Unzufrieden mit der Situation: Johanna Pauli-Keller aus Percha berichtet von anstrengenden Bemühungen um einen Impftermin für ihren Mann Jochen. Der 93-Jährige leidet an Demenz und ist pflegebedürftig.
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Unzufrieden mit der Situation: Johanna Pauli-Keller aus Percha berichtet von anstrengenden Bemühungen um einen Impftermin für ihren Mann Jochen. Der 93-Jährige leidet an Demenz und ist pflegebedürftig.

Verwirrende Krisen-Kommunikation

Impfung der über 80-Jährigen: Es geht also doch nach dem Alter

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Die Impfung der Senioren außerhalb der Heime läuft langsam an. Bisher musste man annehmen: Der gesunde 80-Jährige kann weit vor dem vorerkrankten 105-Jährigen drankommen. Nun gibt es in der Gruppe mit höchster Priorität laut Gesundheitsministerium Priorität doch eine Reihenfolge.

+++ Update vom 31. Januar: Nun geht es also doch nach dem Alter

Diese Info bekam bisher nicht einmal Landrat Stefan Frey: Die Reihenfolge, nach der die über 80-Jährigen geimpft werden, ist also doch nicht willkürlich. Das Gesundheitsministerium bestätigte nun, was lange nicht klar kommuniziert worden war.

„Ich argumentiere gerne mit Zahlen und Fakten“, sagt Frey. Bei einer wesentlichen Frage zur Impfung vermisste er aber seit Wochen eine klare Aussage vom Freistaat. Auch weil sie ihm so oft von Bürgern gestellt wurde. Werden die über 80-Jährigen, die Gruppe mit höchster Priorität, in willkürlicher Reihenfolge geimpft? Kann der gesunde 80-Jährige vor dem 105-Jährigen mit Vorerkrankungen drankommen? Bisher musste man davon ausgehen, dass der Zufall regiert – zumindest, wenn man der offiziellen Kommunikation des Bundesgesundheitsministeriums, dessen bayerischen Pendants und des Landratsamts glaubte (wir berichteten).

Die Kreisbehörde hat noch immer keine konkrete Antwort vom Freistaat bekommen, nach welchen Algorithmen das Registrierungsportal BayIMCO (Bayerisches Impfmanagement gegen Corona) funktioniert. Der Starnberger Merkur bekam nun eine – aber erst nach mehrfacher Nachfrage. „Innerhalb einer Alterspriorisierung (also z.B. Ü80) erfolgen die Einladungen zur Terminreservierung dem Alter entsprechend absteigend, ein 89-Jähriger wird vor einem 80-Jährigen eingeladen. Das gilt unabhängig von der Form der Anmeldung, telefonische wie Online-Anmeldungen landen in einem Pool“, so eine Ministeriumssprecherin. Jedes Impfzentrum arbeite eigenständig, deshalb könnten im einen Landkreis eines Tages die 78-Jährigen dran sein, während im anderen noch die 83-Jährigen dran sind. Auf die Frage, ob Vorerkrankungen bei der Reihenfolge eine Rolle spielen, blieb das Ministerium unkonkret.

„Wäre der Impfstoff nicht so rar, würden wir diese Diskussion gar nicht führen“

Johanna Pauli-Keller aus Percha dürfte sich über die neuerlichen Aussagen wundern. Sie hatte sich an den Merkur gewandt, weil sie eine gewisse Willkür befürchtete. Schließlich hat ihr pflegebedürftiger Mann (Stufe 4 von 5) mit 93 Jahren noch keinen Termin in Aussicht. Diese Woche rechnet der Landkreis mit etwa 460 Impfdosen. „Wäre der Impfstoff nicht so rar, würden wir diese Diskussion gar nicht führen“, sagt Landrat Frey. Er führt sie an diesem Montag wieder, er habe einen Telefontermin mit den Verantwortlichen im Ministerium und hofft auf weitere Aufklärung. Frey vermutet: „Vielleicht wollte man sich eine ethische Diskussion ersparen.“ Seiner Ansicht nach hätte man die Priorisierung von Anfang an aufklären können und müssen. Sie sei ja „im System angelegt“, schließlich ließen sich im Registrierungsportal Alter und Vorerkrankungen eintragen. Wundern sollte man sich trotzdem nicht, falls der kranke 105-Jährige nicht vor dem gesunden 80-Jährigen drankommt. Das Ministerium: „Aufgrund der komplexen Ansprüche und Abhängigkeiten in einem dynamischen Terminvergabeverfahren kann die beschriebene Konstellation im Einzelfall nicht vollständig ausgeschlossen werden.“

