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Wie können wir mit Kränkungen umgehen? Diese Frage warf Barbara Strohschein (r.) im „Bayerischen Hof“ auf und nannte Beispiele aus der Philosophie.

Philosophisches Café

Devise: Nachdenken

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In Starnberg gibt es einen Philosophischen Treff. Gemeinsam über das Leben sinnieren – wer macht das heute noch? Ein Abend mit Menschen, die sich Nietzsche-Fans nennen.

Starnberg – Ihr Notizbuch hat eine 78 Jahre alte Frau aus Starnberg so gut wie immer dabei. Oft schnappt sie etwas auf und möchte es daheim noch mal lesen, sagt die zierliche Dame. Beim Philo-Café im Bayerischen Hof gibt es so einiges, was sie daheim noch mal lesen möchte. Philosophin Dr. Barbara Strohschein aus Berlin spricht vor 35 Besuchern darüber, wie Philosophen mit Kränkungen umgegangen sind. Die Lösung, einfach formuliert: Nachdenken.

Wie mit Intrigen und Anfeindungen umgehen?

Die 78-jährige Frau denkt viel über ihre eigene Situation nach. „Ich habe in einer Kleinstadt wie Starnberg in Abgründe geblickt“, sagt sie. „Als Zugezogene kann man dramatische Erfahrungen machen.“ Ihre Mitbewohner im Haus hätten es auf ihre Wohnung abgesehen und verbreiteten Lügen über sie. Sie möchte das nicht weiter befeuern und ihren Namen daher nicht in der Zeitung lesen. „Eine Lawine von Intrigen, das ging über Jahre.“ Auch deshalb habe sie das Thema beim Philo-Treff besonders interessiert. Hinterher hat sie viel notiert, eine konkrete Lösung für ihr Problem bietet ihr die Philosophie aber nicht.

Nach Lösungen sucht Günter Schmider (82) in der Philosophie erst gar nicht. „Es ist mir wichtig, wie sich Philosophen verhalten haben – aber ich richte mich nicht danach“, sagt er. Schmider, seit fünf Jahren Stammgast beim Philo-Café, bezeichnet sich als Nietzsche-Fan. „Den lese ich mit großem Vergnügen, Schopenhauer nicht so sehr.“

„Philosophie stützt mich, andere Wege zu gehen“

Eine eigene Kränkung hat Schmider mit Literatur verarbeitet. Der Starnberger hat versucht, seine drei Kinder frei zu erziehen – gemäß der Summerhill-Philosophie. Die Idee: umfangreiche Freiheiten, freiwilliger Unterrichtsbesuch. Es ging nicht gut, Schmider spricht von einer Vielzahl an Kränkungen. „Heute sieht man an jeder Ecke Psychotherapeuten, vor 20, 30 Jahren gab es das noch nicht.“ In der Philosophie fand Schmider mögliche Wege, damit umzugehen.

Günter Schmider aus Starnberg ist „Stammgast“ beim Philo-Cafe.

Gezielt auf die Suche nach Lösungen geht auch Dr. Ute Klockau. „Ich suche dann im Internet“, sagt sie. Auf den philosophischen Treff wurde sie durch Freundin Marion Jäger aufmerksam. Die räumt der Philosophie Platz im Alltag ein. „Heute wird so viel Zeit verplempert“, sagt Jäger. Sie verzichte auf soziale Netzwerke und Fernsehen, spare sich Zeit. „Ich lese abends gerne zum Abschalten.“ Meistens suche sie sich philosophische Literatur zum Thema Zeit aus. „Philosophie stützt mich, andere Wege zu gehen“, sagt Jäger. „Ich bin ein Fan von Aristoteles und Sokrates. Da steckt so viel Wahrheit drin, die heute noch gilt.“ Natürlich werde man im Leben oft gekränkt. „Dann reflektiere ich: Hat die Kränkung mit mir zu tun oder ist es das Thema dessen, der mich kränkt?“ Auch dabei gilt die Devise: Nachdenken.

Prominentes Beispiel: Obama kränkte Putin

Es ist kein sinnloses Sinnieren, das im Bayerischen Hof stattfindet. Es lohnt sich, über das eigene Verhalten nachzudenken. „Oft wirken sich Kränkungen auf unser Verhalten auf“, betont Referentin Strohschein. Die Berlinerin berät Führungspersönlichkeiten. Bei einem Vortrag vor hohen Politikern habe sie auf die Folge von Kränkungen hingewiesen. 2014 verspottete der damalige amerikanische Präsident Barack Obama Russland als „Regionalmacht“. Der russische Präsident Wladimir Putin habe seine Außenpolitik gegenüber dem Westen daraufhin deutlich verändert. Bei dem Beispiel sei den Politikern bewusst geworden, dass manche Entscheidungen auf früheren Kränkungen beruhen. „Von Philosophen können wir lernen, Dinge zu hinterfragen“, sagt Strohschein.

Ernst Lauppe und Beate Himmelstoß organisieren das Philo-Café, das es seit 2002 gibt: philo-cafe.de.

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