1. Startseite
  2. Lokales
  3. Starnberg
  4. Starnberg

Ein halbes Jahr Krieg in der Ukraine: So ist die Situation im Landkreis Starnberg

Erstellt:

Von: Peter Schiebel

Kommentare

Der Landkreis Starnberg steht zur Ukraine – das zeigen auch die Fahnen vor dem Landratsamt.
Der Landkreis Starnberg steht zur Ukraine – das zeigen auch die Fahnen vor dem Landratsamt. © Landratsamt

Seit einem halben Jahr wütet mittlerweile der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Der Starnberger Merkur nimmt das zum Anlass, um die aktuelle Situation der Kriegsflüchtlinge im Landkreis Starnberg zu beleuchten

Landkreis – Seit einem halben Jahr wütet mittlerweile der russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Der Starnberger Merkur nimmt das zum Anlass, um die aktuelle Situation der Kriegsflüchtlinge im Landkreis Starnberg zu beleuchten.

Wie viele Menschen aus der Ukraine sind aktuell im Landkreis gemeldet?

„Aktuell halten sich etwa 2011 geflüchtete Personen aus der Ukraine im Landkreis auf“, sagt Landratsamtsprecherin Barbara Beck und erklärt das Wörtchen „etwa“ so: „Wegzüge sind bislang nicht erfasst. Und Zuzüge nur, wenn sich diese anmelden. Wir vermuten hier eine Bewegung von etwa 80 minus. Von den 2011 Personen ist bei 27 noch nicht klar, ob sie im Landkreis bleiben dürfen oder ob sie innerhalb Deutschlands einer anderen Region zugewiesen werden.“

Von den 2011 Personen sind 642 männlich und 1369 weiblich. Die Altersstruktur: bis fünf Jahre 165 Menschen, von sechs bis neun Jahre 200, von zehn bis 14 Jahre 238, von 15 bis 21 Jahre 221, von 22 bis 65 Jahre 1058, älter als 65 Jahre 129. Die älteste aus der Ukraine geflüchtete Person ist 97 Jahre alt.

Wie und wo sind die Menschen untergebracht?

In drei großen Gemeinschaftsunterkünften, die über das Landratsamt angemietet und betrieben werden. Dabei handelt es sich um den BRK-Mehrgenerationencampus in Gauting, das Behringerheim in Tutzing und die sogenannte Villa K der IG Metall in Niederpöcking. Darüber hinaus leben sie in Wohnungen, Häusern, Apartments sowie Zimmern in Einrichtungen und Hotelzimmern, die teils vom Landratsamt angemietet, teils privat vermietet oder überlassen sind.

Hat sich im Verhältnis von angemieteten Unterkünften des Landkreises zu privaten Unterkünften im Laufe des halben Jahres etwas grundlegend geändert?

„Privater und zu angemessenen Konditionen länger zur Verfügung stehender Wohnraum wird immer weniger“, sagt Barbara Beck.

Welche Folgen haben sich durch den Rechtskreiswechsel vom Sozialamt zum Jobcenter für die Menschen aus der Ukraine und den Landkreis ergeben?

„Bisher konnte Obdachlosigkeit erfolgreich vermieden werden“, betont Beck und schiebt nach: „Allerdings mit erheblichem Aufwand durch das Landratsamt durch Neuanmietung und Verlängerung von Wohnraum.“

Wie verteilen sich die Menschen auf die Gemeinden?

Inning 50, Wörthsee 123, Gilching 238, Weßling 76, Krailling 89, Gauting 341, Seefeld 93, Herrsching 158, Starnberg 299, Pöcking 164, Andechs 25, Tutzing 175, Feldafing 65, Berg 115 Personen. Diese Zahlen sind allerdings nicht zu 100 Prozent belastbar. Die Ummeldungen bei Umzügen erfolgen nicht immer zeitnah.

Wie viele Unterkünfte hat der Landkreis angemietet und wie lange laufen die Mietverträge?

