Zweites Standbein: Marc Thallmair in seinem eigenen Garten in Starnberg, wo zuletzt das Laub liegen geblieben ist. Er war schließlich gut in fremden Gärten beschäftigt. 
+
Zweites Standbein: Marc Thallmair in seinem eigenen Garten in Starnberg, wo zuletzt das Laub liegen geblieben ist. Er war schließlich gut in fremden Gärten beschäftigt. 

Kreativ durch die Krise

Mehr als ein Abstecher in die Gartenwelt: So hält sich ein Starnberger Reisebüro über Wasser

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
    schließen

Eigentlich stellt der Starnberger Marc Thallmair Exklusivtrips nach Spanien oder Asien für seine Kunden zusammen. Heuer schulte er um, baute Gartenhäuschen und schnitt Hecken für andere – damit er die Miete seines Starnberger Reisebüros weiter zahlen kann.

Starnberg – Das Laub in Marc Thallmairs Garten ist zuletzt liegen geblieben. Auf einem Areal von rund 400 Quadratmetern am Hang, das er nach dem Hausbau 2018 mühevoll angelegt hatte. Schubkarren für Schubkarren und – mit etwas Unterstützung – Baggerschaufel für Baggerschaufel. In diesem Jahr war Thallmair allerdings gut in fremden Gärten beschäftigt. Er musste sich ja was einfallen lassen. Sein bisheriges Geschäftsmodell war in sich zusammengefallen.

Der 46-Jährige steht mit Herbst-Jacke und spitz nach oben gegelten Haaren im Laub an seinem Gartenhäuschen und erzählt von seiner Existenz: dem Reisebüro an der Starnberger Ludwigstraße. In Zeiten von Online-Buchungen hat er sich auf golfspielende Urlauber und Exklusiv-Reisen spezialisiert. Für seine Kunden plant er zum Beispiel sechs Wochen Vietnam, Laos und Kambodscha – samt Flügen, Transfers, Unterkünften, Ausflügen, Bootsfahrten und Badestopps. „So was geht im Internet nicht so einfach“, sagt er.

Nur noch Umbuchungen und Stornierungen

Aber in dieser Pandemie ging so was überhaupt nicht mehr. Von März bis Juni war Thallmair mit seiner Kollegin noch mit Umbuchungen und Stornierungen beschäftigt. „Genug zu tun, aber kein Ertrag.“ So fasst er die Zeit vor dem Kompletteinbruch zusammen. Und er betont: „Wir sind schon seit mehr als einem Jahr von Corona betroffen.“ Die stornierten Reisen von heuer seien ja teilweise bereits im September 2019 gebucht worden. Und einfach wird es auch in Zukunft nicht, befürchtet Thallmair. „Der Sommer 2021 ist schon ausgebucht.“ Vieles könne er da nicht mehr verkaufen.

Gartenpflege als neue Geschäftsidee

Aber auch im Sommer 2021 werden die Menschen in und südlich von München ihren Garten pflegen. Und da kommt Thallmair ins Spiel. Über das Handwerkersuche-Portal my-hammer.de bietet er seine Dienste an: Hecken schneiden, Gartenhäuschen aufbauen, Mähroboter und Rasensprenger installieren und mehr. Den ersten Auftrag bekam er im Juli. Einen kompletten Großgarten in Grünwald brachte er auf Vordermann. „Das sah echt wüst aus dort“, sagt Thallmair und zeigt Fotos auf seinem Smartphone. Vorher, nachher. Was ihm an seinem neuen Job Spaß macht? „Man sieht sofort, was man gemacht hat.“ Und warum er es macht? „Damit ich die Miete des Reisebüros weiterzahlen kann.“

Erstes Standbein: Thallmair betreibt ein Reisebüro – ein schwieriges Geschäftsfeld in Pandemie-Zeiten.

Die Umschulung zahlt sich bisher aus. Er bekomme mehr Anfragen, als er schaffen könne, berichtet der 46-Jährige. „Es ist schön, Leuten zu helfen, die es selbst nicht können oder gesundheitlich nicht schaffen. An kleine Betonierarbeiten oder ans Fliesenlegen traut sich nicht jeder heran.“ Aber die Leute hatten dank Kontaktbeschränkungen und Lockdown Zeit und Lust, sich um die Natur vor der Haustür zu kümmern. Und die Profi-Landschaftsgärtner waren teilweise ausgebucht. Die Chance für Quereinsteiger Thallmair. Zu seinen Kompetenzen sagt er, halb scherzend: „Ich habe mir fundiertes Halbwissen angeeignet.“ Auf Gartenbauerfahrung konnte er aber schon zurückgreifen, nicht erst seit dem Hausbau 2018.

Reisebuchung mitten im Garten

Eines Tages erreichte Thallmair während der Gartenarbeit ein Anruf. Eine Frau, die sich für eine Reise auf die Seychellen interessierte. Die Inselgruppe vor der Ostküste Afrikas war zwischenzeitlich eines der wenigen relativ problemlos erreichbaren Fernziele. Der Anruf war ein Moment, in dem sich Thallmair über seine zwei beruflichen Standbeine freute. Vom Wechsel zwischen Büro – die Buchhaltung erledigt sich auch in Corona-Zeiten nicht von alleine – und seinem neuen Job an der frischen Luft profitiert er. Auch gesundheitlich: „Mein Physiotherapeut sagt, das ist sehr gut.“ Sehr wahrscheinlich also, dass die berufliche Reise in die Gartenwelt mehr als ein Abstecher für ihn ist.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare