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Zumindest die offiziellen Ein- und Aussteigerzahlen der S-Bahnen deuten auf einen Fahrgastrückgang hin.

Fahrgastrückgang?

Der falsche Schein der S-Bahn-Zahlen: So viele Menschen fahren tatsächlich

Hat die S 8 in acht Jahren ein Viertel ihrer Fahrgäste verloren? Diesen Eindruck erweckt ein Vergleich von Zahlen aus den Jahren 2010 und 2018, einmal vom MVV und einmal von der Staatsregierung. Läuft der ÖPNV ins Leere?

Landkreis – Zahlen lügen nicht, aber die Wahrheit sagen sie auch nicht immer: Ein Vergleich offizieller Ein- und Aussteigerzahlen der S-Bahnen im Landkreis Starnberg deuten auf einen erheblichen Fahrgastrückgang auf der Linie S 8 hin. Plausibel ist das nicht, findet Kreisverkehrsmanagerin Susanne Münster, und sie hat Recht.

Fahrgastzahlen der S-Bahn für einzelne Linien werden seit Jahren wie Staatsgeheimnisse gehandelt. Die letzte Veröffentlichung gab es im Heft „Mobilität im Landkreis Starnberg“ für das Jahr 2010, das der MVV herausgegeben hatte. Das Heft verschwand irgendwann im Archiv und wurde erst wieder Anfang des Jahres wichtig. Die Staatsregierung nannte in der Antwort auf eine Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Florian Ritter zu barrierefreien Bahnhöfen im Landkreis neue Zahlen der Ein- und Aussteiger an den Haltestellen – und die unterschieden sich gravierend von denen des Jahres 2010. Beispiel: Wurden 2010 für Herrsching 6100 genannt, waren es in der Liste mit Zahlen aus 2018 nur 4850. Das wäre ein Rückgang von 20,5 Prozent. Noch schlimmer sieht es für Gilching-Argelried aus: Nach den Listen ging die Zahl der Ein- und Aussteiger von 5200 auf 3880 zurück (- 24,4 Prozent). Die S 6 verzeichnete nach diesem Vergleich an einigen Haltestellen Rückgänge in nicht so gravierendem Umfang.

Fahrgastzahlen der Buslinien zu den S-Bahnhöfen lassen andere Rückschlüsse zu

Kann das stimmen? Kreis-Verkehrsmanagerin Susanne Münster mag es nicht glauben. „Die Zahlen sind für uns unplausibel“, sagt sie. Zumal, da sich aus den Fahrgastzahlen der Buslinien zu den S-Bahnhöfen andere Rückschlüsse ziehen lassen – diese Zahlen sind steigend, und viele Busnutzer wollen zur S-Bahn. Angaben zur Auslastung der S-Bahnen bekommt der Landkreis nicht. Aus Faktoren wie Umbauten und dergleichen lasse sich die Diskrepanz nicht erklären.

MVV möchte sich nicht äußern

Der MVV wollte sich auf Anfrage nicht äußern und verwies an die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), die für den Freistaat den Schienennahverkehr organisiert und zumeist bei der Bahn bestellt. Dort laufen sowieso alle Fäden zusammen. BEG-Geschäftsführer Thomas Prechtl hat für 2010 ganz andere Zahlen als der MVV: „Ein Vergleich der Nachfrageentwicklung von 2010 bis 2018 lässt erkennen, dass es in diesem Zeitraum an keiner Haltestelle im Landkreis Starnberg zu einem Nachfragerückgang kam.“ Es gibt vergleichbare Zahlen, die die Bahn 2010 erhoben hat, aber aus Wettbewerbsgründen nicht veröffentlicht – sie muss sich später wieder um die Fahraufträge bewerben. Es gibt jedoch prozentuale Zahlen. In Herrsching ist die Ein- und Aussteigerzahl demnach knapp ein Prozent gestiegen. In Argelsried sind es rund neun Prozent bis 2018.

Daten von 2018 stammen aus Nachfrageermittlungen

Die Daten von 2018 stammen aus Nachfrageermittlungen durch die Bahn AG. Und genau da liegt das Problem. „Sowohl uns als auch dem MVV ist es bekannt, das ein Vergleich der Fahrgastzahlen, die der MVV 2010 im Rahmen der landkreisbezogenen Mobilitätsinformationen veröffentlicht hat, und den Nachfragedaten, die seitens der Eisenbahnverkehrsunternehmen im Rahmen der vertraglich verpflichteten Nachfrageermittlungen an die BEG geliefert werden, teilweise zu großen Unplausibilitäten kommt.“ Inzwischen sind sich beide einig, für Vergleiche nur die BEG-Daten zu verwenden.

Nutzerzahl in Starnberg haben sich zwischen 2010 und 2018 beinahe vervierfacht

Wichtig sind die 2018er-Werte, die insbesondere auf der Linie München-Tutzing eines beweisen: Die Regionalzüge sind ein ÖPNV-Hit, und das ist auch der Grund, warum Gauting auch gerne einen Halt hätte. So hat sich deren Nutzerzahl in Starnberg zwischen 2010 und 2018 beinahe vervierfacht – zuletzt waren es 2210 pro Tag. In Tutzing stieg die Zahl auf 8650, mehr als doppelt so viel wie 2010. Die Werdenfelsbahn mit Fahrzeiten von Starnberg zum Münchner Hauptbahnhof von weniger als 20 Minuten schadet aber der S-Bahn an den beiden Haltepunkten – die S-Bahn-Nutzer wurden in beiden Fällen weniger. In der Summe ergibt das aber, dass 9,4 Prozent mehr Menschen ab Bahnhof See die Bahn nutzen. Ähnlich ist das Bild in Tutzing: Die Gesamtsumme der Fahrgäste stieg um 1,5 Prozent – kein sensationeller Wert, aber besser als nichts.

Die Bahn, sagt ein Sprecher, verzeichne pro Jahr auf der Werdenfelsbahn ein Fahrgastwachstum zwischen drei und vier Prozent. Das liegt sowohl an der wachsenden Bevölkerung als auch an Zuwächsen im Freizeitverkehr zum Starnberger See und in die Berge.

Lesen Sie auch: Die massive Ausweitung der Buslinien in den vergangenen sechs Jahren trägt Früchte. Die Zahl der Busnutzer im Landkreis pro Woche kratzt mittlerweile an der 100 000-Marke.

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