Ursprungsartikel vom 28. Januar

Landkreis – Es war ein anstrengender Akt für Johanna Pauli-Keller aus Percha: Die 77-Jährige hat viele Telefonate geführt, damit ihr 93-jähriger, dementer Mann geimpft werden kann. Sie hat dabei mit mehreren Menschen gesprochen, die ihr nichts sagen konnten, wurde vertröstet und wartet nun seit gut einer Woche auf eine Info. Pauli-Keller ist bewusst, dass der Impfstoff knapp ist. Auch dass sie, als es mit der telefonischen Registrierung beim BRK endlich geklappt hatte, irrtümlicherweise noch mal einen Fragebogen zugeschickt bekam, nimmt sie gelassen. Aber eines versteht sie nicht – dass ihr pflegebedürftiger Mann (Stufe 4 von 5) mit 93 Jahren nicht zum Start ins Impfzentrum geladen wurde oder zumindest einen Termin in Aussicht hat. „Mir ist bewusst, dass es drunter und drüber geht. Aber ich frage mich, wie man das priorisiert hat“, sagt Pauli-Keller.

Bis Ende der Woche sollen im Impfzentrum des Landkreises in Gauting 126 Über-80-Jährige die Spritze gegen Covid-19 bekommen, 42 waren am Dienstag dran, 42 sind jeweils heute und am Freitag an der Reihe. Wie viele davon über 90 sind? Darüber werde keine Statistik geführt, sagt Barbara Beck, Sprecherin im Landratsamt. Sie bestätigt mit einem treffenden Beispiel, dass die Reihenfolge in der Gruppe über 80 willkürlich ist. „Der pumperlgsunde 80-Jährige kann vor dem 105-Jährigen mit Vorerkrankungen drankommen.“ Regiert also der blanke Zufall eines Computersystems des Freistaats? Lukas Messerschmidt vom BRK, der Verwaltungsleiter des Impfzentrums, möchte dazu keine Aussage treffen. Er wisse nicht, wie priorisiert werde. Das BRK habe deshalb aber schon Fragen an übergeordnete Institutionen geschickt. Antworten stehen noch aus.

Hersteller der Software: Kein Kommentar

Der Hersteller Accenture der Software „Bayerisches Impfmanagement gegen Corona“ äußerte sich nicht auf Merkur-Anfrage und verwies auf Bayerns Gesundheitsministerium. Das antwortete ausschweifend, aber nicht konkret auf die Frage nach der Priorisierung innerhalb der höchsten Stufe. Gesundheitsminister Klaus Holetschek plädierte im Rahmen seiner Regierungserklärung dafür, „stärker auf die Einzelfälle zu schauen und seltene Erkrankungen bei der Impfpriorisierung zu berücksichtigen“. Parissa Hajebi, Sprecherin im Bundesgesundheitsministerium, schreibt auf die Merkur-Anfrage: „Die Impfverordnung ermöglicht es den Ländern, auch innerhalb der Personengruppen eine konkretere, auf die epidemiologische Situation vor Ort abgestimmte Priorisierung vorzunehmen und dabei auch praktische Erwägungen zu berücksichtigen.“ Sie verweist auch auf die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut. In deren aktuellem Epidemiologischen Bulletin vom 8. Januar findet der aufmerksame Leser den Satz: „Innerhalb einer Stufe sind die dort aufgeführten Personengruppen gleich priorisiert.“ Die Bestätigung des Zufallsprinzips.

Rund 11 000 Über-80-Jährige leben im Landkreis, inklusive der Bewohner von Pflegeheimen. Geimpft sind derzeit insgesamt etwas mehr als 2300 Menschen – dazu zählt aber auch Pflege- und Klinikpersonal, das ebenfalls der höchsten Prioritätsstufe der Coronavirus-Impfverordnung angehört. Es dürfte also noch eine Weile dauern, bis alle über 80 die Spritze bekommen haben.

Die Priorisierung war bayernweit Thema: Man müsse sie besser erklären, forderte die Landtags-SPD mit einem Dringlichkeitsantrag von der Staatsregierung. Einerseits herrscht ein Verteilungskampf um die Impfdosen, andererseits werden etwa im Klinikum rechts der Isar in München studentische Mitarbeiter geimpft (Bayern-Seite 13). Der Markt Dießen bemüht sich derweil darum, dass seine 1100 Senioren über 80 leichter zur Impfung kommen. An der Augustinum-Seniorenresidenz soll es eine Filiale des Penzinger Impfzentrums geben.

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Die Lage auf den Intensivstationen des Landkreises entspannt sich insgesamt etwas. Neun von elf Covid-Patienten liegen in der Gautinger Lungenfachklinik. Krankenhaus-Koordinator Dr. Thomas Weiler erkennt einen Trend, warnt aber vor dem „Drohpotenzial“ der Virus-Mutationen.

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