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Lernen wenn andere Ferien haben: Besuch bei den Sommerschülern in Starnberg

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Von: Tobias Gmach

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Förderer und Geförderte: Neben Lehrerin und Organisatorin Michaela von Buchholtz (stehend) engagierten sich auch Studenten und ältere Schüler bei der „Summer School“ der Stiftung Startchance. Gymnasiasten, Mittel- und Grundschüler vertieften in der zu Ende gegangenen Woche Inhalte, die im Corona-Schuljahr zu kurz gekommen sind.
Förderer und Geförderte: Neben Lehrerin und Organisatorin Michaela von Buchholtz (stehend) engagierten sich auch Studenten und ältere Schüler bei der „Summer School“ der Stiftung Startchance. Gymnasiasten, Mittel- und Grundschüler vertieften in der zu Ende gegangenen Woche Inhalte, die im Corona-Schuljahr zu kurz gekommen sind. © Andrea Jaksch

Während die einen mit den Eltern im Urlaub sind, sitzen die anderen in den Ferien in der Schule und holen Corona-Lernrückstände auf. Ein Besuch bei der Sommerschule der Stiftung Startchance in Starnberg. Und bei gut gelaunten und motivierten Kindern.

Starnberg – Nur ein paar Handwerker huschen am vierten Tag der Sommerferien durch die dunklen Gänge. Sonst ist – abgesehen vom besetzten Sekretariat – alles ruhig im Starnberger Gymnasium. Fast alles: Da ist Stimmengewirr auf dem Flur im Erdgeschoss, wo normalerweise die fünften Klassen Unterricht haben. Heute machen Erstklässler Matheübungen, Viertklässler schreiben Deutsch-Aufsätze, Fünftklässler büffeln Englisch-Vokabeln – alle in einem Raum. Die 14 Gymnasiasten, Grund- und Mittelschüler besuchen die „Summer School“ der Stiftung Startchance. Sie holen Lernrückstände nach, füllen Lücken, die dieses abenteuerliche Schuljahr gerissen hat. Der Großteil stammt aus sozial benachteiligten Familien, deren Förderung sich die Stiftung verschrieben hat.

„Welches Bild ist symmetrisch?“, fragt das Tablet die neunjährige Siham. Den Campingbus schließt die Drittklässlerin gleich aus, sie klickt das grüne grinsende Männchen auf dem Bildschirm an. Leider falsch. Der Leuchtturm wäre es gewesen. Die nächsten Symmetrie-Übungen laufen besser. Und auch das Einmaleins. 7x4, 6x6, 8x9: Kein großes Problem für Siham. Mittlerweile, muss man sagen. Denn Amelie Kaupa, ihres Zeichens 1,0er-Abiturientin, hat sehr viel mit der Söckinger Grundschülerin geübt.

Auch in der Sommerschule sitzt sie als Coach der Stiftung Startchance neben ihr. „Das mit Mathe war anfangs echt schlimm“, erzählt die 18-Jährige. „Jemandem Rechenarten von Grund auf online beizubringen, ist sehr schwierig.“ Weil in Sihams Familie der Drucker kaputt war, mussten sie die Aufgabenblätter montags persönlich an der Grundschule abholen, um sie freitags bearbeitet wieder abzuliefern. Große Erklärungen bekam Siham nicht vom Lehrer, sagt sie – aber eben von Amelie Kaupa.

Ältere Schüler und Studenten als Coaches

Zehn Coaches – ältere Gymnasiasten und Studenten – helfen mit, die Corona-Lernrückstände zu beseitigen. Den Überblick behält Michaela von Buchholtz. Die 47-Jährige ist Pädagogische Koordinatorin der Stiftung für Starnberg und gleichzeitig Englisch- und Geschichtslehrerin am Gymnasium. Sie steht voll hinter dem bayernweiten Konzept der Sommerschulen. „Man erwischt damit viele, die gezielte Förderung brauchen“, sagt sie. Das Homeschooling habe eklatante soziale Unterschiede zwischen Familien aufgezeigt. „Gerade in Starnberg ist die Schere groß. Wer es sich leisten kann, stellt den Kindern Geräte und Nachhilfelehrer einfach hin.“ In der Summer School der Stiftung hatte von Buchholtz diese Woche viel mit Schülern aus schwierigem Umfeld zu tun. Ein Kind habe fünf Geschwister, der Vater sei gestorben, die Mutter könne sich nicht um alle kümmern. Bei anderen arbeiteten beide Eltern Vollzeit, um finanziell über die Runden zu kommen.

Und wie schlimm ist das – lernen, wenn andere Ferien haben, im Urlaub sind oder draußen mit Freunden spielen? „Es war ja meine freiwillige Entscheidung“, sagt Helena (11). Für die Fünftklässlerin am Starnberger Gymnasium lief der Digitalunterricht gut, sagt sie. „Aber ich habe mich oft ablenken lassen. Mein Bruder wollte spielen. Und meine Mutter hat dann durchs ganze Haus gebrüllt, dass er mich in Ruhe lassen soll.“ Dann schreibt Helena weiter an ihrer englischen Geschichte „The Vacation in New York“. Sie handelt vom ersten gemeinsamen Urlaub mit Lea, die neben ihr sitzt („Wir sind allerbeste Freundinnen“).

Ausflüge fürs richtige Sozialverhalten

Der USA-Flug war für die Sommerschüler nicht drin, beachtlich ist das Kontrastprogramm zum konzentrierten Lernen trotzdem: Am Montag fuhren die Schüler mit dem Dampfer über den Starnberger See, am Dienstag waren sie im Wolfratshauser Märchenwald, am Donnerstag im Trampolinpark, und am Freitag wollten sie Minigolfspielen. Überhaupt geht es bei der Summer School der Stiftung sehr spielerisch zu. Eine Runde Stadt-Land-Fluss ist zwischendurch immer mal drin.

Die Ausflüge stehen für den ganzheitlichen Ansatz der Stiftung, besonders in Corona-Zeiten. „Sie sind total wichtig für die Motivation“, sagt Lehrerin von Buchholtz. „Aber auch, damit sich die Kinder wieder an das Sozialverhalten in der Gruppe gewöhnen.“ Sich an Regeln halten, auch beim Essen, gut zuhören, mit offenen Augen über die Straße gehen, in eine S-Bahn steigen: Grundkompetenzen, die bei manchen auf der Strecke geblieben sind.

Erwachsene haben es da viel leichter. Von Buchholtz zieht dennoch Positives aus dem abenteuerlichen Schuljahr. „Ich habe vieles über Schule gelernt. Es war spannend, eine Bereicherung.“

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