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Online verbunden mit den Parteikollegen war am Mittwochabend nicht nur Grünen-Kreissprecherin Kerstin Täubner-Benicke.

Analyse nach der Wahl

Grüne im Kreis Starnberg: „Die Anderen sind jetzt auf uns angewiesen“

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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83 statt bisher 51 Grüne sitzen nun in den Gremien im Landkreis Starnberg. Für den Landratsposten und Bürgermeisterämter hat es aber nicht ganz gereicht. Damit ist die Region ein Spiegelbild Bayerns.

Landkreis 18 statt bisher zehn Sitze im Kreistag, acht statt vier im Gautinger Gemeinderat und sechs statt drei im Starnberger Stadtrat – die Beispiele zeigen: Die Grünen haben bei den Kommunalwahlen deutlich an Einfluss gewonnen. In allen Kommunen des Landkreises hat die Partei Mandate dazubekommen. Außer in Inning – aber dort war sie mit vier Sitzen schon vorher zweitstärkste Kraft (die CSU hat fünf). Die Gesamtbilanz: 83 statt bisher 51 Grüne sitzen nun in den kommunalen Gremien.

Über diese Steigerung von mehr als 60 Prozent freut sich Bernd Pfitzner, einer der Kreissprecher. „Das Vertrauen in grüne Politik ist da. Die Leute geben uns recht“, sagt er. Die Erfolge seien „guter Ratsarbeit“ und „gewissenhafter Politik“ zu verdanken. Das Klischee der „grünen Spinner“ sei lange überwunden. „Wer grüne Gemeinderäte kennt, weiß, dass sie vernünftige Ansichten haben“, sagt Pfitzner. Der Aufschwung macht sich auch bei den Mitgliederzahlen bemerkbar. Waren es laut Kreissprecher vor etwa eineinhalb Jahren noch rund 200, sind es mittlerweile mehr als 300.

Die Grünen feiern große Erfolge in der Breite – doch an die Spitze reicht es nur sehr selten. Die Partei stellt im Freistaat nur einen Landrat, im Kreis Miltenberg, dem nordwestlichen Zipfel Bayerns. Der bisher zweite, Wolfgang Rzehak aus Miesbach, wurde abgewählt. Grüne Bürgermeister gibt es nur in Heimenkirch bei Lindau und Neufahrn bei Freising. In München schaffte es Katrin Habenschaden nicht in die Stichwahl.

Zwei Bürgermeisterkandidaten verpassten den Sprung knapp

Im Kreis Starnberg verpassten gleich zwei Vertreter den Sprung ins Rathaus äußerst knapp: Thomas Zimmermann in Seefeld fehlten 161 Stimmen, Hans Wilhelm Knape in Gauting nach einem Auszählungsfehler nur 108. „Ein bisschen Wehmut ist schon dabei“, kommentiert Knape die verlorene Stichwahl gegen Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger. Obwohl er eine „deutliche Machtverschiebung“ und „einen bunteren Gemeinderat“ sieht, macht er sich Sorgen. Er könnte auch den Posten des zweiten Bürgermeisters verpassen. Knapes Rechnung: Votieren CSU samt Kössinger und UBG gegen ihn, fehlen einem anderen Kandidaten nur noch vier Stimmen. „Die Bürgermeisterin ist ja bisher die Politik gefahren, niemanden als Stellvertreter zu unterstützen, der gegen sie angetreten ist. Aber sie hat zuletzt ja auch positive Signale gesendet“, sagt Knape mit Bezug auf Kössingers Ankündigung, gemeinsame Wege mit ihrem Herausforderer zu suchen. Der betont: „Als zweiter Bürgermeister hat man eine andere Rolle in der Öffentlichkeit als ein normaler Gemeinderat.“

