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Als letztes Stück ist Petra und Herbert Gebhard ein Persianermantel geblieben.

Kürschnerei

Schleichendes Ende eines alten Handwerks

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Der Laden ist leer, die Werkstatt ausgeräumt. Pelze Gebhard ist Geschichte. Am 31. Dezember 2017 war das Starnberger Traditionsgeschäft zum letzten Mal geöffnet. Im Frühjahr wechselt „Merlin“ vom Stadtmarkt in die Maximilianstraße 11 – ein Fachgeschäft für Schmuck und Accessoires.

Starnberg– In den letzten Wochen des zurückliegenden Jahres war es in der Werkstatt von Pelze Gebhard noch einmal recht wuselig. Petra und Herbert Gebhard hatten alle Hände voll zu tun, die letzten Aufträge abzuarbeiten. Sie stammten von Brauchtumsvereinen, die sich vor allem dem Erhalt und der Pflege der im Fünfseenland und angrenzenden Regionen beliebten Fischertracht verschrieben haben. Als die Trachtler erfahren hatten, dass die Starnberger Kürschnerei zum Jahresende schließen werde, haben sie bei einem der letzten Fertiger von Teilen ihres historischen Gwands nachgeordert. Vor allem Otterfellhauben und Bramerl – das sind meist aus Seide hergestellte Kopfmützen mit Pelzbesatz (Otter, Nutria oder Bisam) – haben nochmals in größerer Anzahl die kleine Werkstatt an der Maximilianstraße in Starnberg verlassen. Die Auftraggeber waren Trachtenvereine und Blasmusikgruppen aus Starnberg, Tutzing, Dießen, Raisting, Gelting, Germering, Murnau, Blutenburg – um nur einige zu nennen. „Alles unsere Stammkunden, und das schon seit Jahren und Jahrzehnten“, berichtet Petra Gebhard dankbar und mit Wehmut in der Stimme.

Apropos Stammkunden: Die sind den Gebhards in den vergangenen Jahren mehr und mehr weggestorben. Nachgeboren ist so gut wie keiner. Das Tragen echter Pelze war aus der Mode gekommen. Manche ältere Kundin hat sich ihr gutes Stück eventuell nochmal ändern, einen moderneren Schnitt verpassen lassen. Oder der Mantel wurde zu einer wärmenden Decke verarbeitet. „Viele Frauen hatten Angst, den Pelz in der Öffentlichkeit zu tragen – auch weil ihnen die Kinder die Hölle heiß gemacht haben“, weiß Herbert Gebhard.

Sein letzter Pelzmantel

Der Kürschnermeister hat seinen letzten Pelzmantel Anfang 2017 gefertigt. Es war eine Maßanfertigung aus Samtnerzfellen. Pelze von der Stange gehörten damals schon lange der Vergangenheit an. „Mein Vater hat früher im Sommer produziert, was im Winter verkauft wurde.“ Als Sohn Herbert 1994 den Betrieb übernahm, hatten sich die Zeiten bereits geändert. „Du musst produzieren, produzieren“, erinnert sich Herbert Gebhard an die Vorhaltungen des Seniors, als sich der Sohn weigerte, in der warmen Jahreszeit Pelzmode auf Lager zu fertigen. „Das Risiko war zu groß, auf der Ware sitzen zu bleiben“, erklärt der Starnberger. Wer sich noch einen echten Pelz leisten wollte, gab vor, wie der aussehen und geschnitten sein soll.

Feldzug der Pelzgegner

Das schleichende Ende des Kürschnerhandwerks setzte Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre ein. „Im Fernsehen wurden zur besten Sendezeit Berichte über Pelztierzuchten in China ausgestrahlt, die nur auf das Produzieren von Masse und Abschlachten der Felle liefernden Tiere aus waren“, erinnert sich Petra Gebhard. Und wenn der Dachverband des Kürschnerhandwerks mit der Wirklichkeit in Deutschland gegensteuern wollte, „wurden diese Berichte um Mitternacht gezeigt, wenn überhaupt“. Herbert Gebhard belegt diese Aussage mit einer Statistik des Jagdverbandes: In der Jagdsaison 2012/2013 wurden deutschlandweit 540000 Rotfüchse erlegt – um das ökologische Gleichgewicht zu erhalten, weil diese Tiere keine natürlichen Feinde haben. Die Felle von nur drei Prozent der gejagten Füchse landeten beim Kürschner, „97 Prozent wurden weggeworfen“, sagt Gebhard.

Der Feldzug der Pelzgegner nahm damals kriminelle Züge an. Die Träger von Fellmänteln wurden mit Farbbeuteln beworfen und tätlich angegriffen. Unbekannte haben Pelze Gebhard zweimal eine Briefbombe ins Haus geschickt. „Zum Glück ist keine hochgegangen“, erzählt Petra Gebhard. Öffentlichkeitswirksam hat sich damals ein bekannter Film- und Fernsehschauspieler sowie bekennender Tierschützer an die Eingangstür des Starnberger Pelzgeschäfts gekettet, nachdem er zuvor „Mörder, Mörder“ an die Scheiben des Ladens geschmiert hatte. Die Polizei führte den Mann in Handschellen ab.

Ein Jahr Räumungsverkauf

Die schwindende Nachfrage für Pelze war nur ein Grund, warum das Ehepaar Gebhard sich schon 2016 entschloss, den Betrieb nach mehr als 60 Jahren aufzugeben. Der Hersteller von Lederbekleidung aus Bad Staffelstein, der das Pelzhaus Gebhard seit 25 Jahren belieferte, hatte Insolvenz anmelden müssen. Einen neuen Lieferanten zu suchen, machte für die Gebhards keinen Sinn mehr.

Es wurde ein Abschied, der sich gut ein Jahr hinzog. Fast so lange dauerte der Räumungsverkauf, bis auch das letzte Stück veräußert war. Und fast ebenso lange dauerte die Suche nach einem geeigneten Mieter für die jetzt leer stehenden Räume. Interessenten gab es genug, berichtet Gebhard. Aber die meisten wollten umfangreiche Umbauten oder Mauern zwischen den Räumen einreißen lassen. „Dafür hätte man Anträge auf Nutzungsänderungen stellen müssen, die zusätzliche und kostenträchtige Brandschutzauflagen nach sich gezogen hätten“, erklärt der Handwerksmeister, „das rechnete sich nicht.“ Mit den Betreibern des Fachgeschäfts „Merlin“ ist schließlich der passende Mieter gefunden worden. „Die lassen den Laden wie er ist und nutzen die Werkstatt als Lager. Besser geht es nicht“, freut sich Gebhard über das glückliche Ende.

Im Februar soll die Sanierung und Einrichtung der Räume für die Nachfolger starten. Eröffnung wird „Merlin“ im späten Frühjahr feiern, hofft Geschäftsführerin Susann Kindler.

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