Neben den drei Gemeinschaftsunterkünften hat der Landkreis ein Hotel mit 78 Plätzen sowie 22 Wohnungen, 14 Häuser, sieben Zimmer und neun Apartments angemietet. Die meisten Verträge laufen Ende März 2023 oder Ende Mai/Juni 2023 aus. Nur in etwa fünf Prozent der Fälle laufe der Mietvertrag länger bis maximal drei Jahre, schildert Beck.

Welche Erkenntnisse gibt es darüber, ob und wie viele Menschen bereits private Unterkünfte verlassen mussten?

Seit Mitte Mai waren es etwa 150 Personen, die nach Kenntnis des Landratsamtes private Unterkünfte verlassen mussten.

Gibt es noch Angebote von Privatleuten, um Menschen aus der Ukraine aufzunehmen?

Ja, aber nicht immer komme ein Mietvertrag zustande, sagt die Sprecherin und nennt als Hürden zu hohe Mietforderungen, Brandschutzauflagen und Schwierigkeiten bei der Mietdauer.

Wie lange bleibt die Rathausturnhalle in Gilching als „Puffer“ erhalten?

Die staatliche Anweisung lautet, eine Erstanlaufstelle bereitzuhalten. „Die Turnhalle in Gilching bleibt uns bis auf Weiteres erhalten“, betont Beck und dankt ausdrücklich der Gemeinde.

Welche Erkenntnisse gibt es, was die Beschäftigung von Menschen aus der Ukraine anbelangt?

Beck: „Das Jobcenter stellt allgemein eine große Bereitschaft der ukrainischen Flüchtlinge fest, eine Beschäftigung in Deutschland aufzunehmen.“ In vielen Fällen sei dies auch bereits gelungen. Die Beschäftigungsaufnahmen verteilten sich über das gesamte Spektrum des Arbeitsmarktes. Konkrete Statistikzahlen kann das Jobcenter zum aktuellen Zeitpunkt aber noch nicht liefern.

Welche Erkenntnisse gibt es, was die Unterbringung von Kindern bis sechs Jahren in Kinder-betreuungseinrich-tungen anbelangt?

Die Beantwortung dieser Frage ist schwierig, da es keine Meldepflicht für die Kitas gibt über die Herkunft der Kinder, für die ein Betreuungsvertrag abgeschlossen wird. „Die Situation in den einzelnen Kommunen ist heterogen, was die Verfügbarkeit von Kita-Betreuungsplätzen betrifft“, sagt Beck und betont: „Hier gibt es keine Sondersituation für die Kinder mit Fluchthintergrund aus der Ukraine. Alle Kinder werden am Wohnort mit ihrem Bedarf angemeldet, und die Platzzuteilung erfolgt nach den jeweiligen, mit der Kommune abgestimmten Vergabeverfahren.“ Derzeit werden für 35 Kinder aus der Ukraine die Kitabetreuungsgebühren vom Landratsamt Starnberg übernommen, 30 von ihnen sind im Vorschulalter. „Die Motivation und die Fachlichkeit des pädagogischen Personals sind hoch, die Kapazitäten jedoch begrenzt.“

Welche Vorbereitungen laufen im Staatlichen Schulamt, um ukrainische Kinder im Grundschulalter im neuen Schuljahr in den Schulbetrieb zu integrieren?

Im Staatlichen Schulamt Starnberg, das grundsätzlich für Grund- und Mittelschulen zuständig ist, wird derzeit mit den Schülerzahlen zum Stand Schuljahresende gearbeitet. „Die Zahlen werden konkreter, je näher das Datum des Schulbeginns rückt“, sagt Beck. Darüber hinaus wurde vom Kultusministerium eine Steuerungsgruppe eingerichtet, die sich mit der Beschulung der Kinder aus der Ukraine beschäftigt. „Das Staatliche Schulamt übernimmt dabei die Koordinierungsrolle und steht im ständigen Austausch mit den Schulleitern der weiterführenden Schulen“, sagt Beck.

