Hunderte Pakete türmten sich Ende 2019 bei der Starnberger Polizei – statistisch tauchen die Fälle erst in der Bilanz 2020 auf und sorgen für Irritationen.
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Hunderte Pakete türmten sich Ende 2019 bei der Starnberger Polizei – statistisch tauchen die Fälle erst in der Bilanz 2020 auf und sorgen für Irritationen.

Polizei-Bilanz 2020

Mehr Straftaten in Starnberg - aber nur statistisch: Das ist die Erklärung

Rein statistisch ist die Kriminalität im Bereich der Polizeiinspektion Starnberg 2020 um 18,1 Prozent gestiegen. Tatsächlich ist sie aber zurückgegangen. Der Widerspruch ist sowohl Folge der Berechnungsart als auch eines einzigen Täters.

Starnberg – Zahlen lügen nicht, heißt es. Aber nicht alle Zahlen vermitteln den richtigen Eindruck: Der Kriminalitätsbericht der Polizeiinspektion Starnberg, der gestern veröffentlicht wurde, weist für das Jahr 2020 mit 2418 Straftaten 370 Fälle oder 18,1 Prozent mehr aus als im Vorjahr. Das Irritierende daran: Nach Zählweise der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sind die Daten korrekt, sie geben aber nicht das tatsächliche Tatgeschehen im vorigen Jahr wieder. Das nämlich war wegen Corona eher überschaubar.

Die PKS ist eine sogenannte Auslaufstatistik, das heißt: Für 2020 werden alle Straftaten gezählt, die 2020 „ausermittelt“ wurden. Das bedeutet nicht zwingend, dass sie auch 2020 verübt wurden. Und genau dort liegt auch das größte Problem der Statistik des vorigen Jahres: Von den 2418 Fällen stammen rund 500 aus dem Jahr 2019 – es sind die als Diebstähle verzeichneten Taten eines Pöckingers, der über längere Zeit scheinbar herrenlose Pakete eingesammelt und bei sich zu Hause gelagert hatte. Es waren insgesamt mehr als 700, daraus resultierten etwa 500 einzelne Straftatbestände. Da die Ermittlungen Monate dauerten, tauchen diese Fälle von Ende 2019 in der PKS 2020 auf – und sorgen für den Eindruck eines Anstiegs, den es tatsächlich nicht gab.

„Wenn wir diesen Fall, der sehr arbeitsintensiv war, nicht gehabt hätten, wäre die Straftatenzahl zurückgegangen“, ist sich Polizeichef Bernd Matuschek sicher. Mehrere Beamte waren wochenlang mit der Dokumentation der Pakete und Päckchen beschäftigt, alle Empfänger mussten angeschrieben werden. Geschädigt waren sie in vielen Fällen nicht, da die Lieferanten häufig Ersatz für die zunächst spurlos verschwundene Sendung geschickt hatten. Inzwischen sind alle Sendungen bei den Empfängern oder vernichtet.

Der Päckchen-Dieb sorgte auch für die deutlichen Anstiege in den einzelnen Gemeinden seiner Nachbarschaft – Berg war nicht betroffen, die Straftatenzahl dort sank. Und noch eine Folge: Die sogenannte Häufigkeitszahl (Straftaten je 100 000 Einwohner) ist gestiegen, was eigentlich bedeutet, dass die Sicherheitslage schlechter geworden ist. Bereinigt man die Rechnung von den Paketfällen, hat sich im Vergleich zu 2019 nicht viel verändert. Durch Straftaten entstand ein Schaden von fast 3,5 Millionen Euro.

