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Für die Jubiläumsfeier des Kulturforums  hat Carola Merseburger Hans Well (hier vor dem Vereinslokal Bayerischer Hof) mit seinem Programm zur Münchner Revolution und zur Räterepublik verpflichtet. 

Kulturforum

90 Minuten Kurzweil fühlen sich wie  30 an

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Das Kulturforum feiert 30. Geburtstag. Zur Jubiläumsfeier kommt Hans Well mit seinem Programm zur Münchner Revolution nach Starnberg.

Starnberg – „Sie müssen sich das einmal vorstellen: eine Revolution in Bayern, in München, von den Roten! 750 Jahre Wittelsbach erledigt. Ruck-zuck, aus, Äpfel, Amen!“ So Gisela Schneeberger im Hörspiel „Rotes Bayern – Es lebe der Freistaat! Die Münchner Revolution 1918 und die Räterepublik 1919“. Hans Well und die Wellbappn haben die bayerische Revolution von 1918/19 durchgepflügt und daraus ein Hörspiel und ein Kabarettprogramm gemacht, mit dem sie am Donnerstag, 24. Oktober, auf Einladung des Kulturforums in der Schlossberghalle Starnberg aufschlagen.

In dem Ort, in dem die Kaiser-Wilhelm-Straße mal für ein paar Tage Kurt-Eisner-Straße hieß, benannt nach dem Sozialisten Kurt Eisner, der 1918 den Freistaat Bayern ausrief, dessen erster Ministerpräsident er war und am 21. Februar 1919 ermordet wurde. Erst in diesem Jahr hat der Kulturausschuss des Stadtrats mit 11:1 Stimmen einen Antrag der Grünen abgelehnt, die Kaiser-Wilhelm-Straße wieder in Kurt-Eisner-Straße umzubenennen.

Immerhin wurde voriges Jahr im Museum Starnberger See eine viel gelobte Ausstellung eröffnet, die an die Starnberger Tage der sozialistischen Revolution von 1918/19 erinnerte. Nun lädt das Kulturforum der SPD zu einer Rückbesinnung auf diese Epoche bayerischer Geschichte ein und will mit Hans Wells Programm „Rotes Bayern – es lebe der Freistaat!“, das mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2019 ausgezeichnet wurde, daran erinnern, dass die Ausrufung des Freistaates einem Sozialisten zu verdanken ist.

Der Rahmen in dem Stück ist raffiniert gesteckt. Hans Well schickt eine Besuchergruppe mit Gisela Schneeberger als Museumsführerin in die „Katakomben“ des Museums der Bayerischen Geschichte und damit in die „kaum öffentlich zugängliche Abstellkammer“ der Revolution. An Hand von Auszügen aus Briefen, Romanen, Tagebüchern und Artikeln erzählt die zehnköpfige Truppe, die mit Gert Heidenreich, Gisela Schneeberger, Bernhard Butz, Johanna Bittenbinder, Heinz-Josef Braun und Hans Well hochkarätig besetzt ist, dieses Kapitel Münchner und bayerischer Geschichte. Es fließen Berichte bekannter Autoren wie Ernst Toller oder Viktor Klemperer ein, auch Zeitgenossen wie Georg Queri oder Oskar Maria Graf kommen zu Wort und sorgen für Lokalkolorit. Wir haben uns mit Hans Well getroffen.

Herr Well, Sie haben für dieses Programm viel Zeit in Archiven verbracht. Waren Sie auch im Starnberger Stadtarchiv?

Das nicht. Aber ich war im Starnberger Museum und habe mir die Ausstellung „Revolution in der Provinz – Starnberg im November 1918“ angeschaut, die übrigens sehr gut gewesen war. Respekt! Und ich habe im Archiv des Bayerischen Rundfunks einige Originalaufnahmen entdeckt, zum Beispiel vom Ochsensepp, dem Gründer der CSU. Eine super Quelle war außer der einschlägigen Fachliteratur auch der Münchner Merkur mit seiner Serie von Dirk Walter. Das beste, was Zeitungsredakteure zu diesem Thema geschrieben haben.

Und sonst?

Ein Jahr haben meine Frau und ich Augenzeugenberichte und Zeitzeugnisse gelesen. Im Starnberger Land- und Seeboten sind wir auf einen glühenden Leitartikel von Georg Queri gestoßen, der auch im Hörspiel zu finden ist. Queri war ja im Starnberger Arbeiterrat und stand damit völlig konträr zu Ludwig Thoma, der am liebsten alle Revolutionäre an die Wand gestellt hätte. Die Revolution in München verlief übrigens vollkommen unblutig. „Jedes Menschenleben soll uns heilig sein“, war eine Prämisse von Kurt Eisner.

Das Programm ist ja ein Riesenerfolg. Sie haben es im Bayerischen Landtag vor 400 Besuchern gespielt, füllen große Hallen von Passau bis Erlangen. Ist die Zeit wieder reif für eine Revolution?

Vielleicht liegt es daran, dass es bewusst nicht für ein intellektuelles Publikum geschrieben ist. Die Leute kommen in die Vorstellungen, weil das Programm sehr kurzweilig und unterhaltsam und trotzdem informativ ist. Zu den tragischen Ereignissen kommen auch absurd witzige Szenen. Die 90 Minuten, die ohne Pause durchgespielt werden, kommen vielen Zuschauern und auch mir selber wie 30 Minuten vor.

Und wie lief die Vorstellung im Landtag?

Nachdem es ja bis heute noch kein Kurt-Eisner-Denkmal am Landtag gibt, obwohl Eisner der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern war, war es uns eine besondere Genugtuung, dass mit dieser Vorstellung Kurt Eisner doch noch im Landtag vertreten war. Im Übrigen trifft man ja in Bayern, wenn Humor und Unterhaltungswert stimmen, immer auf offene Ohren. Besonders gefreut hat es mich aber auch, dass ein Enkel von Kurt Eisner mit seiner Frau im Publikum saß. Er war eigens aus dem Odenwald angereist.

Kann man in dem Stück auch Seitenhiebe auf die derzeitige Politik erwarten?

Diesmal nicht. Das passt nicht in das Programm, das ja fast wie ein Theaterstück abläuft. Die Texte sind trotzdem bezüglich Antisemitismus und Rechtsradikalismus leider erschreckend aktuell. Und mir stellt es jedes Mal wieder die Haare auf, wenn ich bestimmte Passagen höre, zum Beispiel die von Oskar Maria Graf über die Opfer der Freikorps in der Leichenhalle. Gegenwart ist ja ohne Geschichte gar nicht umfassend verständlich. Geschichte und Tradition sind Pfeiler unserer Identität. Man sollte historisch denken, um sich gegen einen dumpfen Traditionalismus zu wehren. Identität ist das Gegenteil von identitär.

Können Sie noch etwas zur Musik sagen?

Wir spielen einige Lieder aus der Zeit, Ferdl Weiß etwa, dazu Volks- und Spottlieder und haben natürlich auch einiges selbst geschrieben. Meine erwachsenen Kinder, die Wellbappn, sind ja wesentlich musikalischer als ihr Vater. Und sie lassen mir den Glauben, dass ich der Chef bin. Wir freuen uns schon auf die Vorstellung in Starnberg. Es ist leider die vorletzte mit diesem Programm. Danach spielen wir das Stück nur noch einmal in Erlangen. Dann ist das Jubiläumsjahr 1918/19 ja auch um.

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