1. Startseite
  2. Lokales
  3. Starnberg
  4. Starnberg

Olympia-Drama um Annika Schleu: „Pferde sind keine Sportgeräte“ - Fachleute gespalten

Erstellt:

Kommentare

Kamen nicht miteinander klar: Annika Schleu und das Pferd Saint Boy bei Olympia und Tokio. 
Kamen nicht miteinander klar: Annika Schleu und das Pferd Saint Boy bei Olympia und Tokio.  © Marijan Murat/dpa

Nach dem Olympia-Drama um Annika Schleu stellt sich die Frage: Muss Reiten beim Modernen Fünfkampf sein? Ja, sagt ein Athlet aus Wangen, der die Olympionikin und die Vielseitigkeitssportart gut kennt. Nein, sagt eine Berufsreiterin vom Ammersee und betont: „Pferde sind keine Sportgeräte.“

Landkreis – Annika Schleu war auf dem Weg zum größten Erfolg ihrer Karriere, zu Gold bei Olympia. Aber „Saint Boy“, das Pferd, das der Modernen Fünfkämpferin zugelost worden war, verweigerte sich. Das Tier wollte einfach nicht in den Parcours, woraufhin Schleu mit der Gerte und Bundestrainerin Kim Raisner mit der Faust zuschlugen. Der Vorfall von Tokio hat nicht nur Tierschützer aufgeschreckt, die Quälerei anprangern. Das ganze Land diskutiert über die Randsportart Moderner Fünfkampf, die aus den Disziplinen Schwimmen, Fechten, Springreiten und Laser-Run (Laufen und Schießen) besteht. Am gröbsten läuft die Diskussion wie üblich im Netz. Im Landkreis leben mehrere Fachleute, die zur Versachlichung der Debatte beitragen können.

Zum Beispiel Gregor Olejarz. Der 55-Jährige leitet die Abteilung Moderner Fünfkampf beim SV Wangen, sein Sohn Dominik trat zuletzt bei der WM in Kairo an. Und er kennt Annika Schleu persönlich. „Sie ist ruhig, gelassen und fair. Sie kann mit dem Pferd umgehen“, sagt er über sie. Und zum Vorfall von Tokio: „Ich habe keine Anzeichen von Tierquälerei gesehen.“ Schleus Verzweiflung – sie war in Tränen – angesichts der greifbaren Goldmedaille kann Olejarz nachvollziehen. Die Ansagen von Trainerin Raisner an Schleu („Hau richtig drauf“) heißt er nicht gut, er weist aber darauf hin: „Es müssen klare Kommandos kommen. Das ist nicht bösartig. Der Laie versteht so was ganz anders.“

Reitlehrerin: „Pferde sind keine Sportgeräte.“

Dass Emotionen eine Rolle spielten, ist auch Vera Lautenbacher klar. Auf dem Gut Heiligenberg in Widdersberg bildet sie Pferde mit Reitern aus. „Das einzig Richtige wäre gewesen, abzusteigen und das Pferd rauszubringen“, sagt sie. „Es hatte absoluten Stress, hat Maul und Augen aufgerissen und sich nicht geschmeidig bewegt.“ Für Lautenbacher ist Reiten ein Teamsport mit gleichberechtigten Partnern, wie Tanzen oder Eiskunstlaufen. „Pferde sind keine Sportgeräte.“ Das Tier wolle immer alles richtig machen, wenn etwas nicht stimmt, liege es am Menschen. „Vertrauen entsteht nicht, indem man mit der Gerte draufhaut“, betont die Berufsreiterin. Dass Schleu keine gute Reiterin ist, will Lautenbacher ihr aber nicht vorwerfen.

Die harsche Kritik an der Olympionikin findet Dr. Joachim Hahn, Fachtierarzt für Pferdechirurgie, nicht in Ordnung. Seiner Ansicht nach „wurde die Gerte nicht übermäßig eingesetzt“. Hahn war selbst zehn Jahre Moderner Fünfkämpfer, trat bei internationalen Meisterschaften an. Man müsse auch berücksichtigen, dass Schleu ein Leben lang für Olympia trainiert habe. Das Problem liege im Reglement, man könne schon fragen, ob das Auslosen der Pferde noch zeitgemäß sei. Daran erkennt man die militärischen Wurzeln der Sportart. Gelost wurde von Anfang an, damit jeder Soldat mit jedem Pferd zurecht kommt.

Ginge es nicht auch ohne Pferde? Könnten die Fünfkämpfer nicht auch radfahren? „Das wäre eine riesige Umstellung“, sagt Gregor Olejarz und sucht nach einem Vergleich. „Das wäre so, als müssten sich Skispringer Inline-Skates anschnallen.“ Gut fände er, wenn die Athleten mit Tieren antreten würden, die sie aus dem Training kennen. „Aber das ist eine logistische Frage. Der Transport wäre teuer, man müsste die Pferde durch die halbe Welt fliegen.“ Und mit eigenen Pferden, die sich nicht jeder leisten kann, würde die Sportart noch elitärer. Wenn überhaupt, dann würde Reitlehrerin Vera Lautenbacher für drei Wochen gemeinsame Vorbereitungszeit plädieren, in der sich Pferd und Reiterin aneinander gewöhnen. Moderne Fünfkämpfer haben dafür 20 Minuten.

Auch interessant

Kommentare