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„Wie auf der Titanic“: Belastung in Hotspot-Kliniken in wenigen Wochen kaum noch zu bewältigen

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Von: Tobias Gmach

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Die zunehmende Belastung auf der Intensivstation registriert etwa Dr. Lorenz Nowak, Chefarzt an der Asklepios-Klinik in Gauting. Angesprochen auf den von der Regierung verordneten Verzicht auf aufschiebbare OPs sagt er: „Man spürt den Unmut und auch die Angst bei manchen Patienten und auch den Angehörigen.“
Die zunehmende Belastung auf der Intensivstation registriert etwa Dr. Lorenz Nowak, Chefarzt an der Asklepios-Klinik in Gauting. © Peter Kneffel/dpa

Der von der Regierung verordnete Verzicht auf verschiebbare Operationen ist in den Landkreis-Krankenhäusern im Münchner Umland bitter nötig. In wenigen Wochen könnte die eh schon enorme Belastung doppelt so hoch sein.

Landkreis – Prof. Florian Krötz kommt sich derzeit vor, als lebe er in zwei Welten. Die berufliche Welt des Chefarztes und Pandemiebeauftragten der Krankenhäuser im Landkreis ist das Klinikum Starnberg. „Bei der Visite auf der Covid-Station unterhalte ich mich mit hechelnden, ganz normalen Mitbürgern – und draußen auf der Straße läuft das ganz normale Leben. Wie wenn man aus dem Maschinenraum der Titanic an Deck geht, wo die Musik spielt“, sagt Krötz.

Corona-Lage im Landkreis Starnberg: Kliniken sind überlastet

Nein, es ist nicht übertrieben, die Lage in den Krankenhäusern mit einem sinkenden Schiff zu vergleichen. Der Arzt bemüht diesen Vergleich auch, weil er den Eindruck hat, dass so mancher den Ernst der Lage immer noch nicht verstanden hat. Der am Mittwoch von der Regierung verordnete Verzicht auf verschiebbare Operationen ist in den Krankenhäusern im Landkreis bitter nötig, um Notfälle und schwer erkrankte Covid-Patienten zu versorgen.

39 von 45 Intensivbetten sind laut Divi-Register belegt, neun davon mit Covid-Patienten. Dazu kommen viele auf den Normalstationen. Die Kliniken Starnberg und Tutzing waren laut Krötz am Dienstag und Mittwoch überlastet. Ständige Patientenverlegungen in der Region seien die Regel.

Das Hauptproblem ist die katastrophale Personalsituation in der Pflege

Das Hauptproblem ist die katastrophale Personalsituation in der Pflege. „Wöchentlich“ höre Krötz von Kündigungen. Dr. Lorenz Nowak, Intensiv-Chefarzt an der Gautinger Asklepios-Lungenfachklinik, sagt: „Wir könnten insbesondere auf der Intensivstation mehr Betten betreiben, wenn wir das notwenige Pflegepersonal dazu hätten.“ Durch den Stopp der sogenannten elektiven Eingriffe könne das OP-Personal teilweise auf den Intensivstationen aushelfen. „Das ist eine Art Entlastung für die Kliniken, wenn auch nur von kürzerer Dauer“, so Nowak. Die Kehrseite: „Man spürt den Unmut und auch die Angst bei manchen Patienten und auch den Angehörigen.“

Als Beispiele für aufschiebbare OPs werden oft Knie- oder Hüftoperationen genannt. Laut dem Pandemiebeauftragten Krötz können es aber auch Herz- oder Tumor-OPs sein. Eingriffe etwa, bei denen Gewebe entnommen wird, um eine Diagnose zu stellen. Es kann dieser Tage gut sein, dass Patienten zwei oder vier Wochen länger mit der Unsicherheit leben müssen – „psychisch eine unglaubliche Belastung“, sagt Krötz. Im Normalfall reagieren die Patienten mit Verständnis. Oft werden sie auf unbestimmte Zeit vertröstet, wie Sylke Will, Sprecherin des Tutzinger Benedictus-Krankenhauses, bestätigt: „Eine genaue Terminierung ist natürlich derzeit schwierig, weil die Besserung der Lage noch nicht absehbar ist.“

Besuchsverbot ab Montag in Gautinger Klinik

Laut dem Starnberger Chefarzt Krötz ist es sogar unausweichlich, dass die Situation noch viel schlimmer wird. Rein mathematisch. Weil der Inzidenz-Wert sich auf zwei Wochen alte Fälle beziehe und die Krankheit nach zehn Tagen ihren Höhepunkt erreiche, würden derzeit gerade die Patienten in die Kliniken eingeliefert, die sich vor etwa drei Wochen angesteckt haben. Da lag die Inzidenz im Landkreis allerdings noch bei 142. Mittlerweile liegt sie bei 456, ist also um mehr als das Dreifache gestiegen. „Wir sind jetzt schon extrem unter Stress“, sagt Krötz. Schon doppelt so viele Patienten zu versorgen, werde nicht gelingen. „Wir wissen nicht, wie das gehen sollte.“ Düstere Aussichten für die nächsten Wochen.

Die Gautinger Klinik, aktuell mit elf Corona-Patienten belegt, bereitet sich vor, so gut es geht. Ab Montag gilt auch dort ein komplettes Besuchsverbot, das Schlaflabor ist bis auf Weiteres geschlossen, und viele Patienten, die zu Hause langzeitbeatmet werden, aber hin und wieder in die Klinik müssen, werden vertröstet.

Immerhin: Ganz schwarz sieht der Kreis-Pandemiebeauftragte Krötz nicht. Es gelte, die Last der Notfälle weiterhin gut auf die Kliniken zu verteilen. „Ich bin davon überzeugt, dass uns das gelingen wird.“

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