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Eine Schräge voller Schätze: Museumschef Benjamin Tillig bedauert, dass nur wenige Besucher und keine Schulklassen die Sonderausstellung derzeit besuchen können. Das geht nur nach Anmeldung, sie läuft aber laut bisheriger Planung bis Anfang nächsten Jahres. 

Museum Starnberger See

„Schätze schauen“: Semmeln, der Mops und sein Freund

  • vonAstrid Amelungse-Kurth
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Wochenlang konnte niemand die neue Sonderausstellung „Schätze schauen“ im Museum Starnberger See in Starnberg besuchen. Nach Anmeldung sind Besucher nun willkommen - und ein Besuch lohnt sich.

Starnberg – Das Museum Starnberger See hat wieder geöffnet. Jeder kann rein, aber nur 15 Personen gleichzeitig, und dass ein Mundschutz getragen werden muss, versteht sich von selbst. Nur nach Anmeldung können hingegen das Lochmannhaus und die laufende Sonderausstellung besichtigt werden. „Schätze schauen“ ist aber einen Besuch wert.

Die Corona-Einschränkungen nimmt Museumsleiter Benjamin Tillig hin und versucht, das Beste daraus zu machen. Wirklich schade findet er, dass wegen der Beschränkung Schulklassen ausbleiben. So richtig voll ist es also nicht im Museum. Das ist schade, denn das was einem den Atem raubt, ist weniger der Mundschutz, sondern die überaus spannende Sonderschau „Schätze schauen“, die noch bis 10. Januar 2021 zu sehen ist.

„Ein Museum ist ein Ort der Dinge“, erklärt Tillig sein Museumskonzept, und er hat sich vorgenommen, Ausstellungsstücke „erlebbar“ zu machen. Seit einem Jahr ist er der Chef des Heimatmuseums, dass er aus dem Dornröschenschlaf holt. Die Corona-Krise hat zwar seine Pläne kräftig durchgewirbelt, aber im Nachhinein war das „auch ein fruchtbarer Moment“. Denn: „Wir hatten dadurch Zeit genug, darüber nachzudenken, was und wen wir mit dem Museum erreichen wollen, wie wir Publikum anziehen können und was im Museum fehlt.“

Historische Pläne und einige Rätsel 

Nun gibt es mehr Tische und Stühle im großen Garten, in dem Abstandsregelungen problemlos eingehalten werden können, und die hochwertige original italienische Cappuccino-Maschine sorgt für wahre Urlaubsgefühle, wenn man seinen Kaffee im Schatten der Esche genießt, die zur Eröffnung des Museums im Jahr 1914 gepflanzt wurde – der Legende nach von Bayerns letztem König Ludwig III. Ihm und den Gründungsvätern des Museums, darunter Richard Paulus und Martin Penzl begegnet man auch als erstes in der Sonderschau „Schätze schauen“.

Die handschriftliche Originalsatzung des Museumsvereins ist im Eingangsbereich mit weiteren Urkunden und einem neu angefertigten Architekturplan des Lochmannhauses, die auf neuen Vermessungen beruhen, ausgestellt. Beim Zeichnen dieser bauhistorischen Pläne sind die Forscher auf gleich mehrere große Rätsel gestoßen – wie kann es beispielsweise sein, dass die obere Stube mit der schönen Holzvertäfelung erst später eingebaut wurde, aber doch älter ist als die umgebenden Außenwände? Seit eineinhalb Jahren arbeiten sie an dem Gutachten und denken über den Sinn einiger nicht tragender Balken im Wohnraum nach.

Es sind genau solche Geheimnisse, die den Museumsleiter Benjamin Tillig begeistern. Um ihnen auf die Spur zu kommen und sie Besuchern zugänglich zu machen, berät er sich oft mit Fachleuten wie dem Generaldirektor des Bayerischen Nationalmuseums Dr. Frank Matthias Kammel und den Museumsdirektionskollegen vom Ismaninger Kallmann-Museum, vom Freilichtmuseum Glentleiten und vom Museum Marta Herford. Ziel sind ein neues Leitbild und Museumskonzept, mit dem Tillig das Haus in die Zukunft führen will.

Wie kam der Keramik-Mops ins Museum Starnberger See?

Am Liebsten aber fährt er doch immer wieder ins Depot und pustet Staub von den Regalen auf der Suche nach neuen Exponaten. In den Tiefen des Lagers hat er schon so manche Kuriosität entdeckt, die nun in der Sonderausstellung gezeigt wird. Schätze, die neue Geschichten über Starnbergs Vergangenheit erzählen oder die dazu einladen, eigene Geschichten zu erfinden. Dabei machen ihm besonders die kleinen Dinge Spaß. Wie der Keramik-Mops und sein „Freund“, ein exotisches Steingut-Vögelchen. Keiner weiß, warum sie überhaupt im Museum gelandet sind. Auch die französische Fahne, die wahrscheinlich aus der Zeit des deutsch-französischen Kriegs stammt, beschäftigt die Historiker ebenso wie zwei Semmeln, die in antiken Schraubgläsern liegen – vermutlich eine Feldverpflegung aus dem Ersten Weltkrieg.

Aber welche Geschichte verbirgt sich wirklich hinter dem Dolch, dem beharrlich das Gerücht anhaftet, der Opernsänger Leoni hätte sich damit umbringen wollen? Benjamin Tillig lacht und verweist auf die kurze und schmale Klinge, doch wer weiß, schließlich war die Feile, die Kaiserin Sisi das Leben kostete auch nicht viel länger. Daneben hat er ein Paar mit Silberfaden verzierte Rokoko-Schühchen aus Seide platziert. Ein Relikt vom Hofe? Und dann sind da noch der Löwenkopf, die ungewöhnliche Bugfigur eines Schlittens. Was hat es mit dem großen Papierglobus als Ballon auf sich, um den sich vielleicht Festgesellschaften der frühen Biedermeierzeit scharten oder doch die Schüler einer Dorfschule?

Viele Dinge, die wie Tempelschätze gehütet wurden und nun aus dem Museum eine Wunderkammer machen. Und weil es schon um die Dinge des Lebens geht, stimmt wunderbar ein Film der Medienkünstlern Peter Fischli und David Weiss aus dem Jahr 1987 ein. „Der Lauf der Dinge“ war der Renner auf der Documenta 8, ist nun Teil der Sammlung Centre Georges Pompidou in Paris und Dauerexponat des Museum of Modern Art New York. Damit ist Starnberg in wirklich guter Gesellschaft. 

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