Aus dem Gerichtssaal

Streusalz-Anschlag im Villenviertel

Starnberg – Verfeindete Nachbarn ziehen vor den Richter. Es geht um einen Streit um verätzte Bäume und Sträucher.

Der Straftatbestand der „vorsätzlichen Bodenverunreinigung“ wird vor Gericht nur selten verhandelt: Im vorliegenden Fall wurde einem 53-jährigen Kaufmann zur Last gelegt, Ende Juni 2015 in der Mühlbergstraße in Starnberg hochgiftiges Streusalz in Nachbars Garten ausgebracht und so an Bäumen und Sträuchern einen Schaden von rund 7500 Euro verursacht zu haben. Hintergrund sind offenbar jahrelange Querelen zwischen den Beteiligten, die seit 2009 mehrfach vor Gericht landeten.

Der geschädigte Nachbar: Ein 69-jähriger pensionierter Richter

Der Angeklagte äußerte sich während der gesamten Verhandlung am Starnberger Amtsgericht nicht zu den Vorwürfen und ließ seinen Anwalt sprechen. Richterin Brigitte Braun blieb in der Beweisaufnahme somit weitgehend auf das von Gutachtern ermittelte Schadensbild angewiesen – und das war verheerend: Die Rasenfläche war teils komplett abgestorben, ein Kirschlorbeerbaum, eine Blutpflaume, ein Zierapfel, ein Fächerahorn und ein Gingko-Strauch schwerst in Mitleidenschaft gezogen. Bodenproben aus dem Garten der geschädigten Grundbesitzer hatten auf einer Fläche von zwölf Quadratmetern „um das bis zu Achtfache erhöhte“ Werte an Chlorid und Natrium ergeben – 740 Milligramm pro Liter beziehungsweise 838 Milligramm pro Liter hatte ein Fach-Labor ermittelt, verträglich seien maximal 150 Milligramm im Erdreich. 

Das Schadensbild könne keine natürlichen Ursachen haben, so die 28-jährige Gutachterin, weil die verschiedenen Pflanzen etwa auf einen Pilzbefall völlig unterschiedlich reagiert hätten – in diesem Fall liege aber ein einheitliches Schadenbild vor. Die Spuren ergaben, dass die Giftkonzentration an der Grundstücksgrenze zum beschuldigten Nachbarn besonders hoch war und eine Art „Wurfkorridor“ in Richtung der Bäume nahe legte – sämtliche Grundstücke in diesem Bereich der Mühlbergstraße seien eingefriedet und nicht von der Straße aus zugänglich, sagte der geschädigte Nachbar, ein 69-jähriger pensionierter Richter. 

Richterin Braun hatte keine Zweifel, dass Streusalz vom Nachbarn kam

Ein mögliches Motiv für einen gezielten Streusalz-Anschlag sahen er und seine Frau in Auseinandersetzungen, die mit dem Verkauf eines Grundstücksteils 2009 an den Nachbarn begonnen hatten. Seither, so der Ex-Richter, habe man sich „bis zum Oberlandesgericht“ um Belästigungen während der Bauphase, um Kanalgebühren, überhängende Heckenrosen und – bis kurz vor dem Anschlag – auch um den Pflanzenbewuchs an der Grundstücksgrenze gestritten. „Wir haben alles gewonnen“, so der Jurist, aber Frieden sei bis heute nicht eingekehrt.

Staatsanwalt und Richterin blieb dennoch nichts anderes übrig, als den Kaufmann aus Mangel an Beweisen frei zu sprechen: Niemand hatte einen möglichen Giftwurf gesehen, und als Täter kamen auch andere Personen in Frage. Dass das Streusalz mit höchster Wahrscheinlichkeit aus Richtung des Nachbarn gekommen war, daran hatte auch Richterin Braun keine Zweifel, wie sie anmerkte. Auf dem Schaden bleiben die Eigentümer aber nun sitzen.  ty

Rubriklistenbild: © dpa

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