Die Schulleiter der weiterführenden Schulen sprechen sich ab, wer Aufnahmekapazitäten hat. Für die Aufnahme von Kindern in der Grundschule gilt folgendes: Sie werden altersgemäß in den Regelklassen aufgenommen, es gibt verschiedene Förderprogramme wie „DeutschPlus“, „Brücken.bauen“ oder „Drittkräfte“.

Ab der Jahrgangsstufe 5 bis zum Ende der Vollzeitschulpflicht wurden schulartübergreifend Brückenklassen eingerichtet: sechs an den Mittelschulen (eine in Starnberg, eine zweite ist bei Bedarf angedacht; zwei in Gilching; je eine in Gauting, Tutzing und Herrsching), zwei an Realschulen (je eine in Herrsching und Gauting) und vier an Gymnasien (je eine in Starnberg, Gilching, Gauting und Tutzing; eine zweite in Gilching ist angedacht).

Eine Brückenklasse nimmt zwischen zehn und 20 Schüler auf. Der Unterricht an Brückenklassen läuft wie folgt ab: zehn Stunden Deutsch als Zweitsprache, fünf Stunden Mathematik, vier Stunden Englisch, vier Stunden sonstiger Unterricht. Das sind 23 Stunden, womit das Lernen über ukrainische Plattformen noch möglich ist. Mit der Teilnahme an einer Brückenklasse ist die Schulpflicht erfüllt. Es gibt keine Zeugnisse mit Noten. Im Sommer gibt es eine Schullaufbahnempfehlung mit gegebenenfalls einer Aufnahmeprüfung für weiterführende Schule. Dann folgt die feste Aufnahme in den Klassenverband.

„Für die Brückenklassen wurden Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium und Ausbildung Deutsch als Zweitsprache gesucht. Dabei wurden auch ukrainische Lehrkräfte angeworben“, erklärt Beck. „Für nahezu alle Brückenklassen ist die Personalgewinnung erfolgreich beendet.“

Insgesamt sei das Thema eine große Herausforderung, weil die Datenlage hinsichtlich schulpflichtiger Kinder unklar ist. „Familien aus der Ukraine ziehen um, sie gehen in die Ukraine zurück. Zuordnungsbescheide kommen zurück, weil die Adresse nicht mehr stimmt“, schildert die Sprecherin die Situation. „Es herrscht momentan eine große Unsicherheit über die Zahl der tatsächlich im September an den Schulen auftauchenden Kinder. Auch Privatschulen nehmen Schüler auf, ebenso die Berufsschule. Ab 16 Jahren stehen die Angebote der Erwachsenenbildung offen.

Vor welchen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Ukraine-Situation steht der Landkreis aktuell?

„Die aktuelle Wohnungssituation bereitet Sorgen“, sagt Landrat Stefan Frey. „Denn wie stabil die private Unterkunftssituation in den kommenden Monaten ist, kann aktuell kaum prognostiziert werden.“ Notunterkünfte stünden nur in begrenztem Umfang zur Verfügung. „Spannend wird die Beschulung ab September. Viele Schulen müssen mit provisorischen Räumlichkeiten zurechtkommen“, nennt Frey als weitere Herausforderung. Und: „Auch für die Betreuung in den Kindertagesstätten müssen wir von den Standards runterkommen. Denn dort ist die Situation ohnehin angespannt.“ Wie sich die aktuelle Situation auf den Haushalt des Landkreises auswirke, werde auch eine spannende Frage, denn bisher sei zwischen Bund und Ländern noch nicht abschließend geklärt, ob und wie die Kommunen auch bei den Unterkunftskosten entlastet werden.

„Zudem gilt es, das Bewusstsein in der Bevölkerung aufrechtzuerhalten, in der Notsituation weiterhin zu helfen. In der Verwaltung tun wir alles dafür, die Themen gut und praktikabel umzusetzen“, betont Frey.

Wie viele Spendengelder sind auf dem Spendenkonto des Landkreises eingegangen? Und wie viel Geld wurde davon bereits ausgegeben?

113 727,66 Euro sind – Stand Freitag – eingegangen, 63 295,33 Euro davon wurden bereits ausgegeben.

Auch interessant

Kommentare