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Nach einer Roten Karte schlug ein Amateur-Fußballer einen Schiedsrichter in der hessischen Gemeinde Münster bewusstlos.

Amateurfußball

Schiedsrichter nach Angriff in Hessen: „Wir haben Woche für Woche Riesenärger“

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Der Faustschlag gegen einen Fußball-Schiedsrichter in Hessen verunsichert die Unparteiischen rund um Starnberg. Viele Ehrenamtliche ziehen sich wegen verbaler Gewalt zurück. Auch körperliche Angriffe gab es heuer schon im Fünfseenland.

Landkreis – Die Amateurfußball-Szene ist entsetzt: Weil er ihn vom Platz schickte, schlug ein Spieler des FSV Münster den Schiedsrichter am vergangenen Sonntag bewusstlos. Nach der Attacke meldete der Verein die Mannschaft ab, der hessische Innenminister fordert eine lebenslange Sperre für den Spieler.

An drei körperliche Angriffe in diesem Jahr kann sich Christian Erdle im Bereich der Schiedsrichtergruppe Fürstenfeldbruck-Ammersee erinnern. „Zweimal wurde ein Schiedsrichter umgestoßen und einmal einer angespuckt“, sagt der Obmann. Sein Kollege Klemens Wind, der als Chef der Gruppe Weilheim den südlichen Landkreis Starnberg betreut, hat keinen konkreten Fall vor Augen. „Dafür gibt es immer mehr verbale Angriffe. Wir haben Woche für Woche einen Riesenärger. Einer hat wegen der aktuellen Lage aufgehört“, sagt er. Und: „Manche sagen ganz offen und ehrlich: Mir ist die Aggression zu viel.“

Wind spielt damit auf Beleidigungen durch Spieler und Trainer an, aber auch auf Zuschauer oder Eltern, die bei Jugendspielen derbe Ausdrücke fallen lassen. Deshalb ist der Obmann auch schon aktiv geworden: „Ich rate den Schiedsrichtern bei Tagungen, ihre Familien nicht zu den Spielen mitzunehmen. Die Kinder sollen doch nicht hören, wie ihr Vater beleidigt wird.“

Schiedsrichter im Landkreis Starnberg: Nord-Süd-Gefälle

22 000 Schiedsrichter weniger als noch 2011: So lautet die aktuelle deutschlandweite Bilanz. Blickt man auf die Region, ist ein drastisches Nord-Süd-Gefälle festzustellen. Während es im Bereich Fürstenfeldbruck-Ammersee laut Erdle konstant mehr Unparteiische werden, beobachtet Wind rund um den Starnberger See das Gegenteil: „Wir haben einen absoluten Schwund und sind stark überaltert“, betont er. Die Zahl der Schiedsrichter sei in der gesamten Weilheimer Gruppe in den vergangenen Jahren von mehr als 200 auf 175 gesunken. „Davon stehen aber nur 40 regelmäßig zur Verfügung. Und 40 andere sind nur passiv dabei.“

Das Nord-Süd-Gefälle gilt auch für die Zahl der Anfänger. Während Nord-Obmann Erdle von regelmäßig mehr als 25 Kursteilnehmern berichtet, kommen im Süden laut Wind teilweise nicht einmal zehn Interessierte. Erdle relativiert den Unterschied mit Blick auf große Gemeinden wie Gilching: „Wir liegen im Speckgürtel von München mit vielen Einwohnern.“ Der Obmann ist froh, „dass wir alle 6000 Spiele im Jahr bis zur untersten Liga der D-Jugend besetzen können. Und manchmal helfen wir auch benachbarten Gruppen aus.“ Im südlichen Starnberger Landkreis gibt es laut Wind hingegen mehrere Vereine, die überhaupt keine Schiedsrichter stellen und deshalb Strafgelder an den Bayerischen Fußballverband zahlen müssen.

Attacken gegen Schiedsrichter wie gegen Polizisten und Rettungskräfte

Der BFV bestätigte gegenüber dem Merkur, dass das Hauptproblem nicht die Gewinnung von Schiedsrichtern ist – sondern, dass viele kurz nach dem Kurs wieder abspringen. Von einer „hohen Abbrecherquote“ spricht auch Wind. „Viele pfeifen drei, vier Spiele und hören dann wieder auf.“

Den hohen Druck, selbst im Jugendbereich, halte nicht jeder aus, ergänzt Erdle. „Aber mir ist es lieber, jemand entscheidet frühzeitig, dass es nichts für ihn ist.“ Immerhin: Die Kommunikation mit den Vereinen habe sich in den vergangenen Jahren verbessert, sagt er – auch dank der Aktion „Fair trotz Emotion“ der Schiedsrichter.

Dass bei bestimmten Vereinen das Aggressionslevel der Spieler besonders hoch sei, bestätigen beide Obmänner auf Nachfrage des Starnberger Merkur. Für Klemens Wind sind die Verhaltensweisen vor allem „ein Spiegel der Gesellschaft. Damit hat jeder zu tun, der in der Öffentlichkeit etwas durchsetzen und entscheiden muss“. Er denke an Polizisten und Rettungskräfte, die im Einsatz körperlich und verbal angegangen werden.

Schiedsrichter-Kurs

Der nächste Neulingskurs der Schiedsrichtergruppe Weilheim findet am 7. Februar in Polling statt. Gerade weibliche Interessierte werden gesucht. Weitere Infos im Internet gibt es auf der Seite www.srg-weilheim.de.

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