1. Startseite
  2. Lokales
  3. Starnberg
  4. Starnberg

Schätze und Sorgen: Das Starnberger Museum und sein Depot im Luftschutz-Bunker

Erstellt:

Von: Tobias Gmach

Kommentare

Haben den Überblick: Museumsleiter Benjamin Tillig (l.) und Sammlungsleiter Daniel Kofler mit dem abgerissenen Arm einer Bugfigur des historischen Salondampfers Luitpold in einem der Depot-Räume.
Haben den Überblick: Museumsleiter Benjamin Tillig (l.) und Sammlungsleiter Daniel Kofler mit dem abgerissenen Arm einer Bugfigur des historischen Salondampfers Luitpold in einem der Depot-Räume. © Dagmar Rutt

Das Museum Starnberger See lagert ein Drittel seiner 6000 Objekte in einem ehemaligen Luftschutzbunker. Das Depot, das selbst geschichtsträchtig ist, bietet beste Bedingungen und bewahrt Schätze der Schifffahrt, Kunst und Alltagskultur. Ein Raum offenbart allerdings ein großes Problem.

Söcking – Dieses Bauwerk ist wirklich für Katastrophen gemacht. Darauf deuten schon sieben Buchstaben an der Wand nahe des Eingangs hin. „OP“, „RÖ“ und „AMB“ ist dort zu lesen – sogar, wenn man das Licht ausmacht. Die Leuchtschrift weist den Weg aber schon sehr lange nicht mehr in OP-Säle, Röntgenräume oder zur Ambulanz. In den Gängen mit den tiefen Decken stehen Kisten mit alten und noch verschweißten, neuen Büchern. Bestände des Stadtarchivs. Wer einige Meter nach dem Eingang nach links abzweigt, stößt auf Geschichte in sämtlichen Ausformungen: Dort breitet sich in elf Räumen das größte Depot des Museums Starnberger See aus. Dort lagert es etwa ein Drittel der insgesamt 6000 historischen Objekte.

Zur Orientierung: Wir befinden uns im Keller unter der Söckinger Grundschule, in verschachtelten Katakomben auf 750 Quadratmetern mit insgesamt 82 Zimmern. Vor manchen liest man auf kleinen Tafeln „Vorbereitung“, „Sterilisation“ oder „Wachstation“. Hinweise auf das ehemalige Hilfskrankenhaus, erbaut als Luftschutzbunker für Katastrophenfälle in Zeiten des Kalten Krieges. Am 20. Oktober 1967 wurde es gemeinsam mit dem Schulkomplex fertiggestellt und eingeweiht. 44 solche Not-Kliniken gab es einst in Bayern, 200 Betten standen im Keller unter der Schule. Nur einmal war Vollbetrieb: 1988 probten Ärzte und Krankenschwestern den Ernstfall.

Depot Museum Starnberg
Eingehüllte Gemälde in Spezial-Schränken: Jedes der insgesamt rund 2000 Objekte hat eine Inventarnummer und ist in einer Computer-Datenbank registriert. © Dagmar Rutt

Als Museumsdepot und Archiv in den Neunzigern schon eingezogen waren, dienten die Räumlichkeiten noch als Zivilschutzanlage – mit 626 Schutzplätzen. Die Stadt bekam die Vorgabe, den Keller jederzeit innerhalb von zwölf Stunden räumen zu können. Seit 2012, als die Anlage aus dem staatlichen Zivilschutz entlassen wurde, gilt das nicht mehr.

„Anfangs hatte ich schon Sorge, dass ich nicht mehr rausfinde“, sagt Daniel Kofler, der Mann mit dem Schlüssel für die Bunker-Türen. Kofler ist Sammlungsleiter beim Museum. Hochmodern und klimatisiert ist das Depot nicht, dafür sind die Bedingungen auf natürliche Art annähernd ideal. Konstant 17 bis 20 Grad, die Luftfeuchtigkeit etwas unter 50 Prozent, kein Tageslicht.

Koflers stetige Aufgabe in diesem Ambiente: „Ordnung reinbringen, um Sachen wieder zu finden“, sagt er. Davon zeugen Inventarnummern an jedem einzelnen Objekt: an den mit Kunststoff umhüllten Gemälden, den in Schränken liegenden Apostel-Figuren, am „Schulfunk-Empfangsgerät“ mit allerhand Reglern, an der historischen Wäscheschleuder und am Geschirr. So findet Kofler jedes potenzielle Ausstellungsstück in seiner Computer-Datenbank, samt Fotos, Angaben zu Herkunft und Zustand.

Ins Auge fällt der abgerissene Arm einer Bugfigur des Salondampfers Luitpold, der bis Mitte des 20. Jahrhunderts über den Starnberger See schipperte. Aber auch ein kleiner Sarg, der auf derselben Palette liegt. „Das ist kein Kindersarg“, sagt Kofler. Sondern ein sogenanntes Betrachtungssärglein, das den Menschen in früheren Zeiten die eigene Vergänglichkeit ins Bewusstsein rufen sollte.

