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Sisyphusarbeit: Mitarbeiter des Landes-Fischerei-Instituts fangen den gesamten September im ganzen Starnberger See Fische mit Boden- und Schwebnetzen. Anschließend werden sie akribisch sortiert, gewogen und vermessen sowie ihr Alter bestimmt.

EU-Projekt für Fische

Hungernde Renken im Starnberger See

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Der Negativtrend ist schon seit einigen Jahren zu beobachten: Die Renke, der so genannte Brotfisch am Starnberger See, bringt immer weniger Erträge für die 34 Berufsfischer. Eine von der EU finanzierte Studie soll dem in Starnberg beheimateten Landes-Fischereiinstitut zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

Starnberg– Akribisch zupfen Mitarbeiter des Instituts für Fischerei (LFI) einen Fisch nach dem anderen aus den Netzen, die sie am Morgen aus dem Starnberger See geborgen haben. Jeder einzelne Fisch, ob Barsch, Renke, Schleie, Hecht oder Rotfeder, wird nach Art, Größe und Weite der Netzmaschen, in denen sie sich verfangen haben, sortiert und erfasst. Anschließend werden sie gewogen und ihr Alter bestimmt. Das kann man zum Beispiel unter dem Mikroskop an den Schuppen sehen; wie bei einem Baum erkennt man anhand der Jahresringe, wie alt der Fisch ist. Eine Sisyphusarbeit. Die sich aber auszahlt. „Wir haben schon 14 verschiedene Arten gefunden“, sagt Christian Vogelmann. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am LFI Starnberg erklärt an diesem Freitagvormittag einer Delegation des Pöckinger CSU-Ortsverbandes, was es mit dem EU-Projekt „Interreg Alpine Space Eco-AlpsWater“ auf sich hat.

Das LFI Starnberg beteiligt sich unter der Leitung des stellvertretenden Institutleiters Dr. Michael Schubert an der von der Europäischen Union finanzierten Langzeitstudie am Starnberger See und in der Wertach. Insgesamt nehmen daran zwölf Partner aus sechs Ländern (Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Slowenien) teil.

Das Projekt dient in erster Linie dazu, die ökologische Zustandsbewertung von Oberflächengewässern wie den Starnberger See zu vereinfachen. Bislang mussten die Forscher mit traditionellen Methoden – zum Beispiel Befischung mit Netzen und Reusen, Elektrofischerei oder Erfassung mit Echolot – arbeiten. Da dieses Monitoring aber sehr arbeits- und zeitintensiv ist, erhoffen sich die Wissenschaftler, mit der innovativen Methode eDNA (environmental DNA-Analyse, also Umwelt-DNA-Analyse) die Lebewesen in einem Gewässer künftig schneller, leichter und kostengünstiger identifizieren zu können. Bei der e-DNA-Analyse sollen die Forscher anhand von im Wasser befindlichen Schwebstoffen wie Schuppen oder Kot einzelne Fische bestimmen und die Menge der verschiedenen Arten hochrechnen können. Genau das soll die Studie, die drei Jahre dauert und erst im April 2021 abgeschlossen sein wird, nachweisen. „Das ist sehr spannend, so können wir alle Methoden miteinander abgleichen“, sagt Vogelmann.

Den gesamten September haben die LFI-Mitarbeiter den Starnberger See – das fünftgrößte deutsche Binnengewässer – mit standardisierten Netzen abgefischt. Insgesamt 192 Boden- und 72 Schwebnetze sind noch bis Ende des Monats im Einsatz. „Zwei Drittel des Sees haben wir so bereits befischt“, sagt Vogelmann. Bis vergangenen Freitag haben er und seine Helfer rund 1800 Fische gefangen und 14 Arten entdeckt. „80 Prozent davon sind Barsche, davon etwa 75 Prozent sieben bis zehn Zentimeter groß“, erklärt Vogelmann. Noch nicht ins Netz gegangen sind den Wissenschaftlern allerdings so gefährdete und seltene Exemplare wie Elritze oder Mühlkoppe, die im Starnberger See nicht mehr vorzukommen scheinen. „Wir hoffen aber, durch die eDNA Hinweise zu erhalten, dass es diese hier doch noch gibt“, sagt Vogelmann. Wenn die Netzbefischung abgeschlossen ist, werden die bisherigen Erkenntnisse noch durch Elektrofischerei in den Uferbereichen des Sees sowie per Hydroakustik ergänzt. Dabei fahren Vogelmann und seine Mitarbeiter „eine Nacht lang im Zickzack über den ganzen See“ und erfassen die Fischbestände per Echolot – eventuell sogar mit einem Tauchroboter.

Für den Berufsfischer und den Verbraucher sind aber nicht Elritze oder Mühlkoppe entscheidend, sondern die Fische, die beim Menschen auf dem Speiseplan stehen. Schließlich wollen die Konsumenten „mit regionalen, hochwertigen Lebensmitteln in bester Qualität“ versorgt werden, so Vogelbauer. Während es bei Karpfen oder Hecht und auch beim Aal noch recht gut aussieht, bereitet der Bestand der Renken, die den Großteil des Ertrags der Fischer ausmachen, mehr und mehr Sorge. Bayernweit blieben die Fangquoten zwar gleich – im Chiemsee werden beispielsweise nach wie vor sehr viele Renken gefangen –, aber im See seien die Erträge „vor allem seit 2011 extrem eingebrochen“. Laut Vogelmann habe eine im Starnberger See gefangene drei- bis vierjährige Renke 1975 noch ein durchschnittliches Gewicht von rund 500 Gramm gehabt, heute seien es nur noch knapp 200 Gramm – 2013 waren es noch 260 Gramm. „Es fehlt einfach an Nahrung“, sagt Vogelmann, der den Starnberger See auch auf dessen Zooplankton (Wasserflöhe, Hüpferlinge, Kleinstkrebse, Mückenlarven usw.) untersucht hat. Dabei hat er herausgefunden, dass der See nur sechs Individuen Zooplankton pro Liter Wasser enthält. „Das ist absolut grenzwertig.“ Kein Wunder also, dass die Renken Hunger leiden und nicht wachsen.

Die Ursachen dafür seien vielfältig und nur sehr schwierig herauszufinden. Häufig wird behauptet, das Wasser des Starnberger Sees sei zu sauber. Das Phosphor-nitrat-Verhältnis stimme nicht mehr. Diese Theorie wird derzeit mit der Studie „Nitroflex“ untersucht, die das Fischereiinstitut in Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilian-Universität betreibt. Und auch der Klimawandel könne laut Vogelmann eine Rolle spielen. Durch die Erwärmung nehme auch die Temperatur im See zu. Das wiederum beeinflusse, welche Algen wachsen, wovon sich wiederum die Kleinsttiere ernähren. So könne sich das Nahrungsangebot der Renken verändern. Außerdem müssten die Fische in tiefere, kältere Seeschichten ziehen, wo es auch weniger Zooplankton gibt.

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