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Das Erlernen der deutschen Sprache ist die Grundvoraussetzung für die Integration der Flüchtlingskinder. Doch den größten Teil der damit verbundenen Arbeit müssen die Mittelschulen schultern.  

Lehrermangel

SOS aus der Mittelschule

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Die Integration von Geflüchteten kann nur klappen, wenn die Last auf möglichst viele Schultern verteilt wird. Gerade bei den Schulen ist das aber nicht der Fall. Ein Hilfeschrei des Elternbeirats der Christian-Morgenstern-Schule aus Herrsching macht das überdeutlich.

Landkreis – „Wir, die Eltern der Christian Morgenstern Grund- und Mittelschule Herrsching, verfolgen seit Jahren mit Bewunderung, wie Schulleitung und Lehrer unserer Schule über sich hinauswachsen. Trotzdem müssen wir immer hilfloser zusehen, wie unsere Schule den Bach hinunter geht, die Lehrer ausbrennen, wie die Schulleitung immer wieder versucht, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um einen halbwegs normalen Schulalltag ermöglichen zu können – allein, es gelingt nicht mehr. So kann es nicht weitergehen“, schreiben die Elternvertreter in einem offenen Brief an Bayerns Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle (CSU).

Sie führen zahlreiche Fakten auf, die ihre Argumentation untermauern: „Freie Stellen können nicht besetzt werden, weil Lehramtsabsolventen fehlen. Es fehlen Lehrer für den individuellen Förderunterricht – dieser findet seit September 2015 quasi nicht mehr statt. Die Krankheitswelle in diesem Jahr hat die ohnehin knappe Lehrerdecke extrem ausgedünnt – Personal für einen „Puffer“ gibt es an der Schule schon lange nicht mehr. Die mobile Reserve im Freistaat Bayern hat keine Lehrer für die Mittelschule mehr. Jeder (z.B. durch Krankheit) ausgefallene Lehrer muss durch noch mehr Überstunden anderer Lehrer ausgeglichen werden oder das Fehlen einer Lehrkraft führt zu Unterrichtsausfall (seit Januar 2017 über 400 Stunden, eine Klasse in der Quali-Vorbereitung ist seit drei Monaten ohne Klassenlehrer. Zusätzlich zu diesen bereits im Normalbetrieb bestehenden Personalproblemen wird die gesetzlich vorgeschriebene Schulpflicht für Flüchtlingskinder ohne jegliche vorgelagerte Prüfung und sinnvolle Planung ausschließlich an der Mittelschule abgehandelt.“

„Ohne wesentliche Unterstützung 60 Flüchtlingskinder unterschiedlicher Nationen, Alter, persönlicher Situation und mit teilweise völlig unklaren schulischen Vorkenntnissen betreuen. Durch Lehrermangel sind nur drei Übergangsklassen statt der benötigten vier möglich. Die restlichen Flüchtlingsschüler sind auf die normalen Klassen aufgeteilt – was ein geregeltes und sinnvolles Unterrichtsgeschehen nahezu unmöglich macht“, schreiben die Eltern weiter.

Sie formulieren auch einen Forderungskatalog. So soll „sofort“ eine psychologische Fachkraft eingestellt werden, die sich um die teilweise schwer traumatisierten Flüchtlingskinder kümmert. Dazu ein Lehrer, der über die Ausbildung „Deutsch als Fremdsprache“ verfügt, und Sozialpädagogen, die als Unterstützung für die Flüchtlingsklassen eingesetzt werden. Auch Realschulen und Gymnasien sollen Flüchtlingskinder aufnehmen, wird weiter gefordert. Diese würden zu Beginn vor allem Betreuung, Mathe- und Deutschunterricht benötigen.

Die Eltern gehen aber noch weiter: Sie fordern, den Lehrerberuf gerade an Mittelschulen wieder attraktiver zu machen. Womit sie bei Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) offene Türen einrennen. „Seit etlichen Jahren haben wir einen Schweinezyklus in der Lehrerausbildung“, sagt sie. Einmal werde zuviel ausgebildet, einmal zu wenig. Nur nie das, was gerade benötigt wird. Derzeit sei es so, dass im Schnitt jeder zehnte Uniabsolvent, der auf Lehramt für Gymnasien oder Realschulen studiert hat, auch eine Anstellung im Schuldienst bekommt. „Die anderen 90 Prozent fahren nach ihrer teuren Ausbildung Taxi oder sitzen an der Kasse im Supermarkt“, so Fleischmann. Dagegen gebe es zahllose offene Stellen an Grund- und Mittelschulen. „Die Kollegen dort müssen mehr Stunden leisten als die Lehrer an Gymnasien oder Realschulen, bekommen dafür aber weniger Geld.“ Deswegen nehme der Freistaat wieder Geld zur Hand, um nach der teuren Universitätsausbildung für Gymnasiallehrer diese als Grund- und Mittelschullehrer zu qualifizieren. Wenn sich denn Interessenten finden, die die Gehälter nicht stören. „Wenn wir alle Lehrer gleich in die A13 einstufen, wäre das ein Anfang“, so die Gewerkschafterin.

Mit dieser Forderung steht sie nicht allein da. Auch Katharina Baur, Kreisvorsitzende des BLLV und selbst Mittelschullehrerin in Starnberg, hat ähnliches zu berichten. „In Starnberg fehlen rund 60 Lehrerstunden pro Woche“, berichtet die Gewerkschafterin. Macht unterm Strich rund drei Vollzeitstellen. Aus der mobilen Reserve ist nichts zu holen, Bewerber weit und breit nicht in Sicht.

„Die Ausfallstundenstatistik im Freistaat ist massiv schöngerechnet“, so BLLV-Präsidentin Fleischmann weiter. „Natürlich kann ein Schulleiter in der Aula drei Klassen gleichzeitig bespaßen. Das gilt dann nicht als Ausfallstunde – aber mit Unterricht hat das auch nichts zu tun“, sagt sie weiter.

Eines ist ihr allerdings wichtig: „Die Personalmisere kann und darf nicht den Flüchtlingen in die Schuhe geschoben werden.“ Das sehen die Eltern in Herrsching genauso. Sie wollen nur eine ordentliche Ausbildung für alle Kinder.

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