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Pinguin-Invasion im Heimatmuseum: Irritierender künstlerischer Eingriff am Starnberger See

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Von: Tobias Gmach

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Einen künstlerischen Eingriff wagt Sebastian Jung mit seinen Pinguinen im städtischen Museum. Sie sitzen auf dem Prachtboot „Delphin“
Einen künstlerischen Eingriff wagt Sebastian Jung mit seinen Pinguinen im städtischen Museum. Sie sitzen unter anderem auf dem Prachtboot „Delphin“. © Dagmar Rutt

Die Besucher im Museum Starnberger See irritieren und zum Nachdenken über den Zustand der Welt anregen: Das möchte der Künstler Sebastian Jung. Mitgebracht hat er dafür Pinguine aus klimaschädlichem Material, die sich einfach über die Heimatgeschichte hinwegsetzen.

Starnberg – „Die Pinguine am Starnberger See sind beinahe ausgestorben“: So nennt Sebastian Jung, der in Leipzig lebt und in Jena geboren wurde, seine „künstlerische Intervention“. Und deshalb sind die Vögel im Museum Starnberger See allgegenwärtig: Sie posieren auf den Schaukästen vor historischen Werkzeugen, sie sitzen im hölzernen Prachtboot „Delphin“, mit dem König Maximilian II. einst zur Roseninsel schipperte. Und draußen auf den Plakaten überlagern sie bayerische Märchenlandschaften, umrahmt vom Schriftzug „Rettet unsere Pinguine“. Harte Kost? Widersprüchlich? Komplex? Ja, all das ist Jungs Projekt samt dem irritierenden Namen. Aber die Welt ist es eben mittlerweile auch. „Wir müssen unsere Mentalitäten hinterfragen“, fordert der Künstler.

Jung, ein umtriebiger 34-Jähriger, der die Kunst im öffentlichen Raum schätzt, sprüht vor Energie, wenn er das Gesamtkonstrukt seines Schaffens erklärt. Ins Starnberger Museum greift er ein, so wie es der Klimawandel auf der Erde tut. Die Intervention, die ab Sonntag für Besucher zu sehen ist, ist Teil des auch an anderen Orten Deutschlands spielenden Kunstprojekts „Bio Bio SUV“. Es widmet sich dem Übergang zu einem nachhaltigen, biobasierten Wirtschaften – der Bioökonomie. Initiator ist zusammen mit Jung eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Nachwuchsgruppe der Universität Jena namens „Mentalitäten im Fluss (flumen)“.

„Der ungewohnte Blickwinkel lädt dazu ein, bestehende Vorstellungswelten, Naturbeziehungen und Handlungsgewohnheiten zu hinterfragen“, heißt es in der zugehörigen Pressemitteilung. Das will Jung nun auch in Starnberg erreichen. Museumsleiter Benjamin Tillig, der ihn engagiert hat, und Kuratorin Sophia Pietryga erklären unisono: „Man geht mit einer bestimmten Erwartungshaltung in ein Heimatmuseum.“ Die Reliquien, die Geschichten bäuerlichen und königlichen Lebens erwartet der Besucher – die Pinguine nicht. Sie stehen als Metapher dafür, dass auch eine vermeintlich heile Welt, wie die im herrlichen Fünfseenland, von den Klimafolgen bedroht ist. Man könne sich hierzulande nicht davor verstecken, sagt Museumsleiter Tillig. „Die Grenzen lösen sich auf, wir sitzen alle in einem Boot.“

Sie sitzen im Königsboot: die Pinguine aus Dämmstoffplatten auf Erdölbasis

Und deshalb sitzen die Pinguine oben im Museum im Königsboot aus dem 19. Jahrhundert. Jung hat sie herausgeschält aus klimaschädlichem Material – aus Dämmstoffplatten auf Erdölbasis. Sein Gedanke: Wenn die Erderwärmung den Pinguinen die Lebensgrundlage entzieht, trifft es auch die Menschen. Die Tiere nutzt der Künstler gerne als Projektionsfläche, als emotionalen Anker, um in eine komplexe Materie einzusteigen und darüber nachzudenken. Sie prangen auch auf ausgerissenen Seiten des Museumskatalogs, als Aufkleber aus PVC-Kunststoff. Eine Konfliktfrage beschäftigt den 34-Jährigen besonders: warum so viel über die Folgen des Klimawandels bekannt ist und gleichzeitig so wenig getan wird, um sie abzuwenden.

Gezeichnet hat Jung die Pinguine im Zoo mit dem Bleistift. Wenn gerade kein Block zur Hand ist, skizziert der Künstler auch gerne am Smartphone. Am liebsten dort, wo viele Menschen aufeinandertreffen und wo er der Ansicht ist, dass sich dort Gesellschaftsstudien lohnen: auf Nazi-Demos, bei Crash-Car-Rennen oder auf der Erotik-Messe. Was bei den Pinguinen, besonders bei denen, die über dem „Delphin“ an der Wand hängen, auffällt: Obwohl sie, auf die Schnelle entstanden, fast wie Kinderzeichnungen wirken, haben alle Tiere einen Charakter: Manche scheinen, fröhlich zu sein. Aber die meisten sind eher traurig.

Eröffnung am Sonntag, Dauerausstellung von Jung ab Februar 2022

beziehungsweise Intervention, die drei Wochen zu sehen ist, wird am Sonntag um 15 Uhr eröffnet – mit einer Podiumsdiskussion mehrerer Wissenschaftler zur „Bedeutung von Mentalitäten und Naturbeziehungen in Zeiten des Wandels“. Weitere Infos zum Gesamtprojekt gibt es unter www.biobiosuv.de. Dazu gibt es ab Februar 2022 eine halbjährige Ausstellung von Sebastian Jung im Museum Starnberger See.

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