Einen Teil der Bühne hat Tragaudion in den Zuschauerraum verlegt. Foto: Jaksch

Tragaudion raubt Publikum den Atem

Starnberg - Tragaudion hat sich an einen wahren Brocken gewagt: Mit der Bühnenfassung des Erfolgsfilms "Einer flog über das Kuckucksnest" brilliert das Ensemble in der Schlossberghalle.

Der Film hat sich seit Jahrzehnten in die Erinnerung eingebrannt: „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist unweigerlich mit Jack Nicholson verknüpft. Darüber hat man fast vergessen, welch tolles Potenzial an Charakteren und an Themen der Stoff liefert: Tragaudion hat das wieder ausgegraben und die Parabel auf eine unterdrückte Gesellschaft in einer atemberaubenden Fassung auf die Bühne der Schlossberghalle Starnberg gebracht. Und das genau zu Zeiten, wo freie Meinungsäußerung, Toleranz und Demokratie als Grundwerte gerade wieder massiv von vielen Seiten angegriffen werden.

Tragaudion hat es damit einmal mehr geschafft, die seit Jahrzehnten hochgehaltene Flagge für ernsthaftes Theater im Landkreis weiterhin wehen zu lassen. Der Roman von Ken Kesey wurde 1963, ein Jahr nach seinem Erscheinen, von Dale Wassermann umgeschrieben und zuerst - und immer wieder - am Broadway gespielt, bevor er 1975 in der Filmversion mit Oscars überschüttet wurde. Tragaudion hat sich an einen richtig schweren Brocken gewagt - und Regisseur Christian Hanselmann wusste sicher auch warum. Denn dieser Wahnsinn jenseits der Diagnose, dass dominante, machthungrige Personen sowohl die vermeintlich Schwächeren wie die Revoluzzer und Freigeister als Außenseiter unschädlich machen wollen, der ist verdammt realitätsnah und schon lange aus dem Kontext der Psychiatrie herausgelöst.

So steht die halbe Bühne in Starnberg mitten im Zuschauerraum: Und zwar genau der Teil, in dem sich die herrschsüchtige Schwester Ratched (brillant: Amara Palacios) mit Helfern, Pflegern und Ärzten befindet. Der baumlange Häuptling Bromden (Andreas Berner), den der Verlust seiner Heimat in eine Parallelwelt getrieben hat, liegt mit seiner Idee einer ferngesteuerten, böswilligen Gesellschaft also goldrichtig. Und der Patientensprecher Dale (perfekt und amüsant: Ali Akbaba) stellt klar: Die Publikumsreihen, das sind die Chronischen, die Anstaltsinsassen, das sind nur die akuten Patienten.

Der Reigen der Insassen ist genau so „verrückt“, dass es reicht, um ihn zu dominieren. Florian Bichler, Smaranda Dancu, Elke Ebert, Holger Jerzembek und Philipp Schick haben sich wirkungsvolle Marotten zugelegt, die die haarscharfe Grenze zur vielgerühmten Normalität auslotet. Das System funktioniert, bis Randle den Laden aufmischt: Als Unruhestifter, als Denker, als Revoluzzer markiert Marcus Meyer furchtlos und schmerzfrei einen selbstverliebten, großmäuligen, sexistischen Draufgänger. Er erliegt nicht der Versuchung, einen allzu sympathischen Helden zu mimen - und doch fiebert man mit jeder Faser mit, dass er seinen Kampf um Selbstbestimmung gewinnt.

Dieser Versuch, das Leben zurückzuerobern, wird zu einer wilden Party, wird zu schnellen, witzigen Szenen, die dem Stück enorm gut tun. Die Schlüsselszenen, die Randle und sein stiller Verbündeter Bromden durchleiden, die Elektroschocks und die Gehirnoperation, die sind, musikalisch unterlegt, so erschütternd, dass atemlose Stille im Saal herrscht. Freia Oliv

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