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Mitterweile von den Spielern respektiert: Paul Stichnoth vor dem A-Jugendderby zwischen dem FSV Höhenrain und dem SV Münsing. Trotzdem wird der Schiri immer wieder mit dummen Anfeindungen konfrontiert.

Die preisgekrönte Geschichte vom 24. Dezember 2016

„Der Schiri mit der Hand“

Paul Stichnoth ist der einzige Referee mit einer Spastik im Kreis Zugspitze. Dass er Spiele bis zur Kreisklasse pfeift, könnte man als gelungene Inklusion ansehen. „Aber das Leben mit Behinderung ist immer eine Herausforderung“, stellt er klar. Und manchmal auch ein Spießrutenlauf.

Starnberg – Die Stutzen sind viel zu eng. So kräftig Paul Stichnoth auch an ihnen zieht, sie weigern sich lange erfolgreich, bis sie schließlich richtig an Bein und Fuß sitzen. Auch das schwarze Trikot will nicht gleich über seinen Oberkörper. Er verdreht seine dunklen Augen, und seine weichen Gesichtszüge verzerren sich für einen Moment, als er sich wie ein Schlangenmensch windet und verrenkt. Es vergeht eine gewisse Zeit, bis er endlich mit beiden Armen in das Hemd geschlüpft ist und es über seinem Bauch straff zieht. Nur bei den Schuhen lässt er sich helfen. Bevor das Spiel beginnt, bindet ihm sein Amtskollege Josef Feirer noch die Schnürsenkel zu. Der Alte zurrt die Knoten so stramm, dass sie für die kommenden 90 Minuten halten.

„Eigentlich sollte ein Schiedsrichter alles können“, sinniert Stichnoth, bevor er in die Pfeife bläst und die A-Junioren des FSV Höhenrain und der Spielgemeinschaft Münsing auf den Platz bittet. Aber er kann sich nicht einmal alleine anziehen. Seit seiner Geburt leidet der 27-Jährige an einer Hemispastik. Seine komplette rechte Seite ist bis zu einem bestimmten Grad gelähmt. „Das geht vom Gehirn aus“, erklärt er, dass es sich dabei um eine Erkrankung des zentralen Nervensystems handelt. Läuft Stichnoth über das Spielfeld, sieht man ihm die Behinderung kaum an. Nur wenn er seine rechte Hand einsetzen muss, um Auswechslungen oder gelbe Karten zu notieren, fällt es auf, dass er sie nicht richtig bewegen kann. „Es sind so Kleinigkeiten, die nicht gehen“, spricht er locker über die Probleme, die der Alltag für einen Menschen mit eingeschränktem Bewegungsapparat mit sich bringt.

Sich seine Kickstiefel selbst zu schnüren, stellt ein gravierendes Problem für ihn dar, seitdem die Sportartikelhersteller keine Fußball-Schuhe mehr mit Klettverschluss produzieren. Eine Gemüsedose alleine zu öffnen, war für ihn dagegen schon immer ein Ding der Unmöglichkeit. Auch eine Flasche Wein kann er nicht selber entkorken. Wie soll das funktionieren mit nur einer Hand? Zum Glück gibt es freundliche Nachbarn, die ihm gerne helfen. Auch in Höhenrain gehen ihm die Menschen wie selbstverständlich zur Hand. „Ich hoffe, dass der Knoten nicht aufgeht“, versichert sich Josef Feirer noch einmal bei seinem Schiedsrichterkollegen, bevor sie den Kunstrasen am Bussardweg betreten.

Der Starnberger ist der einzige Referee im Kreis Zugspitze mit einer solchen Behinderung. Die Vereine in den unteren Ligen kennen ihn inzwischen und gehen relativ locker mit ihm um. „Ich denke, viele wissen das nicht einmal“, ist er überzeugt, dass die wenigsten von seinem Handicap Notiz nehmen. Andere schauen genauer hin. „Jetzt ist der Schiri mit der Hand wieder da“, flüstern die Trainer ihren Spielern hin und wieder mahnend zu. Das klingt ein bisschen verlegen, schließlich verfügt normalerweise jeder Referee über zwei Hände mit zehn Fingern dran. Selbst bei Stichnoth ist das nicht anders. Die Kleinen, die der Erzieher im Kindergarten betreut, springen mit seinem Handicap ganz ungeniert um. Nur die Erwachsenen wissen manchmal vor lauter Unsicherheit nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Das führt bisweilen zu skurrilen Situationen. Einmal fragte ihn ein Spieler: „Schiedsrichter, sind sie behindert?“ „Ja“, lautete seine kurze Antwort. Damit war alles gesagt. Aber dieser Fall ist schon eher die Ausnahme. „Es wird mit mir ganz normal umgegangen“, spricht der Unparteiische von einem ansonsten unkomplizierten Verhältnis zu den zahlreichen Mannschaften.

