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Konstantin Wecker auf der MS Starnberg.

All that Jazz

Konstantin Wecker auf der MS Starnberg: Bloß nicht d-moll

Konstantin Wecker ist im Rahmen der All-that-Jazz-Reihe bei einer Rundfahrt auf der MS Starnberg aufgetreten.

Starnberg – Sein alter Freund „Willy“ lebt noch. Er ist sogar lebendiger denn je, auch wenn sie ihn gestern begraben haben, wie Konstantin Wecker schon seit 40 Jahren singt. Als Wecker am Freitagabend gegen 20.15 Uhr sein Konzert auf der „MS Starnberg“ beginnt, merkt er vor den 270 Gästen einleitend an, dass „d-Moll ein ziemlich trauriger Dreiklang“ sei, denn er setze sich aus „a, f und d“ zusammen. Dann singt er das ewig gültige, warnende Lied vom „Willy“, der sich einst rechten Wirtshausschlägern entgegenstellte und dafür mit dem Leben bezahlt hat. Und um gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, fügt der toskanagebräunte 70-Jährige hinzu: „Ihr werdet euch nicht wundern, dass ich das Lied zur Zeit an den Anfang meines Programms stelle – nach diesem Wahlsonntag kann man aber leider nicht mehr sagen, dass Deutschland aus seiner Geschichte gelernt hätte.“

Damit war einer der vertrauten Wecker-Grundtöne für diesen Abend gesetzt: politisch, aufgewühlt, mitreißend, und aktueller denn je. Doch der im Münchner Lehel gebürtige Sänger, Autor und Schauspieler hat gegenüber seinen „wilderen“ Jahren samt Knast-Erfahrungen noch etwas hinzugewonnen, das man auch gereiften Weinen gerne attestiert – Selbsterkenntnis. So trägt er zwischen den alten und neueren Liedern von „Genug ist nicht genug“ bis zu „Gefrorenes Licht“ auch immer wieder Texte aus seinen Büchern vor, die ganz nebenbei offenbaren, welch große Begabung Wecker schon immer im Umgang mit Worten entfaltete: „Zwischen zwei Espressi schminkt sich der Mittag“, rezitiert er zu sanft plätschernder Piano-Begleitung Notizen von einer Italien-Fahrt – das kann man nun großartig finden oder allzu kalorienstark, seiner angenehmen, verführerischen Tenor-Stimme lauscht man einfach gerne, ob sie singt, säuselt oder Klartext spricht. Allein die lippenbebende Art, wie Wecker eines seiner Lieblingsworte, „Mut“, mit zwei „m“ vorne herauspresst, ist ein Erlebnis, und die Zeile von den „letzten Stunden Herbst im Sommergewand“ wirkt wie mit der Farbpalette hingepinselt.

„Eine Welt ohne Poesie erstickt an ihrem gnadenlosen Funktionalismus“, sagt er an anderer Stelle und kriegt dafür fast noch mehr Applaus als für seine Lieder. Wecker schildert seine Reifeprozesse, sein spätes Erwachsenwerden mit erstaunlicher Schonungslosigkeit. Da ist einer, der sich nichts mehr vormacht, der aber auch zu seinen frühen Irrtümern und Peinlichkeiten steht und zumindest äußerlich einige Demut erlangt hat: „Es gibt da Fotos, wie ich mit einem bodenlangen Nerzmantel durch München laufe – in der Hoffnung, als Zuhälter durchzugehen“, amüsiert er sich rückblickend. Seine mit ihm in die Jahre gekommenen Fans an Bord haben ihm die ganzen Albernheiten, Eitelkeiten und Verstiegenheiten nicht nur längst verziehen, sie lieben ihn dafür und singen in schwarzer Nacht mitten auf dem See sogar mit, wenn der all die Wecker-Klassiker anstimmt.

Mag heute auch ein Teleprompter bei der Textsicherheit behilflich sein – der einst vom Dichter Georg Trakl lyrisch entflammte Schulverweigerer aus dem Lehel hat es auf einzigartige Weise verstanden, ein bestimmtes südliches Lebensgefühl in seinen Liedern einzufangen. Ein Lambrusco-Gefühl, das sich irgendwo zwischen München und Toskana verorten ließe, das bis heute in vielen Herzen seiner Generation schlummert und von Zeit zu Zeit erwacht: „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist / und der Himmel violett / weiß ich, dass es meine Zeit ist / weil die Welt dann wieder breit ist / satt und ungeheuer fett...“ Und der „Willy“ wäre auch dabei.     Thomas Lochte

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