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Kinder mit Handicaps in Regelschulen stellen Lehrer vor Herausforderungen.

Lehrerverband schlägt Alarm

Inklusion in der Schule: Auch Lehrer im Landkreis Starnberg überfordert

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Damit Inklusion in Schulen funktionieren kann, müssten Lehrer besser ausgebildet und „multiprofessionelle Teams“ eingesetzt werden. Mit diesen Forderungen reagiert der Lehrerverband im Landkreis auch auf einen Fall aus Starnberg, der Pädagogen sehr aufgewühlt hat.

Starnberg – Einem Zwölfjährigen mit einer Körperbehinderung wird der Zutritt zur Starnberger Schlossbergschule verweigert, weil er ohne seine offizielle Schulbegleitung vor der Tür steht – und das am Nikolaustag. Sogar die Polizei wird eingeschaltet: Mit diesem Fall ihres Sohns ging Susann Dohm Anfang Dezember an die Öffentlichkeit. „Sie haben uns abgefangen wie Verbrecher“, sagte die Mutter empört. Die Regierung von Oberbayern stellte sich hinter die Schule: Eine nicht ausgebildete Ersatzbegleitung sei nicht praktikabel.

Dohms Einsatz für Inklusion begrüßen Hans-Peter Etter und Nicole Bannert vom Kreisverband des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) – die Art und Weise kritisieren sie deutlich. „Hier entsteht der Eindruck, dass eine Mutter gegen die Schule arbeitet. Für Lehrer und die Direktorin ist das eine sehr schwierige und belastende Situation – zumal sie das Kultusministerium, den Anwalt und die Presse informiert hat“, sagt Etter, der die Rechtsabteilung des Kreisverbands leitet. Wenn Eltern Druck machen, würden sich Lehrkräfte allgemein eher von den betreffenden Schülern distanzieren, um ja nichts falsch zu machen. „Die Beziehung leidet darunter.“ Die Vize-Kreisvorsitzende Bannert ergänzt: „Wir fühlen uns alle angegriffen. Man kann für eine Sache kämpfen, sollte aber trotzdem als Schulgemeinschaft agieren, ohne Kollateralschäden in Kauf zu nehmen.“

Zutritt verweigert: Der zwölfjährige Sohn von Susann Dohm durfte Anfang Dezember ohne offizielle Schulbegleitung nicht in die Schlossbergschule. Foto: Andrea Jaksch

Für Bannert und Etter ist der Fall an der Schlossbergschule der Anlass, um auf überforderte Lehrer, schlechte Ausstattung und fehlendes Personal hinzuweisen – speziell was den Bereich Inklusion betrifft. Im März 2013 verabschiedete die Bayerische Staatsregierung einen Aktionsplan, um die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. „Aber die Inklusion funktioniert an unseren Schulen bis heute nicht richtig“, findet Etter. Als Beleg berichtet er von der zwei oder drei Jahre zurückliegenden Situation einer Lehrerin im Landkreis. „Sie hatte jeden Morgen Angst, wenn sie ins Klassenzimmer kam.“ Die Frau musste laut Etter ständig damit rechnen, einem Erstklässler ein Adrenalspray in den After und eine Spritze in den Oberschenkel geben zu müssen. Darauf vorbereitet oder geschult sei sie nicht gewesen.

Als Lehrerin müsse man sich allgemein vor allem freiwillig fortbilden, sagt Bannert aus eigener Erfahrung. Und: „Jedem Kind gerecht zu werden, ist eine Zerreißprobe.“ Aber genau darum gehe es, damit Inklusion wirklich gelinge. Es gebe so viele Arten von Behinderungen, emotional, sozial wie körperlich. Es gelte, bei jedem Kind zu schauen, wie und wo es am besten zu fördern ist. Deshalb fordert der BLLV „multiprofessionelle Teams“ im Klassenzimmer, damit gegebenenfalls auch die medizinische Versorgung sichergestellt ist. Laut Etter gibt es eine Diskrepanz zwischen Eltern und Lehrern: „Eltern ist vor allem wichtig, dass ihre Kinder in einer Gemeinschaft aufwachsen – die schulische Förderung spielt eine untergeordnete Rolle.“

Inklusion in der Schule: Der Status Quo im Landkreis

Der Status Quo im Landkreis: Da wäre das sonderpädagogische Förderzentrum in Starnberg, die Fünfseen-Schule. Die Grundschule Wörthsee sowie die Grund- und Mittelschule in Tutzing haben ein offizielles Inklusionsprofil. Darüber hinaus gibt es das Modell der Partnerklassen: In der Starnberger Ferdinand-Maria-Grundschule und in der Grundschule Söcking werden Kinder mit und ohne Behinderungen stundenweise gemeinsam unterrichtet. Außerdem gibt es den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst, der laut den Verbandsvertretern aber nur eine sporadische Ergänzung ist. Wer nicht sicher ist, was für sein Kind das Beste ist, kann sich im Landratsamt bei der Inklusionsberatung informieren.

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