Kind sitzt über Unterlagen.
+
Zum Lesen animieren Starnberger Sozialpädagogen straffällige Jugendliche.

Jahresbilanz der Brücke Starnberg

Straffällige Jugendliche: Sozialpädagogen setzen auf das offene Gespräch - und animieren zum Bücherlesen

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
    schließen

Die meisten Jugendlichen, die Straftaten begangen haben, landen bei der Brücke Starnberg. Deren Sozialpädagogen beobachten vermehrt psychische Probleme. Offene Gespräche erweisen sich deshalb als wichtiger denn je. Und oft hilft es, über ein Buch mit den Heranwachsenden Kontakt aufzunehmen.

Landkreis – Mit 278 straffällig gewordenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen hatte die Brücke Starnberg im Jahr 2019 zu tun. Die Zahl liegt etwa im Bereich der Vorjahre. Die Heranwachsenden werden der Einrichtung, die nun seit 40 Jahren für den ganzen Landkreis zuständig ist, von Gerichten und Staatsanwaltschaften zugewiesen. Die Sozialpädagogen der Brücke nehmen sie dann unter ihre Fittiche, um ihre Entwicklung zu fördern und weitere Taten zu verhindern. Außerdem beraten und begleiten sie sie beim Ableisten von Sozialstunden. Die Fachkräfte stehen in Kontakt mit rund 60 Einrichtungen im Landkreis: Seniorenheime, Jugendzentren, Büchereien oder dem Tierheim. Gestern veröffentlichte die Brücke ihren Jahresbericht. Mit vielen Statistiken: So wurden 2019 unter anderem etwas mehr Mädchen als zuvor straffällig, die Zahl der geleisteten Sozialstunden im Landkreis stieg deutlich.

Ganz allgemein stellte die Einrichtung, die zu 80 Prozent vom Landkreis finanziert wird, einen erhöhten Betreuungs- und Beratungsbedarf fest. „Die Gespräche mit den Jugendlichen werden immer wichtiger“, sagte Vorsitzender Gerd Weger. Der Erziehungsgedanke steht bei Jugendgerichten im Vordergrund. Und so war das psychosoziale Gespräch mit 40 Fällen 2019 die häufigste Weisung. „Wir stellen auch immer wieder fest, dass Jugendliche psychische Probleme haben oder mit 15 schon eine Therapie machen“, sagte Sozialpädagogin Michaela Fischhaber. Mögliche Auslöser: Kriminalität und Drogenkonsum im Umfeld oder zerrüttete Familienverhältnisse.

19-Jährige tickte immer wieder aus, wusste aber nicht warum

Am intensivsten sind für die Brücke sogenannte Betreuungsweisungen, von denen sie 13 begleitete. Fischhaber berichtete von einer 19-Jährigen, die immer wieder beim Stehlen erwischt worden war und während ihres Arrests große Probleme machte. „Sie ist immer wieder ausgetickt und wusste nicht warum“, sagte Fischhaber, die den Kontakt zu einer Psychologin herstellte. Die junge Frau habe schließlich ihre mittlere Reife nachgeholt und eine Lehrstelle gefunden. „Das ist natürlich ein Musterbeispiel“, räumte die Pädagogin ein.

22-mal musste die Brücke die Suchtberatung organisieren. Wenn es um Alkohol-, Drogen- oder Computerspiel-Abhängigkeit geht, kooperiert der Verein auch mit der Starnberger Beratungsstelle Condrobs. 28 Fälle firmieren unter dem Begriff „Leseweisungen“. Eine Methode, die laut Fischhaber mehr und mehr Erfolg bringt. Das Prinzip: Der Jugendliche liest ein Buch, das ihn interessiert. Der Pädagoge nimmt auf dieser Basis das Gespräch auf – „ein Türöffner“, wie Fischhaber es nennt. Sie berichtete von einem Videospielsüchtigen, bei dem die Methode mit dem preisgekrönten Roman Erebos von Ursula Poznanski funktionierte. Das Buch handelt von einem Computerspiel. Die Pädagogin: „Das war sein Thema.“ Sie habe Parallelen zu seinem eigenen Leben herstellen und so Probleme ansprechen können. Am Ende kaufte sich der Jugendliche Erebos, Teil zwei.

Die Verantwortlichen der Brücke berichteten gestern außerdem von einem coronabedingten Problem. Gerade in Herrsching und Gilching sei es derzeit schwierig, Einsatzstellen für die Sozialstundenleistenden zu finden. Fischhaber: „Es konzentriert sich dort stark auf Senioren-Einrichtungen. Und die sind wegen der Infektionsgefahr enorm vorsichtig.“

1000 Sozialstunden mehr im Landkreis als 2018

Während Jungen 2019 am häufigsten im Umgang mit Drogen auffällig wurden, war bei Mädchen der Diebstahl das häufigste Delikt. Männliche Jugendliche wurden 191-mal straffällig, weibliche 87-mal – der Mädchenanteil stieg um 13 Prozent. 98 der 278 Jugendlichen waren Wiederholungstäter. Laut Brücke-Statistik gehen Gewaltdelikte weiterhin zurück. Im Gegensatz zu den Sozialstunden: Knapp 6700 leisteten die Heranwachsenden im Landkreis, 2018 waren es rund 1000 weniger. 21 und damit die meisten Jugendlichen arbeiteten im Starnberger Seebad, gefolgt vom Eltern-Kind-Programm Stockdorf (15), dem Jugendhaus Stellwerk Herrsching (12) und dem Schullandheim Wartaweil (11). Die meisten Jugendlichen mit Straftaten registrierte die Brücke in Gauting (52), Starnberg (45) und Gilching (32). Junge Andechser, Pöckinger (je 6), Inninger (5) oder Feldafinger (3) werden (auch aufgrund der Bevölkerungszahlen) selten straffällig. Interessante Momentaufnahme: Gymnasiasten wurden im Vergleich zu 2018 etwas öfter auffällig als Azubis. 

Lesen Sie auch

Eine Kiste voller Kreativität versenkten Kultur- und Wirtschaftsförderer im Starnberger See – um sie nächste Woche wieder ans Tageslicht zu holen. Die symbolische Aktion „Ins Wasser gefallen“ soll die Angebote und Werke von Kreativen in diesen schwierigen Zeiten sichtbar machen – und ihnen Einnahmen bescheren.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Handtuch löst Suche aus
Eine Handtuch und ein Paar Schuhe, zurückgelassen auf einem der drei Stege im Badegelände Oberndorf ließen zunächst vermuten, dass ein Mensch im Wörthsee in Not ist. …
Handtuch löst Suche aus
Neue Tutzinger Hauptstraße: Bauarbeiten verschoben
Die Tutzinger Ortsdurchfahrt wird zur Großbaustelle. Autofahrer müssen sich auf jahrelange Einschränkungen einstellen. Fragen und Antworten zum 6-Millionen-Euro-Projekt …
Neue Tutzinger Hauptstraße: Bauarbeiten verschoben
SARS-CoV-2: Kein neuer Fall am Montag
Die Lage in der Corona-Pandemie im Landkreis Starnberg bleibt unsicher. Übers Wochenende kamen keine neuen Fälle dazu.
SARS-CoV-2: Kein neuer Fall am Montag
Liebhaber auf Balkon ausgesperrt - nackt!
In Gilching hat eine 54 Jahre alte Frau ihren Liebhaber (66) auf dem Balkon ihrer Wohnung ausgesperrt - splitterfasernackt. Weil sie am Ende die Polizei rief, droht ihr …
Liebhaber auf Balkon ausgesperrt - nackt!

Kommentare