ihre gesunden Kinder würden blockiert“

Das ist die zweite Baustelle: Gerade die Organisation einer Schulbegleitung ist für Kinder wie Elias schwierig. Die Schulbegleitungen werden nach Stunden bezahlt. Ist Elias krank, und das ist er oft, gibt’s kein Geld. Zuständig ist das Jugendamt Starnberg – und dort gibt es keinen finanziellen Spielraum für eine individuelle Lösung. Weil die Dohms keine Schulbegleitung auf Festvertragsbasis genehmigt bekommen und niemanden dafür finden, kann Elias seit 1. Februar seine Schule nicht besuchen.

Förderschulen kommen für Susann Dohm nicht in Frage, „da für uns die Teilhabe in der Gesellschaft das Wichtigste ist, und das ist ein Menschenrecht“. Sie hält auch nichts davon, Kinder, die „anders“ sind, auszulagern: „Kinder mit und ohne Behinderungen können voneinander profitieren, das sieht man auf Schulen, in denen Inklusion gelingt.“ Gerade in Starnberg meint Susann Dohm auch eine große Scheu bei den Eltern auszumachen: „Viele fürchten, ihre gesunden Kinder würden blockiert. Dabei könnte es jeden von uns treffen, durch eine Infektion oder einen Unfall. Auf der anderen Seite stehen die Eltern behinderter Kinder, die voller Scham sind und sich nicht trauen, für ihr Recht einzustehen.“

Susann Dohm steht deutschlandweit für Beratungen zum Thema zur Verfügung: Telefon (0 81 51) 5 59 95 83, www.inklusionsbewegung-starnberg.de.

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