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Besonders hart getroffen hat die Krise Birgit Schirmer, Inhaberin des Seereisenplaners in Starnberg. Ihr Reisebüro ist auf Kreuzfahrten spezialisiert.

Urlaub in Corona-Zeiten

Nach Flut der Stornierungen kaum Neubuchungen: Reiseanbieter im Überlebenskampf

  • Peter Seybold
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In den Reisebüros im Landkreis sind die Buchungen auf nahezu Null zurückgegangen. Auch Reisen innerhalb Deutschlands werden bisher kaum nachgefragt. Manche Reisebüros trifft das so schwer, dass sie die Krise wohl nicht überstehen werden.

Landkreis – Die Tagesfahrt zur Insel Mainau möchte er machen, auch wenn sie sich kaum lohnt. Von den 50 Sitzplätzen im Reisebus darf Werner Bamberg, Inhaber des Traubinger Reiseservice, der Tagesfahrten und mehrtägige Busreisen durch Ungarn oder nach Italien anbietet, nur knapp 20 besetzen. Zu Beginn der Krise hat Bamberg seine beiden großen Busse abgemeldet. Für die Fahrt zum Bodensee nimmt er einen wieder in Betrieb. „Wir sind ein kleines Unternehmen. Wir wollen zeigen, dass wir noch da sind“, sagt er. Wie ihm geht es vielen der Branche.

Seine Spezialisierung auf Busreisen wurde Bamberg durch die Pandemie zum Verhängnis. Schließlich seien die meisten seiner Kunden im Seniorenalter. Und die hätten Bedenken. Das Jahr sei bislang „ein totaler Ausfall gewesen“. Verzeichnete er 2015 noch einen Umsatz von mehr als 500 000 Euro, sind es heuer bis dato nicht einmal 20 000 Euro. Lediglich eine Skifahrt im Januar habe er durchführen können. Wenn es so weitergeht, geht er davon aus, dass er Ende 2020 aufhören muss. Der Unterhalt der Busse fresse finanziell alles auf. Selbst verkaufen könne er sie nicht. „Wer will den jetzt einen Reisebus kaufen?“

Gilchinger Reisebüro schließt nach über 30 Jahren

Schon Ende August wird Kornelia Bender ihr 1986 gegründetes Gilchinger Reisebüro aufgeben. Auch ihr ist ein Auftragsvolumen im Bereich von sechs bis sieben Millionen weggebrochen. Ihren vier teils langjährigen Angestellten musste sie kündigen. Bender berichtet von Reisestornierungen von 100 Prozent bis Ende Juni und keinerlei Neubuchungen. „Den Laden werde ich definitiv zusperren“, sagt sie, hörbar resigniert. Ihr Reisebüro wolle sie dann als reines Homeoffice weiterführen, für Kunden per Telefon und Mail weiterhin erreichbar sein. Ansonsten müsse sie sich mit nun knapp über 60 beruflich umorientieren. Ihr Polster aus dreieinhalb Jahrzehnten reiche „für eine gewisse Zeit“. Große Sprünge seien nicht drin. „Ich habe viele Krisen, Aufs und Abs mitgemacht, aber das war die heftigste“, sagt Bender.

„Wir versuchen noch durchzuhalten“, sagt Birgit Schirmer, Inhaberin des Seereisenplaners in Starnberg. Die Situation sei eine „Katastrophe. Wir sind immer noch mit Stornierungen beschäftigt.“ Ihr auf Kreuzfahrten spezialisiertes Reisebüro ist besonders betroffen, geriet die Branche wegen mehrerer Infektionen auf Schiffen zu Beginn der Pandemie doch besonders in Verruf. „Uns ist alles storniert worden“, sagt Schirmer. Zahlen möchte sie nicht nennen. Doch die Arbeit des ersten halben Jahres und darüber hinaus sei umsonst gewesen. Denn für Beratung bekommt Schirmer kein Geld. Die Provision komme erst, wenn der Kunde auf dem Schiff ist. „Ich dachte, ich hätte eine Betriebsausfallversicherung“, sagt sie. Doch die greift nur bei Schäden am Reisebüro selbst. Schirmer hofft nun auf Flusskreuzfahren in Deutschland und Österreich und auf die Vermietung von Hausbooten.

„Gar nichts los“ ist auch im Gautinger Reisebüro Arcadia, berichtet Inhaber Günther Weithofer. Es gebe zwar ein wenig Interesse von ein paar Kunden, die sich erkundigen, wann man etwa wieder in die Türkei reisen könnte oder Grenzen wieder geöffnet seien. Es überwiegen jedoch die Stornierungen, wovon Weithofer ebenfalls eine dreistellige Anzahl verzeichnete. Die Reiseveranstalter würden bereits viele Kataloge für 2021 schicken, wohl „um ihre Liquidität wenigstens ein bisschen aufrechtzuerhalten“, meint Weithofer. Reisen für 2021 seien aber noch kaum nachgefragt. Nachdenklich macht ihn auch folgender Punkt: „Wenn man über einen großen Reiseveranstalter gebucht hat, ist eine Stornierung kein Problem, da man dann relativ problemlos das Geld wieder bekommt. Wenn man sich aber vieles selbst organisiert hat, ist es schon schwieriger.“

Alpetour baut wegen Corona-Krise Geschäftsmodell um

Neu aufstellen muss sich auch das Starnberger Unternehmen Alpetour, einer der größten Veranstalter von Klassenfahrten in Deutschland. „Die Tatsache, dass ein Reiseveranstalter für Gruppenreisen ohne entsprechende Unterkünfte sich auch nach der Krise schwertun wird, bringt Alpetour zum Umdenken. Der Standard der Gruppenunterkünfte für Schulklassen ist in den letzten Jahren extrem gestiegen, und die Unterbringung in Zimmern mit Etagendusche/WC gehört überwiegend der Vergangenheit an“, schreibt das Unternehmen in einer Pressemitteilung. Fast alle Reisen bis Ende Juli wurden storniert. Für den Rest des Jahres ist die Durchführung von Gruppenreisen weiterhin unsicher. „Das bedeutet nicht nur für uns als Reiseveranstalter einen herben Verlust, auch unsere Partner, die Hotels, Pensionen und Jugendunterkünfte, haben das Problem, dass ihre Häuser in den nächsten Monaten leer stehen“, sagt Simone Hagen, Abteilungsleiterin für den Bereich Klassenfahrten. Daher baut Alpetour sein Geschäftsmodell aus und bietet einige Unterkünfte ab sofort für Familienurlaube an. Hagen erklärt: „Hiermit schaffen wir eine Win-win-Situation: Familien bekommen eine tolle, preisgünstige Urlaubsmöglichkeit und die Unterkünfte eine Perspektive für die Zukunft.“

Lesen Sie auch: Wie Alpetour haben auch andere Unternehmen im Landkreis ihr Geschäft angesichts der Corona-Pandemie neu aufgestellt.

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