Die haben mit ihm auch manchmal etwas zu lachen – wie der verdutzte Coach, auf den Stichnoth während eines Spiels in Raisting plötzlich zusteuerte. „Was habe ich denn gemacht?“, fragte ihn der Übungsleiter vorwurfsvoll. „Gar nichts“, entgegnete der Referee mit einem entschuldigenden Lächeln im Gesicht, „aber können Sie mir bitte meine Schnürsenkel zubinden?“

An diesem nasskalten Novemberabend ist nichts lustig auf dem Areal des FSV Höhenrain. Die wenigen Zuschauer ziehen fröstelnd die Köpfe in den Nacken und verkriechen sich in ihren dicken Daunenanoraks. Die Flutlichtmasten werfen nur ein spärliches Licht auf die beiden Mannschaften, die zu später Stunde um drei wichtige Punkte kämpfen. Der FSV möchte den Anschluss zur Tabellenspitze halten und Münsing den Kontakt zum gesicherten Mittelfeld nicht verlieren. Das macht die Aufgabe nicht leicht für Stichnoth. „Ich habe schon in den ersten zwei Minuten gesehen, dass es ein zerfahrenes Spiel wird“, gibt er zu. Die Jugendlichen gehen forsch zur Sache, die Fouls häufen sich und mit ihnen die Diskussionen. „Hey Schiri, siehst du nichts?“, hallen die Rufe durch die Nacht. Aber Stichnoth beschließt für sich, das Gemaule der Münsinger Betreuer erst einmal zu ignorieren.

Noch vor ein paar Jahren hätte er das nicht gemacht. Als das ganze Land 2006 Jürgen Klinsmann und seinem Sommermärchen huldigte, entschloss er sich, Schiedsrichter zu werden. Es ist kein leichter Job, vor allem nicht für einen Menschen mit Behinderung. „Manchmal glaube ich, dass ich nicht ganz für voll genommen werde“, räumt er ein. Aber seine Rolle als Regelsachverständiger verlieh ihm stets die Autorität, die er im normalen Leben nicht immer besaß. Alle mussten nach seiner Pfeife tanzen. Wenn sie sich sträubten, bekam es ihnen schlecht zu stehen. „Früher war ich ein Arschloch-Schiedsrichter“, gibt er zu, dass er lange ungenießbar war, „erst mit der Zeit bin ich ruhiger geworden.“

Mit den Jahren hat er sich eine gewisse Souveränität angeeignet, die ihm hilft, wenn ihm die Kicker den gebührenden Respekt verweigern. In Habach drückte er einmal einem ständig grantelnden Spieler seine Pfeife in die Hand und ging. Beide Mannschaften fingen zu lachen an, und danach war Ruhe. Als sich die A-Junioren der DJK Würmtal und des FC Hertha München auf einmal eine zünftige Keilerei lieferten, blieb er vollkommen gelassen, pustete dreimal in seine Pfeife, nahm den Ball und ging zum Duschen. „Als Schiedsrichter muss man sich Respekt verschaffen, aber gleichzeitig auch die Kumpelseite zeigen“, spricht er von einem Balanceakt, den er in jedem Spiel zu bestehen hat.

In Höhenrain hat er gleich mit mehreren Störfaktoren zu kämpfen, die ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen drohen. Die Kritik von außen reißt nicht ab. „Jetzt pfeif doch endlich mal“, protestieren die Münsinger nach nahezu jedem Körperkontakt vehement. Bald wird Stichnoth das Genöle an der Außenlinie zu bunt. Er verweist den Co- Trainer des Feldes, später räumt noch der Chef-Coach freiwillig den Platz. Auch die Spieler brauchen lange, bis sie kapieren, dass er die Regeln auslegt und nicht sie. Es hagelt achtmal Gelb und zwei Zeitstrafen. „Ich habe gedacht, da fliegt noch einer vom Platz“, sagte Stichnoth. Aber der klare 5:1-Sieg der Höhenrainer besänftigte dann doch die erhitzten Gemüter. So bleibt nach dem Schlusspfiff alles ruhig. Vorsichtshalber weicht ihm Josef Feirer nach dem Abpfiff nicht von der Seite und begleitet ihn wie ein Bodyguard in die warme Kabine.

So einen Schutzengel hätte er sich auch am 27. Mai gewünscht. Eigentlich war die Partie zwischen den A-Junioren des FC Traubing und der FT Starnberg 09 an jenem Freitagabend ein reines Routinespiel in der Gruppe 2 West. Die Freien Turner waren von Haus aus Favorit und wurden diesem Anspruch auch voll und ganz gerecht. Am Ende deklassierten sie die Gastgeber mit 12:1. In ihrer Überlegenheit verloren die Sieger jedoch jegliches Maß. Sie führten ihren Gegner vor und lachten ihn aus. „Jetzt hört mal auf“, ermahnte der Referee den Starnberger Kapitän, fair zu bleiben. Nur es half nichts.

