Furios, einfühlsam, virtuos: Julia Fischer bei ihrem Konzert in Starnberg, am Flügel begleitet von Henri Bonamy. Foto: Andrea Jaksch

Julia Fischer in Starnberg

Eröffnungskonzert: Bach mit Swing

Julia Fischer hat die Starnberger Musikferien mit einem Konzert eröffnet - ein erlesener Musikgenuss.

Starnberg– Großes Kino für die Ohren mit Julia Fischer: Die Geigenvirtuosin eröffnete als Schirmherrin am Dienstagabend die „Starnberger Musikferien“. Den Besuchern in den quasi restlos gefüllten Reihen der Schlossberghalle bot sich neben erlesenem Musikgenuss auch ein kurioser Moment.

Sven Radtke, Vorsitzender vom „Freundeskreis Museum Starnberger See“, übertrieb nur gering, als er Julia Fischer „die führende Geigerin weltweit“ nannte – große internationale Beachtung erfährt die in Gauting aufgewachsene Virtuosin tatsächlich. Das Publikum begeisterte die 34-Jährige, weil sie auch schwierigste Passagen herrlich leicht und spielerisch nahm.

Die geradezu artistische Wendigkeit Fischers entfaltete ihre Wirkung im raschen Wechsel ihres Ausdrucks zwischen Temperament und Seelentiefe. Besonderes Pathos brauchte die Geigerin dann gar nicht auf die Saiten zu legen – Julia Fischer muss nichts mehr beweisen, und das unbedrückte Schweben-Können macht sie sogar noch besser als früher.

In Brahms’ „Violinsonate Nr. 2 op. 100“ setzte die Geigerin ihre Leuchtpunkte nur dezent und ließ dem Wohlklang von Henri Bonamy am Flügel viel Raum. Indes genügte bereits der feine Geigen-Gestus, um den Schmuckstück-Charakter der Violine zu offenbaren. Zwischen intensivem Schwelgen und genießerischem Nachspüren von Klängen realisierte Fischer entlang des Brahms-Werks eine „education sentimentale“, eine hohe Schule der Gefühle.

In jugendfrischer Manier

Ein furioses Bravour-Stück für die Violine war „Introduktion und Rondo capriccioso“ von Camille Saint-Saens. Exaltierte Wechsel von sprunghaften Presti, zweigestrichenem Schmelz und grazilen Momenten – bewältigen können dies durchaus einige, doch Fischer spielte nicht nur die Noten, sie spielte mit ihnen. Schwierigkeiten begegnete sie mit sichtlicher Leichtigkeit, ja gar mit Freude, und manchmal unterstrich ein Lächeln die brillante Interpretation. Der daraus erwachsende Schwung war auch hörbar und sorgte für Jubel.

In jugendfrischer Manier wurde die Klassik im zweiten Teil des Abends arrangiert. In schwarzen Anzügen standen im Halbkreis sechs Streicher, am Bühnenrand vorangestellt fanden sich Kirill Troussov und im roten Kleid Julia Fischer – dies hatte schon optisch eine Anlehnung an ein Jazzkonzert. Bachs „Doppelkonzert für zwei Violinen BWV 1043“ wirkte ungemein elegant durch die beiden perfekt harmonierenden Meistergeigen, es wirkte kraftvoll durch die zusätzlichen Begleitstimmen, und es enthielt durch die agile Herangehensweise der Violinsolisten zuweilen regelrechte Liebeserklärungen, zuweilen einen magisch-leichtfüßigen inneren Swing. So mitreißend erlebt man Bach selten – und so witzig beendet wohl nie, denn ein kleiner Junge brachte einen Strauß rosa Rosen auf die Bühne: nicht zu Julia Fischer, sondern zu Troussov, was Fischer in leises und den Saal in lautes Lachen stürzte.

Im abschließenden Vivaldi-Konzert „d-Moll RV 565“ reihten sich alle Musiker in den Halbkreis ein und das intensive, leuchtende Zusammenspiel flog viel zu schnell vorbei. Angesichts der Leichtigkeit hätte das Publikum mehrere Zugaben vertragen, doch es gab keine einzige.

Von Andreas Bretting

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