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Das Klassenfoto einst: 1949 bauten sich die Sechstklässler der Schlossbergschule zum Gruppenfoto auf

Klassentreffen des Jahrgangs 1936/37

Eine Kindheit in Starnberg

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Wie war das im Krieg und in den Jahren danach? Zum Treffen des Jahrgangs 1936/37 gibt es viele Erinnerungen.

Starnberg – Sie treffen sich alle fünf Jahre. Das ist seit nunmehr fünf Jahrzehnten so etwas wie ein Gesetz. Alle fünf Jahre wird in Erinnerungen geschwelgt, werden Komplimente verteilt, wird die gemeinsame Zeit genossen. Es geht um die Mädchen und Buben des Jahrgangs 1936/37, die im Jahr 1943, also mitten im Zweiten Weltkrieg, in die Schlossbergschule eingeschult wurden. 84 Kinder waren es damals, etwa 40 von ihnen haben sich am Dienstag im „Seehof“ in Herrsching getroffen.

Erna Schreiner aus Hanfeld hat das Treffen organisiert. „Wir waren ein Super-Jahrgang“, erzählt sie. „Und wir haben immer Themen, wenn wir uns treffen.“ Bis nach Kanada, Australien, Schweden und Italien hat es einige mittlerweile verschlagen. Ein Klassenkamerad, Hans Jürgen Gern, aufgewachsen in der Maximilianstraße 9, lebt seit vielen Jahren in Köln. „Mit uns stirbt irgendwann die letzte Generation aus, die den Krieg und die Besatzungszeit noch bewusst erlebt haben“, erzählt er. „Ich habe die Bilder von damals noch immer vor Augen.“ Für den Starnberger Merkur hat er seine Erinnerungen an diese Jahre aufgeschrieben:

„Wir waren während des Zweiten Weltkriegs und in den unmittelbar nachfolgenden Jahren Zeugen einer äußerst bewegten Zeit. Wir erinnern uns noch an das abendliche Verdunklungsgebot für die Gebäude der Stadt, das Heulen der Sirenen, die Stunden im Luftschutzkeller, das Dröhnen der alliierten Flugzeugverbände auf dem nächtlichen Weg in Richtung München sowie die beklemmende Stille danach. Ebenso wie an einen einzelnen Bombenabwurf nahe der Starnberger Turnhalle, aber auch an das täglich vor Beginn des Schulunterrichts mit gestrecktem Arm zu begrüßende große Foto an der Wand hinterm Lehrerpult.

Dann, 1945, die Zäsur: Das Kriegsende, manche Familienväter in Gefangenschaft, hingegen Flüchtlinge aus dem Osten, Vertriebene, Beschlagnahmungen, Zwangseinweisungen, Mangel aller Orten. Die Amis rückten in Starnberg ein, besetzten Hotels, Gasthöfe, privaten Grundbesitz und Ladenlokale, die Bäder, die Segel- und Ruderclubs, die Stadt ward von Seiten der US-Army binnen kurzer Zeit zum ,Recreation Center‘, zum Erholungsort, erklärt.

Während es der Generation der Besiegten in Anbetracht der erschwerten Lebensverhältnisse und des allgemeinen Mangels mit all seinen Begleiterscheinungen naturgemäß nicht leicht fiel, sich rasch auf die relativ unkonventionellen Umgangsformen der fremden Besatzer einzustellen, nahmen sich die Amerikaner bevorzugt der jugendlichen Bevölkerung an, um das Eis mit Hilfe von Coca oder Pepsi Cola, Kaugummi und allerlei weiterer fremdartiger Herrlichkeiten aufzubrechen.

So wurden die Räumlichkeiten des Münchener Ruderclubs zum G.Y.A., einer deutsch-amerikanischen Begegnungsstätte, in der schon mal englischer Sprachunterricht, aber auch freiheitlich-demokratische Umerziehung angeboten wurde. Für die seinerzeit acht und neun Jahre alten Mädchen und Buben eine ebenso aufregende Zeit wie für deren Eltern.

Grundnahrungsmittel waren rationiert, Hamsterfahrten zu den Bauern üblich, die Tauschzentrale, aber auch der Schwarzmarkt, oft die einzige Möglichkeit, dem täglichen Mangel abzuhelfen. Während es den Besatzern offensichtlich an nichts fehlte: Die unterhielten mit dem PX am ,Bayerischen Hof‘ ein eigenes Warenlager, für Deutsche kein Zutritt. Denen blieb das Staunen, als die ersten Ami-Schlitten auftauchten, während einheimische Kraftfahrzeuge notgedrungen zum ,Holzgaser umgerüstet am Verkehr teilnahmen.

Den regelte ein Soldat von der Military Police, mit weißem Schlagstock ausgestattet in sehenswerten Ballettposen auf der Kreuzung Münchner Straße/Hanfelder Straße/Wittelsbacherstraße, denn Ampeln kannte man damals in Starnberg nicht. Und in dem einen oder anderen Jeep, Truck oder Geländewagen war auch ein GI mit afrikanischen Vorfahren zu bestaunen, der mit der ihm eigenen Gelassenheit eine Old Gold, Camel, Lucky Strike oder gar Pall Mall rauchte.

In gebührendem Abstand die erwartungsvollen Kippensammler, zumeist Schulbuben, die im Auftrag eines daheim ausharrenden Erwachsenen auf den möglichst frühzeitigen Abwurf des (auch Hugo genannten) Glimmstängels hoffen durften.

Die Nachkriegswinter mit arktischen Temperaturen waren eine neue Herausforderung wegen des Mangels an Brennmaterial. Ein Schulkind musste täglich ein Brikett im Ranzen zur Schule mitbringen. Und im Verlauf des Sommers fischten die Amerikaner mit Dynamitpatronen im See, das Ufer war danach mit tausenden toter Fische bedeckt.“

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