Diebstahl/Betrug

Die Gesamtzahl der Straftaten ist statistisch die höchste seit mehr als zehn Jahren. Da die 500 Anzeigen aus dem Paket-Verfahren aufgeklärt sind, stieg auch die Aufklärungsquote kräftig an auf 69,2 Prozent – im Durchschnitt der Vorjahre waren es zumeist 60 bis 61 Prozent. Die Pakete sind auch der Hintergrund des dramatisch erscheinenden Anstiegs der Diebstähle um mehr als 90 Prozent. Zieht man diese Fälle ab, kommt aber ein leichter Rückgang heraus. Die Ladendiebstähle blieben konstant, was auch an den häufigsten Tatorten liegt: Supermärkte und Drogerien, die in Corona-Zeiten offen hatten und haben. Bei den Einbruchszahlen schlägt wieder die PKS-Methodik zu: 36 weist sie für 2020 aus, deutlich mehr als 2019. Eine Serie von Einbrüchen stammt jedoch vom Jahresende 2019 und floss deswegen in die Zahlen von 2020 ein. 2020 sei in diesem Bereich eher ruhig gewesen, sagt Matuschek.

Kaum verändert haben sich die Fallzahlen bei Betrug (248 nach 254 im Vorjahr). Die Maschen sind geblieben: Callcenterbetrug wie falsche Polizeibeamte, Schockanrufe oder Enkeltrickmasche, falsche Microsoft-Mitarbeiter oder angebliche Wohnungsangebote im Internet. Letztere sehen so aus: Betrüger aus dem Ausland – England, Osteuropa – kapern Bilder echter Vermietungsangebote, erstellen online ein eigenes für eine Wohnung in Starnberg oder Tutzing und bieten diese natürlich nicht existente Wohnung günstig, aber nicht billig an. Interessenten melden sich, bekommen eine Geschichte aufgetischt: Der Vermieter sei im Ausland, aber Sie könnten gegen eine Kaution von mehreren Hundert Euro den Schlüssel für eine Besichtigung haben. Wer überweist, ist sein Geld los und bekommt weder Schlüssel noch Wohnung. Die Fallzahl bewegt sich laut Matuschek im einstelligen Bereich, und es sei „kein typisches Starnberger Problem“.

Gewalttaten

In diesem Bereich, auch Rohheitsdelikte genannt, macht sich Corona deutlich bemerkbar. Die normalen Körperverletzungen gingen zurück, die schweren kaum. Was bei der Polizei Straßenkriminalität heißt, also etwa Schlägereien, Sachbeschädigungen an Autos und dergleichen, ging sogar spürbar zurück. „Es gab ja keine Stadlfeste, keine Wiesn“, nennt Matuschek Beispiele für die Ursachen. „Besonders deutlich war der Rückgang bei den Sachbeschädigungen an Kfz von 111 auf 87 Fälle und bei der einfachen Körperverletzung von 198 auf 159 Fälle.“

Der Raub nahm zu von fünf auf sieben. Die brutalen Verbrechen voriges Jahr hat die Kripo ermittelt: den Dreifachmord von Starnberg und den versuchten fünffachen Mord in Pöcking, der seit gestern vor Gericht verhandelt wird (siehe Seite 5).

Dass Corona und Lockdown sehr wohl auch in der Region dramatische Folgen haben, zeigt die häusliche Gewalt – allerdings nicht, wenn man nur die Zahlen der PKS betrachtet. 68 Fälle weist sie aus, 2019 waren es 61. Das sieht nach keinem starken Anstieg aus. Tatsächlich gibt es ihn: Von den 61 Fällen 2019 stammten etwa zehn von zwei Paaren, die sich inzwischen getrennt haben, eigentlich waren es also 2019 nur 53 einzelne Vorkommnisse. Der Anstieg von 50 auf 68 ist da schon erheblich. „Corona spielte da sicherlich eine große Rolle“, analysiert Matuschek.

Tatverdächtige

Dass die Kriminalität eher gesunken ist, zeigen auch die Zahlen der Tatverdächtigen. 1038 wurden 2020 ermittelt, fast 100 weniger als 2019. Die Zahlen passen dazu, dass ohne den Paket-Fall die Straftaten zurückgegangen wären.

Corona

Nicht Teil dieser Statistik sind die Corona-Anzeigen, da es Ordnungswidrigkeiten sind, keine Straftaten. Rund 400 Anzeigen hat die Inspektion ans zuständige Landratsamt weitergereicht, mehr als 500 Einsätze deswegen stehen zu Buche (bei einigen wurde nichts festgestellt). Generell hat die zeitweise gültige nächtliche Ausgangssperre Tätern das Leben schwer gemacht.

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