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Mehr als 2000 Paulownia-Bäume blühen derzeit lilablassblau auf der Plantage von Gerd Voigt bei Hadorf. Der 57-jährige Münchner will sie nun verkaufen.

Die Pionier-Plantage von Hadorf

Gekreuzt für ein Schweizer Geschäftsmodell: Das steckt hinter der Edelbaum-Plantage bei Starnberg

  • Tobias Gmach
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Sie haben ihre Wurzeln in Südostasien und wachsen unheimlich schnell: Bei Hadorf stehen mehr als 2000 außergewöhnliche Bäume. Auf der Plantage kreuzte ein Münchner Sorten des ultraleichten Edelholzes Paulownia. Auf dieser Basis macht eine Schweizer Firma nun ihre Geschäfte.

Hadorf – Zwischen Söcking und Hadorf, nahe der Starnberger Westumfahrung, ereignet sich dieser Tage ein kontrastreiches Farbenschauspiel. Zum einen sticht das hellgelb leuchtende Rapsfeld ins Auge. Doch viel bemerkenswerter sind die Blüten, die daneben lilablassblau schimmern. Denn sie hängen an außergewöhnlichen Bäumen: Geschöpfe aus Südostasien, wie es sie in Deutschland nur an sehr wenigen Orten gibt. Die Paulownia-Bäume erzählen die Geschichte eines Geschäftsmodells aus der Schweiz – und von der Leidenschaft und Experimentierfreude eines Mannes, der in seinem Leben schon Tiefbauarbeiter, Kraftfahrer und Handyverkäufer war.

Gerd Voigt (57) steht in kariertem Hemd zwischen seinen Paulownia-Bäumen und erklärt, warum sie ihn so faszinieren. Aber er wird abgelenkt – von einem Bienen-Schwarm, der um die Blüten kreist (Voigt: „Die geben einen guten Honig“) und von Wühlmäusen, die hinter ihm in ihr Loch zischen („Die fressen die Wurzeln an, deshalb musste ich schon ganze Bäume umschneiden“).

Voigt verkauft Pflanzen nach Mallorca, Griechenland und Bulgarien

Voigt ist braun gebrannt. Als Selbstständiger kommt der Münchner viel rum in Europa, er verkauft Pflanzen nach Griechenland, Mallorca oder auch Bulgarien. Er ist ein Tüftler, er liebt es, sich in Probleme hineinzudenken – „in allen Bereichen“. Über seine Zeit als Techniker für Telefonanschlüsse sagt Voigt: „Wenn andere aufgegeben haben, bin ich gekommen. Geht nicht, gibt’s bei mir nicht.“

Bei Hadorf hat er mehr als 2000 Paulownien angepflanzt. In Japan heißen sie Kiri, in Österreich Kaiserbäume, in Deutschland umgangssprachlich auch Blauglockenbäume. Sie sind die Superhelden unter den Bäumen: Gewöhnliche Waldhölzer brennen bei etwa 270 Grad, Paulownien erst bei 420 Grad. Sägt man den Stamm ab, wächst er wieder nach. Die Rinde ist hauchdünn, das Holz ultraleicht. Die Hersteller von Musikinstrumenten und Möbeln entdecken es für sich, eingesetzt wird es vor allem im Flugzeug- und Bootsbau. „Das Aluminium unter den Holzarten“, sagen einige.

Paulownien wachsen in Rekordtempo

Geschäftsleute schätzen aber besonders eines an der Pflanze: Sie wächst in Rekordtempo. Im Jahr 2012 pachtete Voigt das drei Hektar große Feld. Heute, nur sieben Jahre später, stehen dort bis zu 14 Meter hohe Bäume. Bis 2016 war die Plantage ein Experimentierlabor. Voigt kreuzte verschiedene Paulownia-Arten und fand heraus, dass die „Shan Tong“ die stabilste ist. Seine Erkenntnisse lieferte er dem Schweizer Unternehmen „Green Wood International“.

Die Firma wirbt mit der „Königin der Edelhölzer“ und einer „alternativen und nachhaltigen Form, sein Geld einzusetzen“ – konkret für ihr Projekt „Treeme“. Das Konzept: Anleger investieren in einzelne Bäume und sollen nach der Ernte zwölf Jahre später vom Verkauf des gefragten Holzes profitieren. Über Webcams könne man sein „Baumfairmögen“ wachsen sehen, heißt es. Außerdem seien die Paulownien gegen Schäden aus Feuer, Sturm, Erdbeben, Erdrutschen und Vandalismus versichert.

Eine fünfprozentige jährliche Wertsteigerung wird garantiert

Auch eine fünfprozentige jährliche Wertsteigerung werde garantiert. Auf der Green-Wood-Internetseite heißt es in der Zukunftsform, „die ersten Großplantagen in Deutschland werden 2016 angelegt“. Das ist – zum Beispiel bei Lindau – bereits geschehen. Aber bisher nicht im großen Stil. Das Projekt steht derzeit still, bestätigt Geschäftsführer Wolfgang Goese. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) prüfe das Geschäftsmodell. „Aber wir haben es schon selbst anwaltlich prüfen lassen – aus vorauseilendem Gehorsam“, so Goese.

Die Idee, Bäume als Werte anzubieten, haben die Schweizer nicht exklusiv. Laut dem Geschäftsführer ist der Markt „gigantisch groß. Das Konzept findet viel Anklang. Auch wegen der Nachhaltigkeit. Bäume binden ja CO2“. Green Wood habe eine Sondergenehmigung der chinesischen Regierung und importiere besonders große Mengen aus Asien. So sollen die Paulownia-Produkte in Deutschland präsentiert werden – bis das einheimische Holz für den breiten Markt geerntet werden kann.

Gerd Voigt würde sich freuen, wenn die Edelholz-Sorte hierzulande Karriere macht. Das Wissen, das er sich seit bald 20 Jahren aneignet, will er weitergeben. Selbst orientiert er sich aber mehr Richtung Süden, in wärmere Regionen. Der Eigentümer will das Grundstück bei Hadorf verkaufen. Kürzlich traf er sich mit einem Interessenten für seine Bäume. Jetzt geht er ein paar Schritte durch das Gras auf der Plantage, die er einmal pro Woche besucht. Er berührt einen Stamm, etwa 15 Zentimeter dick, und sagt: „In Griechenland wäre der schon doppelt so dick.“

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