Mit rund 15 Prozent weit weg von einem Wahlsieg war Kerstin Täubner-Benicke, die in Starnberg kandidiert hatte. Sie erklärt das mit einer „Polarisierung. Viele, die mich eigentlich gewählt hätten, haben sich für Patrick Janik entschieden, um eine weitere Amtszeit von Eva John zu verhindern.“ Für diese These würden die 22 Prozent sprechen, die die Grünen bei der Stadtratswahl einsammelten. Kreissprecherin Täubner-Benicke weist auch auf den „Corona-Effekt“ hin. „Viele Menschen sind gerade nicht bereit für Neues, sie greifen in diesen Tagen sozusagen auf die Staatsmacht zurück.“ Parteikollege Pfitzner aus Tutzing sieht es genauso: „Die eine oder andere Wahl wäre vor zwei Monaten noch anders ausgegangen“, sagt er. Zum Landratsposten, den Stefan Frey (CSU) sich mit knapp 62 Prozent im Duell mit Martina Neubauer sicherte, sei es aber so oder so ein weiter Weg gewesen, räumt Pfitzner ein.

Die virusbedingte Krise habe derzeit Vorrang, betont Täubner-Benicke. Sie sieht in der Situation auch die Gelegenheit, eine alte Forderung wieder auf den Tisch zu bringen: Stadtratssitzungen online und live zu übertragen. „Transparenz ist jetzt sehr wichtig.“

„Die Zeit wird weiter für uns spielen“

Landesweit erklärt die CSU um Ministerpräsident Markus Söder die Grünen zum großen Verlierer – und die Grünen sich selbst zum großen Gewinner. Auf Landkreisebene geben Letztere ihre Enttäuschung über die verpassten Bürgermeisterämter zu. Pfitzner sieht mancherorts sogar „eher verlorene Jahre für Klima- und Umweltschutz“ bevorstehen – „wenn Sie sehen, wie die CSU gerade auf kommunaler Ebene Gewerbegebiete vorantreibt“. Doch Pfitzner ist überzeugt: „Die Zeit wird weiter für uns spielen.“ Und Kollegin Täubner-Benicke ergänzt: „Die Anderen sind jetzt auf uns angewiesen.“

Aber auch auf Dauer? Prof. Ursula Münch, Leiterin der Akademie für Politische Bildung, zweifelt das an. Sie begründet den Aufwärtstrend der Grünen mit der Themensetzung in der Öffentlichkeit, sprich mit der großen Aufmerksamkeit für Klima- und Umweltschutz. „Wenn sich die Interessen der Bevölkerung von diesem Thema abwenden, wirkt sich das auch deshalb auf die Beliebtheitswerte aus, weil die Wählerschaft sich eben nur zum Teil aus überzeugten Anhängern zusammensetzt. Die Überzeugten orientieren sich nicht um, die vielen Wechselwähler schon“, sagt Münch. Auch wenn sie ihn nicht wörtlich so nennt, einen Corona-Effekt hat auch die Wissenschaftlerin beobachtet: „Es zeigt sich auch, dass die Grünen nach wie vor nicht als neue Volkspartei wahrgenommen werden.“

50 Grüne kommen zur Videoversammlung

Zur Kreisversammlung nach der Wahl trafen sich die Grünen im virtuellen Raum. Der Videokonferenz wohnten laut Kreissprecher Bernd Pfitzner rund 50 Mitglieder bei. Also Chaos vorprogrammiert? Nein, sagt Pfitzner: „Alle waren sehr diszipliniert und haben ihre Mikrofone nur angemacht, wenn sie dran waren.“ Wortmeldungen organisierten die Grünen über einen parallel laufenden Chat. „Das hat gut funktioniert für’s erste Mal“, sagt Pfitzner. Er vermutet, dass viele Mitglieder teilgenommen haben, „die zu einer normalen Kreisversammlung nicht kommen können, weil sie zum Beispiel auf Kinder aufpassen müssen“. 

Einen Gast aus der großen Politik hatten die Kreisgrünen übrigens auch: Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende im Landtag und aufgewachsen in Herrsching. Angetan von dem Abend war auch Kreissprecherin Kerstin Täubner-Benicke. „Wir werden weitere Formate ausprobieren, um das Engagement unserer Mitglieder zu ermöglichen“, sagt sie. Pfitzner ist aber auch klar: „Wir können nicht alles virtuell machen – zum Beispiel eine Delegiertenwahl. Dafür haben wir das Mittel der Wahl noch nicht gefunden.“

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Überblick: Die Corona-Lage im Landkreis Starnberg

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