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„Hildegard lernt fliegen“ in der Schlossberghalle: (v.l.) Marco Müller, Christoph Steiner, Andreas Schaerer, Matthias Wenger, Andreas Tschopp und Benedikt Reising.

All that Jazz@Starnberg

Umjubelte und freche Schweizer 

Starnberg -  "Hildegard lernt fliegen" ist die derzeit frechste und aufregendste Jazzband der Szene. In Starnberg lieferte das Sextett den Beweis.  

Andreas Schaerer steht allein auf der Bühne der Starnberger Schlossberghalle. Nur mit Mund am Mikro, mit Gaumen und Stimmbändern lautmalt er einen fernen Klangwald. Exotische Vögel gurren und rufen, ein Bach murmelt, Wassertropfen fallen durch Blattwerk. Das Publikum vergisst zu atmen. Es ist einer von vielen magischen Momenten am Freitagabend in der Schlossberghalle. „Hildegard lernt fliegen“ heißt die Band von Stimmakrobat Schaerer, und so kurios wie der Bandname, so verläuft auch dieser Auftritt, Auftaktveranstaltung zu „All that Jazz@starnberg“. 

Nach dem Konzert stehen die sechs Musiker etwas verausgabt am Tisch mit den CDs. Sie kennen sich seit des Jazz-Studiums in Bern, sind zwischen 35 und 39 Jahre alt, ausgesucht höflich. Vor zehn Jahren gründete Schaerer mit ihnen die „Hildegard“. Die erste CD war schon ein Erfolg, es folgten Tourneen durch Europa, China und Russland. Heute gehört „Hildegard lernt fliegen“ zum frechsten und aufregendsten, was die Jazz-Szene zu bieten hat. Schaerer freut sich sehr über die offensichtliche Begeisterung der Starnberger. „Ein tolles Publikum“, sagt er. 

Zwei Stunden lang haben Schaerer, Andreas Tschopp (Trombone, Tuba), Matthias Wenger (Alt- und Sopransax, Querflöte), Benedikt Reising (Bariton- und Altsaxofon, Bassklarinette), Marco Müller (Bass) und Christoph Steiner (Schlagzeug, Marimba, Karimba) scheinbar mühelos betörende Musik gemacht. Skurrile Kabinettstückchen – auch mal mit Schreibmaschine für die Percussion – leichtfüßiger Swing, fetter Bigband-Sound, Moritaten- und Operettenfragmente, Balkan-Brass und dann noch Zappa, Miles Davis und Thelonious Monk, alles ist dabei gewesen. Bei ihrem Parforceritt durch die Stilrichtungen setzt das sympathische Sextett rhythmische und harmonische Regeln außer Kraft – das aber fesselnd präzise. Schaerers Kompositionen sind ausgecheckte und in sich geschlossene Kunstwerke, zugleich bebt der Abend unter einem vibrierendem Spannungsbogen, bleibt den hochklassigen Musikern Raum für solistische Entfaltung. Und dann ist das Ganze zwischendrin auch noch zum Schreien komisch, ohne je schrill zu sein. Dem Publikum fliegen die Töne nur so um die Ohren, es lacht, lauscht und staunt.

 Zentrum des Sturms auf der Bühne ist Schaerer. Er lotet aus, was Gaumen, Stimmbänder und Lunge hergeben, schwingt sich in höchste Sopranlagen, singt voller Schmelz, brummt, schnalzt, kreischt und summt. Er ist Percussionist, Rhythmussektion und Melodie zugleich, begleitet seinen eigenen – sauberst intonierten – Gesang, singt im Duett mit Posaune, Saxofon oder Kontrabass, imitiert sie mitunter so perfekt, dass Stimme von Instrument nicht zu unterscheiden ist. Das Tempo auf der Bühne ist oftmals atemberaubend, übermütig tobt Schaerer mit seinen Musikern durch skurrile Stücke mit kuriosen Titeln wie „Seven Oaks“, die apokalyptische Kneipenrunde „Pre & Post Sapien“, ein bisschen Pate mit „Don Clemenza“ oder „Rezitae Furije Furije“. Dann reißt Schaerer das von Steiner rhythmisch beschriebene Papier aus der Schreibmaschine und liest den Buchstabensalat, produziert bizarre Sprechkunst in höchstem Tempo, was da noch Dada oder schon switzerdütsch ist, keine Ahnung, aber was ist das für ein großer Spaß! 

„Das war so anstrengende Musik und Sie sitzen immer noch da“, sagt Schaerer schließlich oben auf der Bühne, und applaudiert dem vergnügt glucksendem Publikum. Zum Nachtlied packen die Bläser die Blockflöten aus, und mit Kontrabass, Karimba und Schaerers Stimme wird es bei „Encore Mockbae“ ein letztes Mal magisch in der Schlossberghalle. Respekt.

Hanna von Prittwitz

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