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Symbolbild

Gewerbesteuer

Wie im Paradies

Nach einer Untersuchung der IHK sind nirgends in Oberbayern die Gewerbesteuersätze so niedrig wie im Landkreis Starnberg. Die Wirtschaft warnt Kommunen vor Erhöhungen. Ist die gute Wirtschaftslage erkauft?

Starnberg – 240, 340 oder doch 490? Zahlenspiegel von Politikern mit Gewerbesteuerhebesätzen treiben Wirtschaftsvertretern die Sorgenfalten auf die Stirn. Der Landkreis Starnberg ist nach einer Berechnung der IHK in Oberbayern wieder einmal Spitzenreiter, diesmal bei niedrigen Gewerbesteuern. Und die IHK warnt vor Erhöhungen.

Beinahe jeder zweite Euro, den Gemeinden im Landkreis an Steuern einnehmen, stammt aus der Gewerbesteuer. Nach Berechnungen der IHK waren das im vorigen Jahr 100,7 Millionen Euro. Die Werte stiegen an, und das, obwohl der Landkreis Starnberg mit 307 Prozent im Durchschnitt die geringste Gewerbesteuerhöhe in ganz Oberbayern aufweist. Zum Vergleich: Der oberbayerische Durchschnitt liegt bei 333 Prozent, in Bayern sind es 338, bundesweit 397, in München sogar 490 Prozent. „Diesen Standortvorteil dürfen unsere Kommunen nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Bei den Gewerbesteuern ist Augenmaß gefragt – ein niedrigerer Hebesatz lässt den Betrieben mehr Luft zum Atmen und Investieren“, erklärt Martin Eickelschulte, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Starnberg.

Gilching ist einsamer Spitzenreiter

Die höchste Gewerbesteuer im Kreis erhebt Gilching mit 340 Prozent. Die Angabe ist für Laien nur schwer einschätzbar, da sie einer komplizierten Berechnung folgt. Vom Gewinn werden zunächst Freibeträge abgezogen, der Rest dient als Grundlage der Steuer. 3,5 Prozent dieses Restes werden dann mit dem Hebesatz – im Falle Gilching 340 Prozent – multipliziert. Beispiel: Ein Einzelunternehmer macht 60 000 Euro Gewinn; davon werden 24 500 Euro Freibetrag abgezogen. 3,5 Prozent von 35 500 Euro sind 1242,50 Euro. Diese Summe wird mit dem Hebesatz multipliziert, also 1242,50 mal 340 Prozent – ergibt 4224,50 Euro. Für Kapitalgesellschaften (etwa GmbH) gibt es keine Freibeträge, für andere, seltene Rechtsformen lediglich 5000 Euro.

Gilching hat erst 2016 die Gewerbesteuer um 20 Prozentpunkte angehoben – ohne Proteststurm der Unternehmen, wie Bürgermeister Manfred Walter sagt. Bei einer früheren Erhöhung sei dies noch anders gelaufen. „Die Unternehmen nehmen wahr, dass wir auch etwas für die Wirtschaft tun“, sagt der Rathauschef. „Wir brauchen das Geld auch.“ Unternehmensansiedlungen zögen Investitionen in Infrastruktur, Kinderbetreuung und vieles mehr nach sich. Bei Ansiedlungen neuer Firmen „werde ich nach der Gewerbesteuer nicht gefragt“, sagt Walter. Weiter erhöhen will er nicht: „Das Ende der Fahnenstange ist erreicht.“

Pöcking gibt den Gewerbesteuer-Discounter

In anderen Gemeinden vielleicht nicht, obwohl Erhöhungen im Landkreis die Ausnahme sind. Neben Gilching hat nur Krailling etwas an der Steuerschraube gedreht, sonst seit 2006 keine Kommune. Die geringste Steuer erhebt Pöcking mit 240 Prozent – ein Wert, der selbst in Oberbayern selten ist. Unter 300 Prozent liegt die Steuer nur in 15 Gemeinden im Bezirk, vier davon liegen im Landkreis.

Von Erhöhungen hält auch Christoph Winkelkötter, Geschäftsführer der Wirtschaftsfördergesellschaft gwt, wenig. Die Hebesätze im Kreis seien „völlig okay“, die Kommunen hätten für die Wirtschaft schließlich auch etwas zu leisten. Unternehmer achteten mehr darauf, das für sie etwas getan werde, als auf den Hebesatz. Dennoch dienten moderate Steuersätze auch der Wirtschaftsstruktur, weil sie eher dem Mittelstand entgegenkommen. Die niedrigen Steuersätze seien also nicht der Grund für die wirtschaftlich gute Lage im Landkreis, diese sei „nicht erkauft“. Vielmehr funktioniert das System in Winkelkötters Augen, da 48 Prozent Steuereinnahmen aus dem Gewerbe im Landkreis im Vergleich zu anderen Regionen sehr viel sei.

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