Stichnoth hatte keine Lust mehr auf eine Nachspielzeit, die die Freien energisch einforderten. Er pfiff pünktlich ab. Die Mannschaften verließen den Rasen und steuerten dem Vereinsheim zu. Aber dann ging der Ärger erst richtig los. „Ich stand oben an der Kabine und habe gehört, wie die Starnberger skandiert haben, Schiri, du bist ne Missgeburt“, erzählt er noch immer ganz entsetzt von den Vorgängen. Er war nicht der einzige, der diese Beleidigung mitbekam. Auch die Traubinger Trainer hörten sie. Allein die Starnberger Betreuer stritten die Schmähungen später ab. „Die müssen sie ganz sicher gehört haben“, widerspricht der Unparteiische. Erst als die Freien das Gelände verließen, wagte er sich wieder in seine Kabine hinein.

In seiner Kindheit hatten ihn seine Eltern immer wieder eingetrichtert, dass er nicht hinhören soll, wenn ihn andere wegen seiner Behinderung hänselten. „Bei denen ist im Kopf etwas nicht richtig“, schärften sie ihm ein. Als er auf die Schule kam, stellte er fest, dass es viele Menschen gab, bei denen etwas im Kopf nicht stimmte. Sein Handicap machte ihn zu einem willfährigen Opfer. Stichnoth mag sich nicht gerne an seine Schulzeit erinnern, um die alten Wunden nicht wieder aufzureißen. „Das Übliche auf dem Pausenhof halt“, sagt er sachlich wie ein Buchhalter und hält sich bedeckt. Wer jemals einen Schulhof erlebt hat, weiß, dass Kinder auch grausam sein können und das Übliche die Hölle. Zwei seiner Mitschüler trieben es mit ihrem Spott einmal so weit mit ihm, dass sie für zwei Tage vom Unterricht ausgeschlossen wurden. Als er einen seiner beiden Peiniger später wieder traf, reagierte der vollkommen überrascht: „Ich dachte, ich habe dich umgebracht.“

Es ist spät am Abend, als sich Stichnoth hinsetzt, um seinen Bericht über das Spiel in Traubing zu schreiben. In diesem Moment wird ihm bewusst, wie sehr er verletzt und gedemütigt worden ist. „Da kam alles hoch“, erinnert er sich. Die Dämonen seiner Kindheit, die er so sicher in den Tiefen seiner Seele eingekerkert hatte, krochen wieder aus ihren Verließen.

Gegen solche Angriffe ist selbst der abgehärtetste Schiedsrichter wehrlos, der es gelernt hat, auf Durchzug zu schalten. Sein Fall zog weite Kreise und beschäftigte die Rechtsabteilung des Bayerischen Fußball-Verbandes. Die Angelegenheit landete schließlich vor dem Sportgericht Zugspitze. Obwohl die Starnberger alles abstritten, schenkten ihnen die Richter keinen Glauben und verurteilten die Freie Turnerschaft zu einer Strafe von 100 Euro. „Da muss man sich schon fast schämen“, schüttelt Stichnoth fassungslos den Kopf über das geringe Strafmaß.

„Was willst du, ein Spezi oder einen Schnaps“, fragt ihn Josef Feirer mit einem verführerischen Grinsen. Ein Obstler wäre nicht schlecht, nachdem er das Spiel in der Kälte unfallfrei über die Bühne gebracht hat. Aber er entscheidet sich für eine Flasche Apfelsaftschorle, die er zwischen seine rechten Hand und seinen Körper klemmt, weil er sie nicht festhalten kann. Dann diskutieren sie über das Spiel und die diskriminierenden Beleidigungen von Traubing. „Man muss sich manchmal fragen, ob die Behinderten normal sind oder die Normalen behindert“, wundert sich Stichnoth wieder einmal darüber, wie absurd der Fußball ist.

„Respekt“, schärfen Superstars wie Manuel Neuer, Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi gleich in mehreren Sprachen ihren Jüngern in einem Werbespot der UEFA ein. Zurecht klopfen sich die Vereine auf die Schultern für ihre Leistungen auf dem Gebiet der Inklusion. Auch die Gesellschaft darf stolz darauf sein, wie sehr sie sich für Behinderte engagiert und sie gegen alle Anfeindungen entschlossen verteidigt. Nur an jenem Abend im Mai hat Stichnoth in Traubing nichts von alldem gespürt. Weder die Starnberger Spieler noch ihre Trainer haben sich bis heute bei ihm entschuldigt. Als er im November ihren Abteilungsleiter Dieter Glavanich am Rande eines Schiedsrichterkurses an der Ottostraße trifft, antwortet der nur lapidar: „Die Sache ist für mich gegessen.“ Warum auch nicht? Die „Missgeburt“ hat Stichnoth ja nicht umgebracht. Er pfeift ja noch.     Christian Heinrich

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