Haben wenig zu tun: Wilhelm Krautsieder und Veronika Freisl von Taxi Willi aus Gilching. Die beiden leben auch davon, Geschäftsleute rund um den Flughafen Oberpfaffenhofen zu Terminen zu befördern. „Aber es gibt ja keine Vorort-Meetings mehr“, sagt Krautsieder.
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Haben wenig zu tun: Wilhelm Krautsieder und Veronika Freisl von Taxi Willi aus Gilching. Die beiden leben auch davon, Geschäftsleute rund um den Flughafen Oberpfaffenhofen zu Terminen zu befördern. „Aber es gibt ja keine Vorort-Meetings mehr“, sagt Krautsieder.

Branche schwer von Corona getroffen

Schlange stehen für die 7,60-Euro-Fahrt: Der Alltag von Taxifahrern in der Krise

  • Tobias Gmach
    vonTobias Gmach
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Taxifahren lohnt sich ohne reges öffentliches Leben selbst mit guter Stammkundschaft nicht. Unternehmer im Landkreis kämpfen mit hohen Fixkosten, Leben vom Ersparten und müssen teilweise Mitarbeiter entlassen.

Landkreis – Der Starnberger Bahnhof See an einem Mittwochmittag im Teil-Lockdown: Zehn Taxis stehen Schlange am Straßenrand. Die Fahrer schauen in Zeitungen und Smartphones. Bei jedem Fußgänger blicken sie kurz erwartungsvoll hoch – in der Hoffnung, dass er einsteigt. Das passiert aber nur selten. Drei Stunden lang wartete Barakat Chekh Nabo in seinem Auto zuletzt am Bahnhof, um dann jemanden in die Egerer Straße zu fahren. Für 7,60 Euro. „Ich habe zurzeit drei bis fünf Fahrten am Tag – und auch nur innerhalb Starnbergs“ erzählt er. Ohne Lockdown seien es 15 bis 20, und fast jeden Tag wolle jemand zum Flughafen. „Aber jetzt mache ich 100 Euro Umsatz – Umsatz!“, betont Chekh Nabo. Sein Auto stottert er gerade mit 600-Euro-Raten im Monat ab, dazu kommt die teure Versicherung als Personenbeförderer.

Taxifahren lohnt sich derzeit selbst mit guter Stammkundschaft nicht. Da sind sich die Unternehmer im Landkreis einig. Die Branche ist angewiesen auf ein reges öffentliches Leben, auf offene Kneipen, größere Abendveranstaltungen, viele Bahn- und Flugreisende.

Man muss schon von einer „glücklichen Lage“ sprechen, wenn man regelmäßig Dialyse-Patienten ins Krankenhaus fahren darf. Das tut Manfred Weid. Aber auch er spricht von 70 Prozent weniger Verdienst seit April 2019. „Abends und nachts brechen mir 70 bis 80 Prozent der Fahrten weg“, sagt der Starnberger Taxifahrer.

„Keine Vorort-Meetings“: Geschäftsleute fehlen als Kunden

Den Gilchinger Wilhelm Krautsieder erreicht der Anruf des Starnberger Merkur zu Hause, nicht auf der Straße, wo er an einem Montagvormittag in normalen Zeiten ziemlich sicher wäre. Sein „Taxi Willi“ lebt auch davon, Geschäftsleute rund um den Flughafen Oberpfaffenhofen zu Terminen zu befördern. „Aber es gibt ja keine Vorort-Meetings mehr“, sagt Krautsieder. Die fünf Autos seiner Firma stehen gerade sehr viel rum, eines davon setzt er überhaupt nur noch sporadisch ein. Wegen Corona habe er eine Wohnung verkauft, die Ersparnisse seien bald aufgebraucht, sagt Krautsieder. Er denke darüber nach, jemanden seiner Mitarbeiter zu entlassen. „Das Kurzarbeitergeld ist ein Witz“, schimpft er. 3000 bis 4000 Euro habe seine kleine Firma monatlich bekommen. Er habe aber Lohnkosten von 12 000 bis 15 000 Euro.

Martin Bleschart und Andreas Mühlbach, die Geschäftsführer von Taxi Ammersee, haben ihren Nachtfahrer in Kurzarbeit geschickt und eine Aushilfe entlassen. „Die Fahrer wollen ja selbst nicht mehr, sie sind ja umsatzbeteiligt“, sagt Bleschart. Für seinen Teil ergänzt er: „Am Bahnhof in Herrsching stelle ich mich schon gar nicht mehr hin. Das hat keinen Wert.“ Die Aufträge konzentrieren sich auf Kranken- und Schülerfahrten. Und auf einen weiteren Stammkunden kann Taxi Ammersee zählen: das Klinikum Seefeld. Dort holen die Fahrer regelmäßig Blutproben ab und bringen sie ins Labor. „Da geht’s uns noch besser als manch anderen. Einige Kollegen habe ich seit Tagen nicht gesehen“, sagt Bleschart. Selbst hofft er, dass es demnächst mit der staatlichen Corona-Hilfe klappt.

„Das Telefon ist wie tot. Der Flughafen München ist ein Friedhof“: Diese Sätze sagt der Gautinger Fahrer Arasarathinam Paskaran. Der 57-Jährige weist darauf hin, dass im Landkreis Starnberg vor allem Einzelunternehmer Taxi fahren, die ihre hohen Fixkosten alleine decken müssen. Wie er das gerade hinbekommt? „Ich war fleißig in den letzten Jahren. Und ich bin Asiate – ich denke an Notsituationen.“

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Der Umzug der Firma Messring innerhalb des Landkreises von Krailling nach Gilching ist abgeschlossen. Nun baut der Weltmarktführer für Crashtest-Technologie seine Anlagen auf dem Gelände des Sonderflughafens Oberpfaffenhofen.

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