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Tauchen im kalten See für den Gerüstbau musste Zimmerer-Azubi Sebastian Steinbeck (l.) gleich mehrfach. Er und sein Kollege Markus Andres genossen die Zeit und die Stille, als sie das Dach der Badehütte am Ufer bei Percha neu deckten.

Zimmerer in Corona-Zeiten

Einmalige Erfahrung: Bei der Arbeit den See ganz für sich alleine

  • Katja Brenner
    vonKatja Brenner
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Morgens den menschenleeren See vor sich, den Sonnenaufgang im Rücken. Für ein Team der Zimmerei Göring hatten die Ausgangsbeschränkungen wegen Corona einen schönen Nebeneffekt.

Starnberg – Als er seine Ausbildung zum Zimmerer begann, hätte Sebastian Steinbeck nicht im Traum daran gedacht, dass er eines Tages aus beruflichen Gründen tauchen muss. Kürzlich aber ging es für den 20-jährigen gebürtigen Starnberger unter Wasser. Denn die Zimmerei Leopold Göring hatte einen besonderen Auftrag auf den Tisch bekommen: die Sanierung des Daches einer der fast 100 Jahre alten Badehütten bei Percha. Und das hätte sie ohne ihren Azubi im dritten Lehrjahr kaum bewerkstelligen können.

„Das hilft uns natürlich sehr, wenn man so einen tollen Mitarbeiter hat“, sagt sein Chef Leopold Göring. Denn Steinbeck scheute das gerade mal etwa sieben Grad kalte Wasser nicht. Im Gegenteil: Der junge Mann ist seit fünf Jahren passionierter Eisbachsurfer und fährt auch im Winter mehrmals pro Woche in die Landeshauptstadt, um sich der mittlerweile weltberühmten Welle zu stellen. Was er mittlerweile so gut macht, dass er bei der vor knapp einem Jahr zum allerersten Mal offiziell ausgetragenen Deutschen Meisterschaft im Rapid Surfing, bei der man wie bei der Eisbachwelle gegen den Strom statt mit der Welle surft, auf Anhieb den ersten Platz belegte.

Neoprenanzug wird für Gerüstaufbau zur Arbeitskleidung

Der Neoprenanzug, den der 20-Jährige ansonsten für sein Hobby braucht, wurde für ihn nun kurzerhand zur Arbeitskleidung. Weil er den Anzug hatte, „konnten wir auch um diese Jahreszeit schon arbeiten“, sagt der 20-Jährige. Um das Gerüst für die Hütte aufzustellen, stand Steinbeck – mit Unterbrechungen – fast zwei Stunden im hüfthohen Wasser. Und auch der Aufbau selbst stellte ihn und seine Kollegen vor eine ganz neue Herausforderung.

Diese knapp 100 Jahre alte Badehütte hat das Team saniert.

„Über dem See arbeiten ist halt etwas, das man nicht alle Tage macht“, berichtet Steinbeck im Gespräch mit dem Starnberger Merkur. Das Gerüst einfach so auf sandigen Seeboden zu stellen, war keine Option. Es wäre eingesunken. Also ließen er und seine Kollegen sich etwas einfallen: Sie montierten das Gerüst, so weit es ging, am Ufer vor und setzten es auf Platten auf den Seeboden, das Tauchen für den Gerüstaufbau übernahm Nachwuchs-Zimmerer Steinbeck.

Während der Arbeiten mussten sie penibelst darauf achten, dass ihnen nichts ins Wasser fällt. Denn ein Akkuschrauber, der baden geht, tut das nur einmal. Und auch Nägel oder die alten Schindeln durften aus Umweltschutzgründen nicht im See landen, das Team trug sie vorsichtig mit Wannen und Eimern ab. Das Dach selbst mussten sie besonders windsicher mit Bitumenschindeln decken. „Gegen die Windrichtung“, damit sie nicht weggeweht werden, weiß der Azubi.

Der menschenleere See als großartige Erinnerung

Steinbeck war jeden Tag der knapp zwei Wochen da, die sie am Seeufer zugange waren. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm die Leere am See zu Beginn der Corona-Krise, als sämtliche Stege gesperrt wurden. „Da waren keine Menschen, nichts“, sagt er. Morgens etwa, wenn er und seine Kollegen zur Baustelle kamen, hatten sie den Sonnenaufgang über dem stillen See, das Farbenspiel und dahinter die Berge beinahe für sich allein. Kein Schiff und kein Wassersportler waren unterwegs. „Das war schon eine ganz besondere Stimmung“, sagt auch Leopold Göring. Wer weiß, vielleicht wird Azubi Steinbeck sich ja in ein paar Jahrzehnten immer noch an diese außergewöhnliche Seebaustelle erinnern – zu seinen bislang liebsten zählt sie allemal.

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