Ehemaliges Hilfskrankenhaus: Das beweisen unter anderem diese Hinweise in Leuchtschrift an den Wänden.
Ehemaliges Hilfskrankenhaus: Das beweisen unter anderem diese Hinweise in Leuchtschrift an den Wänden. © Dagmar Rutt

In einem anderen Raum werden Erinnerungen an Kurt Schmid-Ehmen wach, der als Schöpfer des Reichsadlers und NS-Hoheitszeichens gilt. Der Bildhauer lebte zwanzig Jahre lang bis zu seinem Tod 1968 in Starnberg. Im Bunker steht eine Frau aus Gips von ihm. Eine Vorlage. „Sie sollte in doppelter Lebensgröße in einem Saal auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände aufgestellt werden“, erklärt Museumsleiter Benjamin Tillig bei der Depot-Besichtigung. Aber soweit kam es nicht. Weil die Nazis Polen überfielen. Weil der Krieg begann.

Zwischen diesen vielen Zeitzeugnissen kommt das Gespräch ganz automatisch aufs Thema Sammeln. „Die Sammlungsstrategie hat sich im Laufe der Zeit geändert“, erklärt Tillig. Kurz gesagt: vom Horten zum bewussten Auswählen. „Früher sammelten die Museen einmal quer durch die Alltagskultur. Es ging darum, die Welten der Großeltern zu retten. Heute entscheiden wir rigoroser, welche Objekte wir annehmen.“ Ein Beispiel: Tillig erzählt von der Frau, die ihm eine Ladung antiquierter Unterwäsche und Schürzen anbot. Und er schiebt nach, dass eine Unterwäschen-Ausstellung eher unwahrscheinlich ist. Kofler erklärt, welche Fragen sich die hauptberuflichen Geschichtsbewahrer bei einem Exponat stellen: „Woher stammt es? Was erzählt es? Warum schützen wir es?“

Das Museum hat klare Schwerpunkte: die Hof- und Dampferschifffahrt, die Kunst rund um den Starnberger See und das begehbare Baudenkmal Lochmannhaus. Und das Museum hat schlicht nicht endlos viel Platz, nein, sogar viel zu wenig, sagen Tillig und Kofler. Zum Beweis führen sie in einen Raum auf der anderen Seite der Katakomben. Er ist ihre persönliche Kammer des Schreckens. Der Raum soll nicht fotografiert werden, die beiden Männer wollen nicht den (falschen) Eindruck erwecken, dass sie nachlässig mit historischem Gut umgehen.

Museum Starnberg Depot
Allerlei Gegenstände der Alltagskultur sind in weiteren Räumen gelagert. © Dagmar Rutt

Herrschte im Trakt gegenüber fein säuberliche Ordnung, liegt und steht hier alles kreuz und quer und übereinander: Bauernschränke, Stühle, Betten, Werkzeuge, Sägen, Spinnräder, Webstühle, Wäschemangeln, ein Holzglockenspiel. Dazwischen durch führt der schmale Fluchtweg des Kindergartens. Er muss frei bleiben. Eigentlich müsste man hier eine große Revision machen, die Gegenstände von kundigen Schreinern prüfen und zusammenbauen lassen. Vielleicht würde man sogar echte Raritäten aufspüren. „Aber wir wollen gar nichts anfassen, weil wir nicht wissen, was dann passiert. Und danach müssten wir eh wieder alles aufeinanderstapeln“, sagt Tillig.

Er ist seit 2019 beim Museum, Kofler seit 2014. Beide kennen den Raum nicht anders. „Er ist unser größtes Problemkind“, sagt Tillig. Deshalb suche das Museum eine weitere große Fläche fürs Depot. „Etwa 200 Quadratmeter, ein Stadl oder ähnliches, wären gut.“ Dem Museumsleiter schwebt eine Kultur-Patenschaft vor. Geld dafür zahlen könne das Museum aber nicht. Tillig: „Sie kennen ja die finanzielle Lage der Stadt.“

Trotz des Kontrastprogramms am Ende bleibt von der Besichtigung vor allem eine schöne Parallele hängen: Dort unter der Grundschule, wo einst Menschen vor bösen Wendungen der Geschichte geschützt werden sollten, werden heute Dinge geschützt, die Geschichte erzählen.

Das Museum braucht mehr Platz: Führungen und Raumsuche

Das Museum Starnberger See bietet einstündige Führungen durch das Depot in den Räumen des ehemaligen Luftschutzbunkers und Hilfskrankenhauses an. Die ersten Termine: Mittwoch, 25. Mai, und Mittwoch, 1. Juni, jeweils um 18 Uhr. Wegen der beengten Räumlichkeiten sind pro Führung nur fünf Teilnehmer zugelassen. Der Eintritt kostet fünf Euro, Referent ist Sammlungsleiter Daniel Kofler. Treffpunkt ist an der Grundschule Söcking (Bismarckstraße 13). Anmeldung: per E-Mail an info@museum-starnberger-see.de oder telefonisch unter (0 81 51) 4 47 75 70. Wer dem Museum kostenfrei Räumlichkeiten für das Depot anbieten kann, möge sich per E-Mail an Leiter Benjamin Tillig wenden: leitung.mss@starnberg.de.

Auch interessant

Kommentare